Humor, Mode und schnelle Autos sind etwas wahnsinnig Subversives
Lippenstift, Marxismus und Tod: "Baader" und die Romantik der Revolte
Kino, hat man mal formuliert, ist, wenn schöne Menschen schöne Dinge tun. Bei Christopher Roth versuchen ein paar kluge, junge, gut aussehende Leute den Kapitalismus zu beseitigen und das "Schweinesystem" zu revolutionieren. Sie fahren schnelle Autos, kiffen und schlucken LSD, tragen Cord-Jacken und nähen sich ihre Hosen enger.
Weil der Film "Baader" heißt, gefällt das manchen nicht, und sie kommen mit den Fakten, Fakten, Fakten aus dem historischen Seminar, anstatt zu erkennen, dass hier mit Geschichte umgegangen wird wie bei Shakespeare oder Umberto Eco. Während die einen verkrampft ihre Deutungsmonopole verteidigen, ist Christopher Roths Wahrheit eine andere. Er will etwas spürbar machen vom Lebensgefühl, das intelligente Menschen in den Terrorismus gleiten ließ. Indem er seine Figuren Baader, Ensslin, Meinhof (Frank Giering, Laura Tonke, Birge Schade, allesamt hervorragend) als junge, etwas verwirrte aber nicht grundsätzlich unsympathische Personen vorstellt, Skizzen aus ihrem Leben zeigt, die im Detail erfunden sind, im Grundsätzlichen aber tatsächlichen Ereignissen folgen, lenkt er den Blick auf Überraschendes: Auf einmal entdeckt man, dass diese Kapitalismusfeinde auf schnelle Auto standen und gerne Cordsackos und Sonnenbrillen trugen, ahnt man, dass vielleicht die Posen, die sie sich in Filmen wie "Pierrot le Fou" oder Italo-Western abguckten, für die Geschichte dieser an den Terrorismus verlorenen Kinder des Wirtschaftswunders wichtiger war, als die Lektüre von Marx und Lenin.
Terrorismus, ein Gangsterfilm - in schönen, stimmungsvollen Bildern, mit viel Gespür für Zufälle und Möglichkeitssinn, ist "Baader" eine Verteidigung der Oberfläche, ein Film, der vor allem Freiheit sucht. So steht "Baader" "Bonnie und Clyde" oder Rudolf Thomes wunderbarem "Rote Sonne" weitaus näher, als etwa Andres Veiels bravem Konsensfilm "Black Box BRD": Ein Dissensfilm, der darauf verzichtet, auch noch die RAF historisch einzugemeinden, der daran erinnert, dass Streit und Offenhalten von Unklarheiten manchmal besser ist, als Versöhnung. Mutige, intelligent und - nicht zuletzt - unterhaltsam. Gutes Kino eben.
Roth: Die Ansicht, dass man, wenn man links ist oder Idealist ist, auch in den allerletzten Klamotten herumlaufen müsste, ist eben falsch. Godard und Truffaut haben teure Autos gefahren und trotzdem linke Filme gemacht. Die RAF ist von ihrem Stil, von den Posen, Gesten, Klamotten, Geschlechterbeziehungen meiner Meinung nach nicht zu trennen. Baader war auf seine Art konsumgeil, einer, der sich wahnsinnig für schnelle Autos interessiert hat, der seine Hosen enger genäht hat. Gudrun Ensslin war einmal verschwunden, und alle aus der Gruppe dachten, sie sei verhaftet worden. Da war sie - auf dem Höhepunkt der Fahndung - im Kaufhaus gewesen, und hat sich ein Parfüm gekauft. Sie wurde ja auch im teuersten Modeladen Hamburgs verhaftet, als sie ein blaues Lederjacket anprobiert hat.
Mode ist also selbst etwas Progressives das Normalität angreift?
Roth: Ja unbedingt. Ich finde diesen Muff, die Trostlosigkeit, die im Zusammenhang mit linker Politik bei uns vermittelt wird, auch die Humorlosigkeit fatal. Humor, Mode und schnelle Autos sind etwas wahnsinnig Subversives.
Ist die 68er-Revolte daran zugrunde gegangen, dass in der Bundesrepublik zuviel Muff war? Oder bei der Linken?
Roth: Zumindest ist dies ein Punkt gewesen, warum es viele abgestoßen hat. Es gab da eine Einigkeit im Muff zwischen System und Opposition, dass es jetzt so muffig weitergehen muss. Dass sich Baader und Ensslin als Filmhelden stilisiert haben, hat sie zu einem Problem für manche Linke gemacht. Die zweite und dritte Generation waren demgegenüber eher Techniker, und man fragte sich auch ab und zu: Sind die denn überhaupt klug genug? Die hatten ja auch Probleme, Leute zu rekrutieren. Woran es aber wirklich gescheitert ist, ist sicher, dass es so nicht möglich war in Deutschland. Das Problem ist natürlich, dass die Analyse nie stattgefunden hat, ob das Land bereit ist für eine Revolution. Die haben relativ früh ihre Körper dafür haftbar gemacht, dass das, was sie sagen, richtig ist. Darum haben ja viele Linke auch gesagt: Das geht uns jetzt zu weit, wir wissen noch gar nicht, was hier los ist. Das war umgekehrt ja aber auch gerade das intelligente: Dass sie gesagt haben: Man muss ausprobieren, ob es möglich ist, Illegalität ausprobieren...
Und man müsse das Land bereit machen, bereit ballern für die Revolution...
Roth: Ja genau. Es gibt ja auch diesen tollen Satz von Ulrike Meinhof: "Wenn die Zeit für den Aufstand gekommen ist, ist es zu spät ihn vorzubereiten." Das Experiment als Kriterium der Wahrheit. Deswegen war die erste Generation der RAF auch zweifelnder, hat mehr ausprobiert. Die zweite Generation hatte ein klares Ziel: Gefangenenbefreiung.
Die hatten ja auch in ihren Handlungen eine Konsequenz, in der alles Spielerische gefehlt hat...
Roth: Alles!
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In einem gewissen Sinn entsprechen die Terroristen der späten 70er-Jahre auch ihrer Zeit, der Erstarrung, die dann mit Ende der Brandt-Regierung einsetzt. So erstarrt ist auch der Terrorismus. Die zweite Generation entspricht Schmidt - jede Zeit, könnte man sagen, hat die Terroristen, die sie verdient. Wenn man liest, wie dieser "Volksgerichtshof" gegen Schleyer ablief, und sie dann Schleyer nur deswegen getötet haben, weil sie es halt machen mussten, ohne sachlichen Grund, einfach, um konsequent zu sein...
Roth: Da waren ja auch echte Volldeppen dabei. Die haben noch die Bänder verschwinden lassen, weil es peinlich war. Mich hat auch wirklich nur die erste Generation interessiert.
Was hat Sie besonders an Andreas Baader als Filmstoff fasziniert?
Roth: Die oben beschriebene Haltung: Der Zusammenhang von Politik und Ästhetik. Etwa im Kinderladen hat er sich einmal auf den Tisch gestellt und Geld runtergeschmissen und gesagt: "Wer's kriegt, der darf's behalten. Das ist Kapitalismus!" Auch die Liebesgeschichte zwischen Ensslin und Baader gefällt mir. Dieses wilde Leben, dass die kurze Zeit geführt haben, und das von revolutionärer Strenge weit entfernt war. Ich finde, alles, was er gemacht hat, kann man sehr verschieden sehen, es ist nicht eindeutig gut oder böse. Andererseits war er ein Verführer, hat die anderen Leute natürlich kriminalisiert. Ich habe nicht nur eine Haltung zu dem Thema, sondern viele. Die historische Figur Andreas Baader interessiert mich als Material, um die Spannung zu erzeugen zu dem, was ich dazuerfinde. Gerade das Zusammenspiel zwischen Fakten und Fiktion ist interessant. Dagegen kann ich der vordergründigen Authentizität, wie sie Dokumentarfilmer behaupten, wenig abgewinnen. Zudem ist dieses Vorgehen viel fiktionalisierender, als ein Spielfilm. Biographien sind verführerisch, man muss dabei immer wieder klarmachen: So war es nicht.
Was haben Sie für persönliche Erinnerungen an diese Zeit? Wie haben Sie sie verarbeitet?
Roth: Die historischen Ereignisse habe ich gar nicht mitbekommen. In meinen Kindheitserinnerungen ist das Deutschland der 70er Jahre unendlich trostlos, alles ist grau, die Männer tragen braune Kassenbrillen. Der Ausweg waren amerikanische Filme. Das war das erste Mal, dass - in meiner Erinnerung - Farbe nach Deutschland kam. Und dann die Olympiade 1972 - ich bin in München aufgewachsen, und habe sie selbst miterlebt - mit diesen Eindrücke vermischt sind die Bilder vom deutschen Terrorismus. Gemeinsam mit meinem Co-Autor Moritz von Uslar habe ich ein erstes, viel zu langes Drehbuch hergestellt, das sich nicht genau an die Fakten hält. Es gab auch eine Fassung, bei der Baader noch am Leben ist, und in Paris lebt. Es wurde dann peu à peu verbessert. Ich habe lange Gespräche mit Horst Herold geführt - ein toller, hochintelligenter Mann, der für Baader viel Anerkennung, fast eine Zuneigung hatte -, auch mit ehemaligen RAF-Mitgliedern. Irgendwann findet man dann den richtigen Zugang.
Es gibt in ihrem Film eine antagonistische Beziehung zwischen BKA-Mann Krone (der für Horst Herold steht) und Baader. Wie kamen Sie darauf?
Roth: Herold selbst hat einmal gesagt: "Niemand hat mich so gut verstanden wie Baader, und ich habe niemanden so gut verstanden." Zudem war Herold ja tatsächlich der Ansicht, es hätte in der Bundesrepublik eine Revolution geben können: "Dutschke hätte es schaffen können." hat er einmal gemeint. Er hat lange versucht, zu deeskalieren, war auch der Meinung, die RAF sei kein Problem in den Köpfen der Studenten, sondern ein Problem der Gesellschaft.
Man hat den Eindruck, dass Ulrike Meinhof in dem Film eher schlecht wegkommt, ein paar kluge Sachen sagt, und dann fast verschwindet. Warum?
Roth: Erstens natürlich weil der Film eben über Baader geht. Zweitens weil sie im Untergrund tatsächlich eher eine Außenseiterrolle gespielt hat. Sie war die bürgerliche Frau, die das alles eigentlich nicht richtig kann, kein Auto knacken, ständig in die Fahndung fährt.
Hat sie wirklich einmal bei einem Bankraub Geld vergessen?
Roth: Ja ja - die hat ja auch so etwas Vampirhaftes bekommen. Sie ist nur noch nachts rausgegangen. Und es gibt diese Sätze: Ich liebe den Winter, da sind die Tage kürzer, die Nächte lang, sie ist dann sehr depressiv geworden. Und auch ihre Texte sind keine theoretischen Meisterwerke.
Muss man ein bisschen von der realen Geschichte kennen, um den Film zu verstehen?
Roth: Nein. Ich wünsche mir dass man den Film als Film sieht, als "good story". Und ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn die Leute denken, der ist 1972 erschossen worden. Ich sehe da keine große gesellschaftliche Verantwortung, die Wahrheit zu erzählen.
Der Film ist ja nach der Berlinale noch einmal umgeschnitten worden? Was fehlt, und warum?
Roth: 15 Minuten sind rausgeflogen. Mir war der Film einfach zu lang, nicht irgendwo, sondern insgesamt. Ich mag selten lange Filme, freue mich immer, wenn es nach 90 Minuten vorbei ist. Und der Anfang wucherte etwas, überforderte etwas. Darum ist der einfacher. Beim Rest sind fast keine Szenen rausgeflogen. Aber ich habe nirgendwo auf direkte Kritik reagiert.
Bei der Berlinale ist Ihr Film von vielen kritisiert worden: Im Ausland sind die Reaktionen des Publikums dann begeistert...
Roth: Im Ausland - der Film ist inzwischen in Paris und Edinburgh gelaufen - ist die Reaktion tatsächlich viel differenzierter. Hier dagegen wird der Versuch, aus Baader einen Actionhelden zu machen oder eine Pop-Figur, immer sofort abgelehnt.
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Dieser Pop-Begriff ist ja etwas abgedroschen. Was er vor allem besagt: Es ist ein ernstes Thema, darf aber trotzdem Spaß machen...
Roth: Ja. Was Pop glaube ich aber hier auch meint: Baader wollte selbst tatsächlich ein Pop-Held sein. Das war ja das, was ihn ausgemacht hat, warum er die anderen in die Gruppe hineingezogen hat. Denen musste er nicht noch einmal erklären, wie Marxismus-Leninismus funktioniert. Und es gehört eben dazu, dass Baader und Ensslin, kurz bevor sie diese Kaufhäuser angesteckt haben, "Pierrot le Fou" gesehen haben. Und dann Baader gesagt hat: "Ha, war ja nur ein Film, das machen wir selber!". Und dass sie dann nach Paris gefahren sind, und in der Wohnung von Regis Debray gewohnt haben. Der war damals im Gefängnis, und Baader hat auch immer die Hemden von ihm angezogen. Bei all dem ging es nicht primär ums Revolution-machen, sondern ums verliebt-sein. Aber ich sage ja auch nicht: Das ist alles nur Pop. Ich will vor allem nicht, dass mein Film so eine Eindeutigkeit der Bewertung bekommt - weder ins zu Negative, noch zu Positive. Sondern der Film soll auch meine eigenen Zweifel mitteilt. Ich habe ein Unbehagen gegenüber Authentizität.
Aber Sie haben doch sicher - wenn nicht Antworten - zumindest eine Haltung. Wie sieht die aus?
Roth: Ich habe viele Haltungen.
Ok, aber man wird doch, wenn man einen Film macht, eine Haltung entwickeln müssen. Das heißt ja nicht, dass man megakonsequent sein muss. Aber was ist Ihre Haltung der Realität gegenüber? Was hat Realität für eine Bedeutung für Sie als Filmemacher? Oder ist das vielleicht eine falsche Frage?
Roth: Nein, das finde ich sehr interessant, weil wahrscheinlich Film von allen Kunstarten am genauesten an der Realität gemessen wird. Weil es sie abbildet. Und weil man sofort sieht, wenn etwas nicht stimmt. Das umgehe ich natürlich, weil ich sie nie so darstellen kann, und weil sie dann, wenn es gelingt, wahrscheinlich auch nie so darstellen kann. Man muss immer wieder klarmachen: Das ist eine persönliche Sicht. Und es ist eben Film, und Film trivialisiert. Die Wirklichkeit ist tausendmal komplexer, als das, was ich hier zeige. Aber es ist unmöglich, das Ereignis so zu zeigen, wie es war. Nehmen wir Ridley Scotts neuen Film BLACK HAWK DOWN - den ich hervorragend finde. Weil er als Film die Filmkunst weiterbringt. Diese Authentizität, die will man doch eigentlich gar nicht. Aber es gibt in Deutschland so ein wahnsinniges Verlangen nach "dahinter-gucken", nach "wirklichem Leben." Das interessiert mich überhaupt nicht. Tut mir leid. Kino ist Kunst. Und in der Kunst gibt es Lösung, weil es kein Problem gibt.
http://www.heise.de/tp/artikel/13/13443/1.html- Baader? Nö, Meinhof! (20.10.2002 13:37)
- kleiner hinweis bez. kommunismus (19.10.2002 17:57)
- Was haben denn Anarchisten mit den Schriften von Marx gemein? (19.10.2002 16:57)
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