Zum Imperium verdammt

27.10.2002

Während die US-Administration wilde Entschlossenheit demonstriert und Europa über Amerikahass streitet, zeigen US-Strategen sich über das imperiale Schicksal ihres Landes noch tief verunsichert

Es gilt, einer Wahrheit klar und offen ins Auge zu blicken: Die Welt hat sich neu sortiert. Die "neue Weltordnung" ist unipolar. Sie besitzt ein einziges Zentrum, die USA, die zugleich ihr Herr und Zuchtmeister sind. Innerhalb nur einer Dekade ist dem Land diese Rolle in den Schoß gefallen. Allen Auguren zum Trotz, die nach dem Fall der Mauer, dem Ende der Bipolarität und den Schwierigkeiten der US-Ökonomie danach die "Gleichrangigkeit der Staaten" (Der elfte September) und die Heraufkunft eines "multipolaren", "europäischen" oder gar "pazifischen Jahrhunderts" geweissagt haben. So schnell fallen soziologische Supertheorien wie Kartenhäuser in sich zusammen.

Das Reich ist überall

Dass die USA längst in ihrer eigenen Liga spielen, die Kluft nicht mehr nur zwischen Reich und Arm, Westen und Nicht-Westen verläuft, sondern auch zwischen Amerika und dem Rest der Welt - diese Botschaft hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Sogar in Amerika. Erst allmählich reift dort die Vorstellung, dass die amerikanische Hegemonie wohl keine vorübergehende Phase der Weltgeschichte sein wird. Today, all the world is America - diese Parole, die Zbig Brzezinski vor mehr als dreißig Jahren ausgegeben hat, ist nun Wirklichkeit. America is everywhere. Kein Wunder, dass die Herzen rasen, die Köpfe glühen und die Augen feucht werden, wenn obendrein der Begriff Imperium Americanum oder "neues Rom" fällt (Das Neue Rom).

Unless Saddam is stopped, in a few years the world will almost certainly face a nuclear-armed megalomaniac. That's why we need to get to work, find a trigger and - then carefully start shooting.

Wie lange diese Spanne währen, welche Ausdehnung das Reich annehmen und wann der Zeitpunkt seines Abtretens gekommen sein wird, entscheidet das Imperium souverän und in selbstbezüglicher Weise durch seine Praktiken, Umgangsformen und Lebensstile. Daher sind die Vereinigten Staaten auch ihr schlimmster Feind und einzigster Rivale. Sie können sich nur selbst zu Fall bringen, durch Selbstüberschätzung und Ignoranz, durch Unaufmerksamkeit oder Selbstverliebtheit. Auch dieser imperial overstretch (Paul Kennedy) weist letztlich auf Rom. In dieser Größe und Machtfülle dürfte das aber historisch einmalig und so bislang noch nie da gewesen sein.

Die derzeitige Administration scheint gewillt, den Kairos, den ihr die Weltgeschichte schenkt, am Schopf zu packen. Zumal die Aktien für die weltweite Verbreitung amerikanischer Werte, Praktiken und Stile so gut stehen wie nie zuvor. Zielstrebig und entschlossen nutzt sie die Freiheit des Go it alone zum schnellstmöglichen Aufbau einer globalen Hegemonialmacht. Dazu ist ihr offensichtlich jedes Mittel recht: die Missachtung internationaler Spielregeln ebenso wie der Bruch des Völkerrechts. Nur wenn man dieses macht- und geopolitische Kalkül vorausschaltet, bekommen die Kriegsrhetorik, derer sie sich befleißigt, die Kriegsbemalung, mit der sie sich drapiert, die Geringschätzung, die sie Verbündeten, Verträgen und internationalen Organisationen entgegenbringt, und die Entschiedenheit, mit der sie die Monroe-Doktrin zur Magna Carta des Globalen Zeitalters erklärt, einen kohärenten Sinn.

Das "verunsicherte" Imperium

Diesen Weg wollen nicht alle US-Strategen gehen. Noch nicht oder, zumindest, nicht so. Einige zieren sich, andere zaudern und zögern noch. Meist handelt es sich um Moralisten oder Postmoderne, um Liberale oder Neorealisten, denen es Mühe bereitet, sich mit der neuen Rolle zu identifizieren. An der Aussicht, auf unabsehbare Zeit Dompteur der Weltgeschichte zu sein, finden sie wenig Gefallen. Statt "Stolz auf ihr Land" zu sein und ein lautes "God Bless America" auf die Größe, die Pracht und den Glanz des neuen Reichs anzustimmen, grämen sie sich über das "imperiale Los" und wettern mächtig über den "Ärger", den es sich damit aufgehalst hat.

Fortan ist das Imperium für jeden politischen Kleinkram zuständig. America is indispensable. Es kann sich nicht mehr auf eine Beobachterhaltung oder die Rolle des zögerlichen Sheriff zurückziehen. Bricht irgendwo ein Streit aus, in Ost-Timor, Bosnien, dem Mittleren Osten oder anderswo, dann muss es ran und die Krise oder den Konflikt im Handstreich oder diplomatisch lösen - nicht die UN, die EU oder eine andere Mittel- oder Großmacht. Without American participation, most international agreements are dead letters. Als im Sommer zwölf Marokkaner ein unwirtliches Eiland, das zu Spanien gehört, vor ihrer Küste besetzten und darauf eine marokkanische Flagge hissten zum Zeichen ihrer Annexion, oblag es der Hypermacht, in tagelanger Telefondiplomatie die Streithähne an den Verhandlungstisch zu zwingen.

The United States 'making the dinner' and the Europeans 'doing the dishes'.

Aber nicht nur das, auch der ausbleibende Erfolg des Kriegs gegen den Terror, den die Regierung mit der Kampagne in Afghanistan vollmundig versprochen hat, die transatlantische Fehde mit den aufmüpfigen und widerspenstigen Europäern, die Unkalkulierbarkeit der finanziellen Kosten und politischen Risiken eines Feldzuges gegen den Irak, sowie das Fehlen überzeugender politischer Konzepte für die Monate und Jahre danach, sorgen für Misslaune und schlechte Stimmung unter einigen US-Strategen.

Schon wird rund um den Potomac ein hitziger Strauß zwischen Hardlinern, Konservativen und Realisten um die Frage ausgefochten, ob und wie entschlossen Amerika das imperiale Schicksal schultern soll, forsch, unerbittlich und kompromisslos oder zurückhaltend, gemeinsam und in Abstimmung mit Partnern, und darum, welche "Rückstoßeffekte" ein Go it alone für das Land, die weltpolitische Lage und die internationale Gemeinschaft hat. Anders als hierzulande, wo solcher Streit meist im Grundsätzlichen landet, wird die Debatte dort überaus sachorientiert, erfreulich reflektiert und selbstkritisch geführt. Zudem verlaufen die Fronten niemals starr, geradlinig und eindeutig. Lehrsatz eins der Bush-Doktrin: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns", findet hier kaum Abnehmer oder Nachahmer. Frontwechsel sind erlaubt und werden nicht sofort mit einer roten Karte bestraft. So kommt es durchaus vor, dass ein Internationalist, dem der decent respect for the opinion of mankind (Thomas Jefferson) genauso wichtig ist wie das Wohl des amerikanischen Volks, für den "gerechten Krieg" wirbt oder für einen Regimewechsel in Bagdad plädiert. Und es kommt vor, dass ein glühender Anhänger des Go it alone pragmatisch argumentiert und opportunistisch zum Ausbalancieren der Macht rät.

Die neue Unübersichtlichkeit

Wie politisch verworren und intellektuell zerstritten derzeit die Lage in Washington unter den Globalen Denkern ist, dokumentiert eine Fülle widerstreitender Kommentare, die in führenden US-Magazinen und Zeitschriften nachzulesen sind. Deuten die einen darin den neu aufgeflammten Amerikahass als unvermeidlichen Nebeneffekt jeder Hegemoniebildung, raten die anderen der Regierung zu mehr Konsultation statt Information, um solche Missverständnisse abzubauen. Weisen die einen mit Recht darauf hin, dass Kooperation immer ein Argument schwacher Länder ist um den Starken am souveränen Handeln zu hindern, wissen die anderen, dass auch eine Hypermacht auf Amtshilfe angewiesen sein wird, wenn es um die Vermeidung von Menschenhandel und Drogenschmuggel, die Aufdeckung krimineller Transaktionen, von Proliferation und Terrorakten geht oder gar um nation-building, die Wiederherstellung von Recht und Ordnung in failed states.

Either we act aggressively to shape the world and change regimes where necessary, or we accept living in a world in which our very existence is contingent on the whims of unstable tyrants.

Wiegen sich die einen schon im Glanz und in der Pracht des "Neuen Rom", das fremde Länder und Staaten nach Gutsherrenart überfällt und bekehrt, beklagen die anderen die Ohnmacht einer hohlen Hegemonie, die innerhalb von Wochen die gesamte Infrastruktur eines Landes in Schutt und Asche bomben kann, fünfzig Kilometer außerhalb von Kabul aber nicht für die Einhaltung von Recht und Ordnung sorgen kann. Betrachten die einen jeden Kompromiss, der Washingtons Freiheit zum Handeln einschränkt, sofort als feindlichen Akt, verlangen die anderen nach einvernehmlichen Absprachen und konsensuellen Lösungen.

Sehen die einen in first strike und preemptive actions legitime Mittel, um die Gefahren, die vom internationalen Terrorismus und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen ausgehen, wirksam zu meistern, bemängeln oder vermissen die anderen vor allem Klarheit und visionäre Weitsicht in der US-Außenpolitik.

Gekränkter Stolz

Auslöser für manche Missstimmung und Gereiztheit, die Kolumnisten, Strippenzieher und Strategen befallen haben, sind mit Sicherheit all jene Irritationen und Selbstzweifel, die der elfte September im Haushalt der Strategen ausgelöst hat. In Sekundenbruchteilen wurde Zigmillionen von Amerikanern signalisiert, dass weder militärtechnologische Überlegenheit noch der Mythos des Exceptionalism ausreichenden Schutz vor Terrorzellen und asymmetrischen Kriegern bieten, die zu allem entschlossen sind. Im Gegenteil, die Gefahr und mit ihr die Nervosität vor solchen Attacken sind dadurch noch angewachsen. Auch andere könnten sich berufen fühlen, es Al-Qaida nachzumachen, die Herausforderung zu suchen und die Monroe-Doktrin zu dekonstruieren. Wie man hört, war es Bin Laden, der nach der gescheiterten Somalia-Mission das Imperium als "Papiertiger" verhöhnte und zur Zielscheibe erklärte.

Einen nicht minder wichtigen Anteil daran dürfte die Verletzung starker Gefühle haben. Besonders unter Internationalisten hat sich eine neue Wehleidigkeit breit gemacht. The US is often a delinquent international citizen, klagt Tony Judt, während Fareed Zakaria seine Mitstreiter anfleht: It is better to be loved than feared.

Either we act aggressively to shape the world and change regimes where necessary, or we accept living in a world in which our very existence is contingent on the whims of unstable tyrants.

Befeuert wird diese Haltung vor allem vom Unverständnis, das Europa für den "Krieg für die westliche Zivilisation" gegen die "Kräfte der Dunkelheit" und die "Achse des Bösen" aufbringt. Zumal es die USA waren, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erweiterte Zonen der Demokratie geschaffen haben. Ohne ihren "selbstlosen Einsatz" für freie Märkte, offene Horizonte und den Free Flow of Information wäre die westliche Hemisphäre heute niemals so frei, reich und sicher wie sie es heute ist (Free Flow of Information). Längst wäre die Welt in Anarchie und Chaos gestürzt, wenn Amerika sich dieser herkulischen Aufgabe verweigert, den Antichrist nicht aufgehalten und seine Jungs zum heldenhaften Kampf für mehr Freiheit, Demokratie und globale Sicherheit in die Diaspora geschickt hätte.

Daher ist verständlich, dass der Schmerz schwer wiegt, wenn ausgerechnet jene, die erst durch Amerika in den Genuss von mehr Freiheit, Sicherheit und Glückseligkeit gekommen sind, sich nun als extrem undankbar erweisen, sich zu Respektlosigkeiten gegenüber ihrem Befreier hinreißen lassen und sich zu einer Axis of Petulance (Charles Krauthammer) verschwören, da Mitmachen von ihnen verlangt wird.

Zweierlei Maß

Die Erfahrung von Demütigung, Kränkung oder Erniedrigung sollte man daher nicht gering achten. Besonders im Feld des Politischen nicht. Schließlich kann man Parteiungen, Völker oder Imperien nicht einfach auf die Couch legen und mit ihnen frei assoziieren. Zu befürchten ist, dass das Imperium dem Druck der "Einstrahligkeit" nachgeben, sein imperiales Los allein schultern und intervenieren wird, wo und wann immer es ihm beliebt.

Power is about arms and the will to use them, and we have both - diese unnachgiebige Haltung hat zuletzt Israel eindrucksvoll der Welt vorexerziert. Und zwar nicht erst seit Beginn der zweiten Intifada. Jahrzehnte lang missachtet es bereits jede Resolution der UN oder des Sicherheitsrates, ohne Sanktionen dafür fürchten zu müssen. Fünfunddreißig an der Zahl, wie der syrische Präsident kürzlich vorgerechnet hat, sodass sogar der liberale Economist jetzt besorgt fragt, was das "ganze Getue" um den Irak und die Resolutionen soll und ob im Vergleich zu Israel hier nicht mit "zweierlei Maß" gemessen wird

The new unilateralism seeks to strengthen American power and unashamedly deploy it on behalf of self-defined global ends.

Die USA scheinen sich jedenfalls an Israels Politik zu orientieren und sie sich zum Vorbild zu nehmen. Kompromisslosigkeit, Härte und Resistenz gegenüber jeder Entschließung zu zeigen, ist aber längst das Image von "Schurkenstaaten". Der Begriff des rogue state hat Karriere gemacht. In der westlichen Politik sorgt er seit etlichen Jahren für Furore und Aufregung. Meist wird er auf solche Staaten und Nationen appliziert, die sich den Gepflogenheiten internationalen Rechts widersetzen. Gore Vidal hat ihn kürzlich auf die USA angewendet, während Peter Sloterdijk den Begriff jüngst in einem Interview für das Magazin Profil vom 25.9.2002 dorthin geführt hat, wo er herkommt, nämlich in die Biologie. Für diesen Klartext hat er von Feuilletonisten heftige Prügel bezogen. Sie riefen wieder mal Skandal und witterten eine der üblichen Geschmacklosigkeiten, der antiamerikanische oder antisemitische Affekte bedient.

"In der Biologie", so beschrieb der Dichterphilosoph treffend, "steht 'rogue' für das wieder ausgewilderte Einzelgängertier, das abseits von der Herde durch den Busch streift. Die beiden 'rogue states' der gegenwärtigen Weltpolitik sind, so gesehen, die USA und Israel, die jede Art von Alignment mit der internationalen Staatengemeinschaft aus dem Grundansatz ihres Selbstverständnisses heraus ablehnen, weil sie beide davon ausgehen, dass Nicht-Israelis beziehungsweise Nicht-Amerikaner sich in die besondere Situation dieser beiden Länder nicht einfühlen können. Das bestärkt sie auch in ihrer Neigung, die Fähigkeit zum Selbstmandat in einem überdurchschnittlichen Ausmaß auszuüben."

Politische Theologie

Wie immer, wenn die Lage verfahren, die Zeiten unübersichtlich sind und Beobachter, die sorgenvoll in die Zukunft schauen, über sie nicht viel mehr wissen, als dass sie anders sein wird als die Gegenwart, blickt man umso hoffnungsvoller in die Vergangenheit. In der Rückbesinnung auf Mythen, Ressourcen und Vorbilder hofft man Lehren, Anleitungen und Lösungen für die Probleme von morgen zu finden.

Das kann man Fareed Zakarias Beitrag für den New Yorker entnehmen, den Esquire kürzlich zu "einen der einundzwanzig wichtigsten Persönlichkeiten des 21. Jahrhunderts" kürte. Das kann man aber auch dem Essay von Michael Hirsh entnehmen, einem der Vorgänger Zakarias in der Leitung des Newsweek International, den dieser vor kurzem für die Foreign Affairs verfasst hat.

"Unilateralismus" folgt danach einem historischen Reflex, der fest auf dem Glauben an die "Außergewöhnlichkeit" gründet. Ihn leitet ein tiefes Misstrauen gegen alles, was nicht- oder antiamerikanisch ist. Wer Allianzen mit Fremden anstrebt, korrumpiert und verfälscht den Spirit der amerikanischen Nation. Die Furcht vor jeder Art von Weltregierung sitzt also sehr tief. Andererseits ist die Welt aber zu nah beisammen und vernetzt, als dass der Exceptionalism eine Antwort auf die Frage böte, nach welchen Maximen das Imperium agieren soll. Zumal Amerikas Hegemonie auf Gedeih und Verderb mit dem Freihandel, dem freien Fluss und der Offenheit globaler Märkte verbunden ist.

Amerika ist Teil wie Resultat der Globalisierung - und deren größter Profiteur obendrein. Wie keine andere Nation ist es abhängig von der Offenheit und Stabilität offener Märkte. Schon deswegen kann sich die Nummer eins auch keine Abschottung leisten. Unilateralismus funktioniert nicht mehr, seitdem die USA attached by a thousand of cords ist, wie Colin Powell bei seiner Ernennung zum Außenminister anmerkte. Joseph S. Nye, ehemaliger Clinton-Berater und Dekan der Kennedy School of Government an der Harvard Universität wiederum nennt das The Paradox of American Power, das der elfte September dem Imperium gelehrt hat.

Multilateralisten sind überzeugt, dass der Ausweg in einer wertorientierten Außenpolitik zu suchen ist, im politischen Messianismus des 19. Jahrhunderts, als Neuengländer für die Abschaffung des Sklavenhandels, die Achtung der Menschenrechte oder die Vertreibung von Despoten in die Schlacht zogen. Leitfigur dafür ist Woodrow Wilson. Er ist der erste Präsident, der die Idee der "internationalen Gemeinschaft" formulierte, das Ende aller Kriege ausrief und seine Landsleute zur Internationalisierung ihre Werte aufrief. Und er ist der Präsident, der den Kampf um Demokratie mit dem allgemeinen Interesse der Menschheit begründete.

Seitdem wird jeder amerikanische Präsident, der sich für Überzeugungen, Werte und Prinzipien engagiert, als "Wilsonianer" bezeichnet. So sehr diese politische Theologie auch verachtet wurde und Wilson politisch ein Versager war, so nachdrücklich hat sich bislang noch jeder Präsident auf sie berufen. Sogar George W. Bush bezog sich darauf, als er in West Point der Welt verkündete, die Schlacht künftig zum Feind zu tragen, dies aber zugleich an eine allgemeine Herrschaft des Rechts koppelte, dem Amerika weltweit Geltung verschaffen will (Amerika wird das Böse bei seinem Namen nennen).

Es gibt nur Amerikaner

Deshalb sollte sich die Welt davon nicht täuschen lassen. Trotz des Bekenntnisses zu Kooperation und Verträgen, zum Internationalismus und Gewaltmonopol der UN sind Internationalisten zuallererst Amerikaner. Foreign policy is about national interests. Auch sie sind glühende Patrioten, denen das Hemd näher ist als der Rock. Unter Bill Clinton war das nicht anders. In seiner National Security Strategy steht:

"Werden Interessen unserer nationalen Sicherheit bedroht, bedienen wir uns diplomatischer Mittel, wenn wir können, und auf militärische Gewaltanwendung zurückgreifen, wenn wir müssen."

Und wer sich an Madeleine Albright und ihre Berater erinnert, der wird ihre Arroganz und bellizistische Rhetorik, die Militärinterventionen als Mittel der Politik ausdrücklich vorsahen, weit unangenehmer im Gedächtnis haben als das gepflegte Auftreten ihres Amtsnachfolgers Colin Powell.

Americans are from Mars and Europeans are from Venus.

Darum kann von einer Zäsur oder einem außenpolitischen Schwenk mitnichten gesprochen werden. Im Gegenteil. So unterschiedlich die politischen Wege auch sein mögen, im Ziel unterscheidet sich die gegenwärtige Administration von der vorhergehenden kaum. Den pragmatischen Aufbau des Imperium Americanum hat ihre Vorgängerin genauso zielstrebig verfolgt und alles dafür getan, damit Amerika diesen Status noch recht lange aufrechterhalten kann. Das Problem heißt nicht Bush, Rumsfeld oder Cheney. Das sieht man schon an der Abstimmung im Senat und im Repräsentantenhaus, wo Republikaner und Demokraten ihren Präsidenten mit Zweidrittelmehrheit zum Krieg gegen den Irak ermächtigt haben. Das Problem ist vielmehr ein grundsätzliches: Es beruht auf den Asymmetrien der Macht und einer konsequent betriebenen Machtpolitik à la Rom.

Verändert haben sich freilich Ton, Klima und Benehmen. Sie sind rauer, unnachgiebiger und schlechter geworden. Wuchern Unilateralisten gern mit militärischen Pfunden oder ökonomischer Potenz, bevorzugen Neorealisten eher die leisen Töne, das gepflegte Auftreten oder die stillen Kanäle der Diplomatie. Sie bedienen sich lieber am Pool der Soft Power. Danach hängt der Erfolg oder Misserfolg der US- Hegemonie hauptsächlich von der Strahlkraft oder dem Sexappeal starker Werte, Symbole und Images ab. Weil Macht immer auch Zustimmung, Liebe oder Akzeptanz braucht, helfen Zwang und Repression auf Dauer nicht. Der Ohnmächtige will dazugehören, er verlangt nach einer Perspektive.

Das sowjetische Imperium hat seinen Vasallen diese positive Wertschätzung vorenthalten. Darum wurde es auch von allen gehasst, woran es schließlich auch zugrunde gegangen ist. Das Schicksal der Sowjetunion könnte daher den USA ein warnendes Beispiel sein. Dauerhaften Einfluss gewinnt man nur durch Vertrauen oder den Nachweis, mit seiner Politik "gute Absichten" zu verfolgen.

Starke und Schwache

Vermutlich hat Robert Kagan, neben Bill Kristol derzeit "Hausintellektueller" der Bush-Regierung, recht: Europa und die USA besitzen nur einen losen gemeinsamen Welthorizont. Die transatlantische Kluft ist weit tiefer als es die schnöde Rede von der "universalistischen Wertegemeinschaft" besagt. Sie zeigt sich, wenn man den Disparitäten der Macht kühl ins Auge blickt.

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist Europa militärisch schwach. Schwache haben Angst. Sie fürchten, zur Beute des Starken zu werden. Ihre Taktik und Strategie ist deshalb immer darauf aus, den Starken durch Verträge und Kooperation zu knebeln und so niederzuhalten. Die Nato ist und war dafür das beste Beispiel. Demgegenüber folgt der Herr einer diametral anderen Perspektive. Er meidet jede Form von Regelung oder Bindung, die er sich nicht selbst gegeben hat. Er weiß, dass Bündnisse und Absprachen Erfindungen des Knechtes sind, um ihn am Starksein und Alleingang zu hindern. Seitdem die USA das unipolar moment für sich entdeckt haben, sind die Nato, die UN und andere internationale Organisationen nur noch ein Außenposten ihrer Macht, aber keine gleichberechtigten Partner mehr.

We will let them hold our coats, but not tie our hands.

Gleichwohl wähnt Europa sich bereits im posthistorischen Zustand. Es glaubt, von einem Netz aus Regeln, Vereinbarungen und Übereinkünften regiert und geschützt zu sein. Weshalb Macht keine relevante Größe der Politik mehr für es ist. Europeans have stepped out of the Hobbesian world of anarchy into the Kantian world of perpetual peace. Wachsen kann diese postmoderne Ordnung aber nur, weil Amerika seine schützenden Hände über Europa ausbreitet und die Last globaler Sicherheit schultert.

Im Gegensatz dazu stehen die USA weiter fest auf Hobbesschen Boden. Sie wissen, dass das postmoderne Paradies außerhalb Europas nichts zählt. Dort, in den Konfliktzonen herrscht die Macht des Stärkeren und gelten die Gesetze des Dschungels. Wer da reüssieren will, muss zweigleisig fahren. Er muss Abkommen, Partnerschaften und Bündnisse als Medien des Politischen betrachten und ständig zwischen dem Dschungel und der Postmoderne hin und her oszillieren.

Unser Mann in Stanford

Hans Ulrich Gumbrecht hat jüngst Kagans Argumente aufgegriffen und sie den Amerikakritikern in Europa und Asien vorgehalten. Europa und insbesondere Deutschland, so "unser Mann in Stanford", wie Peter Sloterdijk den Komparatisten im Glashaus vorstellte, könnten sich "soviel kollektive Eitelkeit und soviel Blindheit" nur leisten, weil sie sich "im Ernstfall unter amerikanischen Schutz" wissen. Vor allem die "deutschen Rigoristen" übten sich in einem "moralischen und politischen Überlegenheitsgefühls" und missverstünden "Antiamerikanismus als Ausdruck nationaler Souveränität".

Überraschend an diesem Rundumschlag (F.A.Z vom 4.10.2002) gegen jeden, der die Politik des rogue colossus attackiert, ist weniger der larmoyante Ton, den Gumbrecht anschlägt. Und es ist auch nicht der flammende Patriotismus, mit dem der Wahlamerikaner sein neues Vaterland verteidigt. Schließlich posaunt er diesen bei jeder passenden Gelegenheit lauthals in die Welt hinaus. Was mehr verblüfft, ist die Dürftigkeit des Arguments. Statt Amerika ständig unlautere Absichten unterzuschieben, sollte Europa trotz einiger "Fehlleistungen" in der Vergangenheit endlich "Vertrauen" in die "amerikanische Militärmacht" und ihre "Politik" fassen. Wenn "bald - in ein oder zwei Jahrzehnten - fünfzig oder mehr Nationen atomare Vernichtungswaffen produzieren und im Rahmen ihrer politischen Souveränität einsetzen können und wollen", könnte nur die amerikanische Militärmacht unser aller "Überleben" sichern.

Nun sei "unserem Mann in Stanford" sein standhafter Glaube an die "guten Absichten" des Imperiums unbenommen. Ebenso seine patriotische Borniertheit und die Häme, die er über sein Geburtsland ausschüttet, seitdem er vom Alien endlich zum amerikanischen Staatsbürger mutieren durfte. Dass Zuwanderer und Frischlinge Probleme mit ihrer Herkunft haben und dies durch übertriebene Assimilation besonders rasch zu kompensieren trachten, ist bekannt.

Nur: In der Vergangenheit hat unser Neuamerikaner keine Gelegenheit versäumt, die "guten Absichten" anderer anzuprangern oder sich über sie zu mokieren. Dass ausgerechnet er jetzt darauf zurückkommt und an Glaube, Liebe und Hoffnung appelliert, wo es doch um imperiale Macht- und Geopolitik geht, verwundert doch sehr. Soviel Unterkomplexität und politischen Unverstand hätte man von einem Mann seiner intellektuellen Potenz, Güte und Raffinesse nicht erwartet. Schließlich geht es um mehr als um Rechthaberei, nämlich darum, ob das Recht auch weiterhin eine dominierende und überragende Rolle in den internationalen Beziehungen spielt.

Vielleicht sollte unser weit und viel gereister Komparatist nicht nur Ground Zero besuchen. Das "Ungeheuerliche" kann man an vielen Orten und Plätzen dieser Welt erfahren. Beispielsweise auch in den Lagern von Dschenin, Ramallah oder Guantanamó. Dort könnte er leibhaftig erfahren, was der Preis dieser Herrenmoral ist.

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