Das Internet spielt nur eine Nebenrolle
Die Ausstellung "Das Netz" im Berliner Museum für Kommunikation führt die Allgegenwärtigkeit von Netzwerken vor
"Das Netz" von 1995 war einer der ersten Hollywoodfilme, die sich mit dem damals gerade erst langsam ins öffentliche Bewusstsein gelangende Internet beschäftigte. Sandra Bullock als introvertierte Computerprogrammiererin verstrickte sich in eine wüste Verschwörung, die von einer seltsamen Netzsekte angezettelt worden ist. Im Laufe der Handlung wird unter anderem ihre Identität getilgt, indem ihre gesamten elektronischen Einträge aus dem Computer des Einwohnermeldeamts gelöscht werden. Die paranoide Moral des Films: Achtung, alles ist mit allem vernetzt, und wehe, wenn Dir jemand Böses will und sich zu diesem Netzwerk Zugang verschafft.
Nun ist im Museum für Kommunikation in Berlin eine Ausstellung zu sehen, die dieser Art von Paranoia neue Nahrung verleiht: Das Netz handelt von den vielfältigen Netzstrukturen zwischen sozialen, biologischen und technischen Systemen. Wenn schon der Ausstellungstitel an einen neueren, amerikanischen Krimi mit Sandra Bullock anlehnt, dann ist auch beim sonst eher zeitlosen Museum für Kommunikation mit einem gesteigerten Aktualitätsfaktor zu rechnen, und in der Tat.
Durch den Siegeszug des Internet - das in der Ausstellung witzigerweise nur eine Nebenrolle spielt - ist die Netzmetapher in den letzten Jahren zu einem Dauerbrenner geworden, der gerade auch in der intellektuellen Debatte der Postmoderne eine wichtige Rolle gespielt hat. Selbst die Organisation, die nach Ansicht einiger Zeitgeist-Auguren das Ende der postmodernen Vielheiten von Netzen, Rhizomen und Tausend von Plateaus eingeläutet hat, ist ein Netzwerk: al-Qaida, denen wegen ihrer unübersichtlichen, verflochtenen Strukturen bis heute nicht die Verantwortung für die Anschläge vom 11. September 2002 nachgewiesen werden konnte.
Pipelines in Sibiren, Spinnen, Adern und Pilze
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Die interdisziplinäre Ausstellung "Das Netz" zeigt, wie Netzstrukturen unsere Umwelt in den verschiedensten Bereichen prägen, in künstlichen wie natürlichen Systemen, im Mikro- wie im Makro-Kosmos: von der Großhirnrinde zum WorldWideWeb, vom historischen Berliner Rohrpostsystem bis zum internationalen Flugnetz reichen die Beispiele, welche die Ausstellung bemüht, um zu demonstrieren, dass schlechthin alles irgendwie in Netze eingebunden ist oder selbst aus einem Netz besteht: "Das Netz ist die universale Ordnungsstruktur der Gesellschaft", postuliert die Ausstellung gleich zu Beginn.
Unter sieben thematischen Schwerpunkten werden also Netze vom menschlichen Kapillarsystem zum Gasnetz, von Pipelines in Sibirien bis zum Spinnennetz nebeneinander präsentiert, und auch die Pilze, die in diesem Jahr nicht wachsen wollen, sind nur das Resultat eines unterirdischen "Pilzmyzels", über das sie miteinander vernetzt sind; wer hätte das gedacht. Neben den biologischen und technischen Netzen stehen auch soziale Netze: in einem Mitschnitt aus einer Fernsehshow berichtet eine junge Frau, deren Mutter dreimal geheiratet hat, von ihrer Patchwork-Familie und den komplizierten Vorbereitungen ihrer Weihnachtsfeiern, daneben ist das soziale Netz von ganz normalen Menschen in Diagrammen dargestellt.
Das alles ist didaktisch hervorragend aufgemacht und sofort einleuchtend, und außerdem schmücken handverlesene Exponate die Präsentation. Und trotzdem stehen die verschiedenen Netze nebeneinander und wollen sich nicht so recht untereinander vernetzen. Dass alles von der Nabelschnur bis zum Internet irgendwie ein Teil von Netzwerken ist, sieht man schnell ein. Doch Konsequenzen aus dieser Tatsache (zum Beispiel "Think global, act local") zieht die Ausstellung nicht, sondern begnügt sich mit dem Auflisten verschiedenster Netzwerk-Phänomene.
Der Bau eines Spinnenetzes in Zeitrafferaufnahme ist eben so nett anzusehen wie die japanischen U-Bahn-Stationen, die aus Netzformen entwickelt worden sind. Trotzdem hinterlässt die Aneinanderreihung von verschiedenen Netzwerken irgendwann einen "So-what?"-Effekt. Weiter und tiefer geht der Katalog, der Ideen, die die Ausstellung nur anreißt, vertieft. Das die zum Teil hervorragenden Essays von bekannten Autoren neben platten Werbeartikel für das "Deutsche Post World Net" stehen, erinnert daran, dass das Museum für Kommunikation trotz seines neuen Namens nach wie vor eine Institution ist, mit der die Post sich der Öffentlichkeit im besten Licht zeigen will.
Das Netz: Sinn und Sinnlichkeit vernetzter Systeme, Museum für Kommunikation Berlin, Leipziger Strasse 16, bis zum 26. Februar 2003, Katalog 17 Euro 80.
http://www.heise.de/tp/artikel/13/13497/1.html- Lohnt sich (4.11.2002 19:04)
- Das System (4.11.2002 9:55)
- Kommunikation und Wissensvermittlung: Engel, mythische Gestalten, Internet (3.11.2002 11:39)
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