Der Giftgaseinsatz in Moskau

28.10.2002

Allem Anschein nach handelt es sich um ein noch geheimes militärisches Giftgas, dessen Herstellung und Einsatz geächtet wäre

Geiselnahmen sind ein gemeines Verbrechen. Der Einsatz von Giftgas ist ein geächtetes Verbrechen. Wladimir Putin, der den Gashahn aufgedreht hat, macht die Welt sehr viel unsicherer (siehe auch Kavkaz.org wurde vom Netz genommen).

Die Ereignisse im Moskauer Musicaltheater tragen trotz gegenteiliger Beteuerungen die Zeichen von Gift- oder Nervengas: Innerhalb weniger Minuten traten Übelkeit und Bewusstlosigkeit ein. Viele Menschen mussten aus der Gefahrenzone getragen werden. 650 Menschen wurden in Krankenhäuser gebracht. 150 sollen sich noch in Intensivstationen befinden, bei 45 soll der Zustand kritisch sein. Vermutlich sind 115 der 117 der bei der Erstürmung getöteten Geiseln an den Folgen des eingesetzten Giftgases gestorben. Nur zwei der Geiseln wurden durch Kugeln getötet. Die wenigen Bilder von den in die Sitze gesunkenen toten tschetschenischen Frauen sprechen dafür, dass die Wirkung wie ein Blitz gekommen ist (sie wurden trotzdem, wie berichtet wurde, zur Sicherheit erschossen). Das ist typisch für Nervengifte, die auf die körpereigenen chemischen Überträgerstoffe an den Nervenzellen einwirken.

Beispiele für die modernen Produkte gibt es genug. Sarin, von der Aum Shinrikyo Sekte 1995 in der U-Bahn von Tokio eingesetzt, hemmt das Enzym Acetylcholinesterase ebenso wie die Stoffe Soman und Tabun. Der biochemische Wirkort variiert allerdings erheblich und erklärt die unterschiedlichen Beurteilungskriterien der Kampfgase seit dem 1.Weltkrieg. Heute wünschen die Anwender kurzzeitig effiziente Verbindungen, die in vorbereiteten Mischungen an den Ort ihrer Wirkung gebracht und dann durch das endgültige Vermengen "gezündet" werden.

Das russische Giftgas gehört zweifellos zur Hohen Schule der Chemotechnik: Nach der initialen Wirkung gibt es anscheinend keine weitere Gasbelastung mehr. Soweit die Szenen erkennen lassen, tragen weder die ins Gebäude stürzenden Soldaten von Alpha, noch später die medizinischen Hilfskräfte Masken oder Schutzkleidung. Folglich war den Sicherheitskräften bekannt, dass es sich um Chemikalien handelt, von denen schon wenige Minuten später keine Gefahr mehr ausgeht. Der ideale Stoff also für Räume, Häuser und Straßenkämpfe.

Das sich verflüchtigende Nervengas ist nicht Lachgas wie in einem deutschen Fernsehsender vermutet wurde. Allein praktische Gründe sprechen gegen das altbekannte Narkosemittel. Weil es hochkonzentriert eingeatmet werden muss, hält der Arzt seinem Patienten eine Maske über die Nase, um den zusätzlichen Eintritt von Atemluft zu unterbinden; zuwenig Lachgas verlängert das Exzitationsstadium, macht die Betroffenen unkontrolliert unruhig.

Im Musicaltheater hätte innerhalb weniger Minuten mehr als die Hälfte der Luft ausgetauscht werden müssen. Dafür braucht es große Ventilatoren. Mit aufwirbelndem Staub, Gerüchen und Lärm wäre der Überraschungseffekt dahin gewesen. Inwieweit Aerosole - LSD oder Diazepam (=Valium) - in Frage kommen, oder BZ, das von den Amerikanern benutzte Benzolat, bleibt im Bereich der Spekulation. Ein Kanadier beschreibt, dass er nichts gerochen habe und von einem Moment zum anderen "weg" war. Ein Grund für das Schweigen der russischen Behörden über die eingesetzte Substanz nährt den Verdacht, dass es wie BZ auf der Liste der verbotenen chemischen Waffen steht.

Die Weltöffentlichkeit, auch Kanzler Schröder und Außenminister Fischer, loben den Erfolg und ziehen das Bild vom Biedermann Wladimir Putin nicht in Zweifel. Schale Behauptungen, es handele sich nicht um (militärisches) Giftgas, werden für bare Münze genommen. Am ersten Tag noch keine konkreten Fragen zur Art der Chemikalie. Erst die anhaltende Bewusstlosigkeit vieler Geiseln und die fehlende Entlassung aus ärztliche Behandlung erzeugen Unruhe und Misstrauen - bei den Angehörigen.

Bislang fordert nur Amnesty International, so die Sprecherin Judith Arena zu BBC, eine Untersuchung. Man wolle feststellen, ob der Einsatz des Gases "die angemessene Reaktion war und im Rahmen des Gesetzes" stattfand, um die Geiseln zu befreien. Ansonsten hat bislang noch niemand die Entsendung einer internationalen Untersuchungskommission wegen der wahrscheinlichen Verletzung eines auch von Russland ratifizierten Vertrages gefordert, nämlich über das Verbot "der Entwicklung, Herstellung und Lagerung und des Einsatzes chemischer Waffen". Gleichlautend ist das 1993 verabschiedete Gesetz in Deutschland, das jedem deutschen Politiker die Hände bindet und Giftgas als Mittel zum Zweck in vergleichbaren Situationen ausschließt.

Russland hat eine lange Tradition mit chemischen Waffen. Noch im Jahresbericht 2000 moniert die Organization for the Prohibition of Chemical Weapons (OPCW) den Wunsch der russischen Regierung, wonach die kontrollierte Vernichtung weiter hinausgeschoben werden soll. Längst untergegangen ist eine Meldung vom März 1997:

"Ein Offizier des russischen Geheimdienstes brachte die Probe eines völlig neuartigen Giftgases in den Westen. Kommt ein Mensch auch nur geringfügig mit dem Gas in Kontakt, stirbt er sofort. Das Gas hat nach den Informationen die Eigenschaft, schon nach kürzester Zeit sich so zu verflüchtigen, dass es nicht mehr nachweisbar ist. Der Offizier sei mit der Probe in einem Passagierflugzeug in den Westen gekommen, war zu erfahren. Das Giftgas sei von den Russen im Tschetschenien-Krieg ausprobiert worden. Es habe bei den kriegerischen Auseinandersetzungen auf Seiten der Tschetschenen "merkwürdige" Todesfälle gegeben, die nicht aufgeklärt werden konnten." - dpa-Meldung

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Hat Präsident Putin den Wunderstoff aus der russischen Küche in Moskau einsetzen lassen? Vieles spricht dafür, nicht nur der Hintergrund Wladimir Putins als früherer Manager des KGB. Giftgase sind künstliche Produkte, erdacht von Chemikern, und es sind Stoffe, die wie Arzneimittel getestet werden müssen. Was liegt näher als die Menschen im Gulag oder bei laufenden Kriegshandlungen für die Prüfungen der LD50 (jeder Zweite stirbt) zu missbrauchen. Ferner muss der Wirkstoff greifbar sein, im Falle von Moskau innerhalb von drei Tagen. Und schließlich entscheidet Wladimir Putin aufgrund der vorliegenden Erfahrungen, ob er das gesundheitliche Risiko für die Geiseln eingeht, sollte er nicht durch und durch ein Menschenverächter sein.

Chemikalien, die geruchlos sind und sich innerhalb weniger Minuten spontan auflösen, können bestenfalls nachgewiesen werden, wenn der Gerichtsmediziner weiß, wonach er suchen muss. Beim Revolver sind es die Schmauchspuren, bei nuklearen Waffen die radioaktiven Splitter und Spaltprodukte. Bei geheimen Chemikalien hingegen bleibt der Beweis auf der Suche nach "Unbekannt" dem Zufall überlassen. Die akute Todesursache heißt Atemstillstand oder Herz-Kreislauf-Versagen und verrät nicht den anfänglichen Prozess, der in die Todesspirale führt. Späteffekte an den Begasten, die nach Wochen oder Jahren auftreten, werden erst bei unübersehbarer Häufung erkannt. So misstrauten die nordamerikanischen Mediziner anfänglich den Soldaten aus dem ersten Golfkrieg, die über Depressionen, Entscheidungsunfähigkeit und Gedächtnisverlust klagten. Der Zweifel ist vorbei, nachdem jetzt eine Frühform der Alzheimerschen Erkrankung eintritt, und die jüngsten medizinischen Erkenntnisse die Entmarkung der Hirnzellen begreifbar machen. Offenbar waren die Soldaten vor 10 Jahren nervenschädigenden Einwirkungen im Felde ausgesetzt. Deshalb: Solange das militärische Geheimnis nicht ausgeplaudert wird, braucht Wladimir Putin nicht um schlaflose Nächte fürchten.

Vielleicht überdenkt Georges W. Bush, der amerikanische Präsident, das Ereignis von Moskau im Licht des russischen Widerstandes gegen das Eingreifen im Irak. Es war sicher voreilig, Putin als "bedfellow" ins Boot zu ziehen und ihm für sein Entgegenkommen das Recht einzuräumen, alle um ihre Freiheit kämpfenden Tschetschenen als Terroristen zu brandmarken. Wladimir Putin und Saddam Hussein sind nicht nur Geschäftspartner, sondern, was das Giftgas angeht, auch Brüder im Geiste.

Nach Lew Fedorow, dem Leiter der russischen Union für chemische Sicherheit, war das von den Spezialeinheiten eingesetzte Gas eigentlich eine nichttödliche chemische Waffe, die bereits während des Kalten Krieges entwickelt wurde. Sie sollte normalerweise Feinde nur vorübergehend außer Kraft setzen, doch wegen des mangelnden Professionalismus der russischen Toxikologen waren die Spezialeinheiten sich offenbar nicht darüber klar, was die eingesetzte Konzentration den Zivilisten in ihrem gerschwächten Zustand zufügen könnte. Nach der Zahl der Opfer sei die Konzentration extrem hoch gewesen.

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Entwickelt das Pentagon chemische Waffen?

Auch wenn es sich nur um ruhigstellende Substanzen handelt, wäre dies ein Verstoß gegen das Chemiewaffen-Abkommen

US-Militär entwickelt nichttödliche Waffen

Für den Einsatz solcher nichttödlichen chemischen oder biologischen Mittel müssten aber die internationalen Abkommen verändert werden

Der Irak, die USA und die Massenvernichtungswaffen

In Vietnam haben die USA einen chemischen Krieg geführt, der Irak wurde noch Ende der 80er Jahre mit waffenfähigen B- und C-Waffen versorgt und das Golfkriegssyndrom könnte eine Warnung sein

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