Poesie Inside

Andreas Grote 29.10.2002

Ein Gedichtband in einer Mumie verrät Neues über griechische Poesie

Mit Literatur weiß wahrlich jeder etwas anderes anzufangen. Für jenen ägyptischen Mumifizierer, der im zweiten Jahrhundert v.Chr. eine Papyrusrolle als Polstermaterial für den zu konservierenden Leichnam zur Hand nahm und diesen damit ausstopfte, waren die sich darauf befindlichen griechischen Gedichte eindeutig eher von geringerer Bedeutung. Umso interessanter war der Fund im Brustkasten der Mumie für die Wissenschaftler, die sie Anfang der 90er Jahre wieder ausgruben: Möglicherweise hat allein die Tatsache, dass der Konservierer die Papyrusrolle einst behelfsmäßig als Ausstopfhilfe benutzt und damit zusammen mit dem Leichnam gegen die zerstörenden Umwelteinflüsse gesichert hat, das älteste bekannte Buch mit griechischen Gedichten die Jahrhunderte überleben lassen. Forschern bietet es nicht nur neue Erkenntnisse über die griechische Dichtkunst, sondern auch über die damalige Zeit.

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Bislang haben sich lediglich einige wenige Experten an die Analyse des Papyrus herangewagt. Dass sich die Mumie, die der Dichtkunst lange Zeit als Aufbewahrungsstätte diente, in privatem Besitz befindet und man so nichts näheres über die Person weiß, machte die Analyse nicht gerade einfacher. Um dies nun endlich in Angriff zu nehmen, hat Kathryn Gutzwiller, Professorin für Griechische Dichtkunst am Department of Classics der Universität von Cincinatti, für Anfang November die Konferenz The new Posidippus organisiert, um die wissenschaftliche Erkundung des Papyrus voranzutreiben.

60 internationale Experten auf dem Gebiet der Papyriologie, Hellenistik und romanischen Literatur, Kunsthistoriker und Ptolemäer-Experten werden ihre Forschungsergebnisse an dem Fundstück, das die Universität von Mailand verwahrt, bekannt geben. Die Konferenz trägt dabei den Namen des Autors der wiederentdeckten und nun näher zu analysierenden Epigramme: Posidippus, ein Dichter aus dem dritten Jahrhundert v.Chr., der im mazedonischen Pella lebte. Bislang waren den Forschern nur rund zwanzig Werke von Posidippus bekannt, jetzt kommen 110 neue Gedichte hinzu, die sich auf jener Papyrusrolle befinden.

Immerhin, so Gutzwiller, sei die Rolle die größte Entdeckung der griechischen Dichtkunst seit Jahrzehnten und gilt als das früheste Exemplar eines Gedichtbandes. Bislang ging man davon aus, dass Gedichte zu jener Zeit als Lieder vorgetragen und auch so weitererzählt wurden. Doch dieser überaus gut erhaltene Papyrus ist der erste, der aufgrund seiner geradezu luxuriösen Ausschmückung eindeutig zum Lesen angefertigt wurde und dadurch auch Informationen darüber preis gibt, wie Gedichte in jener frühen Zeit angeordnet wurden. Daneben können die Forscher den Gedichten auch einige historische Informationen entnehmen, zumal Posidippus auch über weibliche Herrscher aus seiner Zeit und deren Leben schreibt.

Was jedoch den Posidippus' Papyrus für die Wissenschaft so wertvoll macht, ist, dass er eben nicht über die Jahrhunderte immer wieder kopiert und weiterkopiert wurde, sondern aufgrund seiner "Überlieferung" inhaltlich und handwerklich ein unverfälschtes Original ist: ein echtes Vorbild für digitale Archivierung.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13515/1.html
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