Spam als Waffe

02.11.2002

Wie die Wut der User auf Unschuldige umgelenkt wird

Sie sind genervt von Spam? Warten Sie ab, bis man Sie fälschlicherweise für einen Spammer hält. Zwei Frauen mussten kürzlich diese unangenehme Erfahrung machen.

Wer unerwünschte Werbesendungen von seiner eigenen Email-Adresse absendet, muss sich auf Ärger gefasst machen. Zum einen werden in den nächsten Tagen viele Beschwerden, Klageandrohungen und vor allem Fehlermeldungen in dem Postfach landen. Zum anderen läuft man aber auch Gefahr, dass der Provider dem Absender den Vertrag kündigt und eine dicke Rechnung präsentiert - von strafrechtlichen Folgen einmal abgesehen.

Die ist der Grund, warum all die netten Kaufhinweise in Ihrem elektronischen Postfach auch falsche Emailadressen tragen. Was da scheinbar von abc@hotmail.com oder xxx123@aol.com hereinkommt, stammt in Wahrheit von einem koreanischen Server oder einem offenen Relay in Bulgarien. Nichts ist einfacher zu fälschen als eine Absenderadresse von Emails.

Grüße vom Dialer

Diese Erfahrungen mussten auch Cornelia Tippner und Patricia Hecht machen, die gemeinsam an dem Projekt Webbuddies arbeiten. Als ein Unbekannter versuchte, einen Dialer per Grußkarte zu verbreiten, richteten sie auf ihrer Seite eine Anti-Dialer-Rubrik ein mit einer kleinen Petition, die an verschiedene Stellen gesandt werden sollte.

Keine besonders erfolgversprechende Aktion, dennoch genügte es offenbar, um die Aufmerksamkeit des Spammers auf sich zu ziehen. Wenig später landeten wieder Spam-Mails in Tausenden Mailboxen - doch diesmal wurden die Emailadressen der beiden Frauen als Absender angegeben. Damit nicht genug: In einer Mail wurden auch die Telefonnummern der beiden Frauen mit der Aufforderung veröffentlicht, dort anzurufen.

Über 600 Fehlermeldungen landeten in der Mailbox von Cornelia Tippner, Webbuddies wurde zwischenzeitlich deaktiviert, um den Surfern eine Erklärung für die vermeintliche Spam-Aktion zu liefern. Einige Mailempfänger schickten auch Beschwerdemails und drohten mit rechtlichen Schritten.

Joe Jobs

Der Schwindel mit den gefälschten Emailadressen ist nicht neu. Bereits 1997 gab es einen ähnlichen Fall: Im März 1997 überschwemmten Tausende von Fehlermeldungen den Server von Joe Doll, seine Internetseite Joes.com musste für 10 Tage offline gehen. Der Fall gab dem Vorgehen seinen Namen: Wenn Emailadresse auf diese Art missbraucht werden, redet man von einem "Joe Job".

Gerade Email-Adressen von Anti-Spam-Initiativen werden gern verwendet . Aber auch innerhalb der Online-Porno-Branche ist der Joe Job offenbar ein Mittel im unfairen Wettbewerb. Missliebige Konkurrenten können so diskreditiert werden, den wahren Verursacher zu finden, ist schwer bis unmöglich.

Diese Erfahrung mussten auch Tippner und Hecht machen: Weder Provider, noch Beschwerdestellen halfen ihnen weiter. Die Polizei leitete Ermittlungen ein, kam aber nicht so recht weiter. Schließlich wollten die Beamten sogar Hechts PC abholen, um die Daten zu untersuchen. Die lehnte ab und bot den Beamten stattdessen Kopien der relevanten Daten an.

Inzwischen ist die Mailflut abgeebbt, Webbuddies hat wieder seinen normalen Betrieb aufgenommen. Mit reichlich Verspätung hat sogar die Firma Interfun reagiert, deren Dialer in der Spam-Mail beworben wurde, die den Fall ausgelöst hatte:

"Wir haben uns überlegt in welcher Form wir die Unannehmlichkeiten der betroffenen Internetnutzer durch eine Hand voll unseriös Werbetreibenden einigermassen gerecht werden, oder besser gesagt das Negative in etwas positives umwandeln können.

Die Firma Interfun wird am Montag eine Spende in Höhe von 1.900 Euro an die deutsche Kinderkrebsstiftung leisten. Wir denken dass es auch Ihren Ärger bzgl. der unverlangten Werbemail etwas schmälert, da auch Sie einen kleinen Anteil mit der Mail an uns dazu beigetragen haben, dass wir uns überhaupt mit dieser Problematik beraten und auseinandersetzen mussten. Darüber hinaus werden wir uns auch in Zukunft für eine solche Initiative aktiv sein, es geht uns irgendwie alle an, da sind wir uns einig."

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