Suizidalität im Internet

Auch wenn Medien wie jetzt etwa Bild aufgrund des Tatorts "1000 Tode" dazu neigen, Suizid-Foren zu dämonisieren, dienen sie in aller Regel zur emotionalen Unterstützung und zum Informationsaustausch

Die Bild warnte am Sonntag: Heute nicht Tatort gucken. Psychologen warnen vor allem vor den Bildern: "Die drastischen Szenen", so der Göttinger Psychotherapeut Hans Essers, "gefährden Jugendliche, weil sie die Todessehnsucht verstärken und zu Angstträumen führen können." Die Drehbuchautorin Dorothee Schön legitimiert sich, dass "dieser Tatort jugendliche Internet-Nutzer misstrauischer gegen Selbstmordforen machen" soll. Der böse Täter im Tatort benutzt ein Internet-Forum, um Mädchen, die gemeinsam Selbstmord begehen wollen, zu ködern und in seine Gewalt zu bringen. Sie sollen dann dazu gebracht werden, sich vor laufender Kamera umzubringen. Die Filme werden wiederum im Internet gezeigt. Warnt Bild also vornehmlich vor den Fernsehbildern, so der Fernsehfilm vor dem Internet ...

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Manu zelebriert im Tatort "1000 Tode" ihren Selbstmord

"Todespillen aus dem Internet", "Bei Mausklick Selbstmord?", "Verabredung zum Suizid im Internet", "Selbstmord-Sucht im World Wide Web". Solche und ähnliche Schlagzeilen lösten in den der letzten Zeit dramatisierende und moralisierende Medienberichte über den Dauerbrenner "Das Netz als Schmuddelweb und Heimat von Perversen"[1] ab und ließen nicht nur Netzkritiker aufhorchen. Spätestens nach dem ersten bekannt gewordenen, übers Netz verabredeten Selbsttötungs-Rendezvous im Jahr 2000 zwischen dem 24jährigen norwegischen Computerexperten Daniel V. mit der Österreicherin Eva D., 17, das mit einem gemeinsamen Sprung von einer Felsenklippe in Südnorwegen endete, scheint eine weitere destruktive Quelle des Internets entlarvt zu sein.

Von Seiten der Politik als auch von Erziehern wurde seit der Geschichte von Daniel V. und Eva D. eine Epidemie von organisiertem Selbstmord im Internet visioniert. Insbesondere Jugendliche fänden in den sogenannten Suizid-Foren eine Ideenbörse zur Umsetzung ihrer lebensmüden Gedanken: Ratschläge für effiziente Selbstmordmethoden, Angebote zum Kauf tödlicher Medikamente seien Hauptinhalte solcher Foren, was dringend staatliche Gegenmaßnahmen erfordere.

Fakten und Zahlen

Aktuelle Zahlen zu Suiziden und Suizidversuchen in Deutschland zeigen zweifellos den großen Bedarf an öffentlicher Suizidprophylaxe und -prävention: Im Jahr 2000 starben in Deutschland 11.100 Menschen durch Suizid (8.100 Männer, 3.000 Frauen). 1,3% aller Todesfälle war ein Suizid. Das Verhältnis der Suizidrate von Frauen zu Männern liegt demnach bei 1: 2,7. Die Suizidraten variieren nicht nur nach Geschlecht, sondern auch nach Alter. Die Suizidrate steigt mit dem Lebensalter. Während sie bei jungen Menschen vergleichsweise niedrig ist, steigt sie besonders bei Männern ab dem 60. Lebensjahr erheblich an. Durch die relativ geringe Suizidrate bei jungen Frauen gewinnen die Anzahl der Suizide älterer Frauen an Gewicht: fast jede zweite Frau, die einen Suizid begeht, ist älter als 60 Jahre.

Die offiziellen Angaben über Suizide unterschätzen allerdings die tatsächliche Zahl. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, denn unter den Todesarten "Verkehrsunfälle", "Drogen" und den "unklaren Todesursachen" dürfte sich noch ein erheblicher Anteil nicht erkannter Suizide verbergen. Im Gegensatz zu Suiziden werden Suizidversuche aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht erfasst. Angaben über die Häufigkeit basieren daher auf Schätzungen aus wissenschaftlichen Studien.

Im Vergleich zu den Suiziden gibt es erhebliche Unterschiede. So unternehmen Frauen wesentlich öfter als Männer den Versuch eines Suizids, und Suizidversuche werden häufiger von jungen als von alten Menschen unternommen. So ist das Jugendalter der Lebensabschnitt mit der höchsten Rate an Suizidversuchen überhaupt, nicht jedoch der Lebensabschnitt mit den meisten vollendeten Suiziden: Die Relation zwischen vollendetem Suizid und Suizidversuch beträgt etwa 1:40.

Trotz der häufigeren Siuiziderversuche gegenüber vollendeten Suiziden, zeigen Statistiken, dass fast so viele Jugendliche an Selbstmord sterben wie im Straßenverkehr und somit bei Kindern und Jugendlichen die zweit bis dritt häufigste Todesursache ist.

Einseitige Bewertung der "Todesforen"

Die Notwendigkeit, die psychosoziale Präventionsarbeit als auch Hilfsangebote für suizidale Personen zukünftig konsequenter auszubauen, ist unter Fachleuten kaum umstritten. Gerade das Internet als ein zunehmend alltäglich gewordenes Medium bietet eine potente Plattform, um aufzuklären und niederschwellige Krisenangebote rund um die Uhr zur Verfügung zu stellen.

Die allgemeine Entwicklung zeigt in der Tat eine Zunahme des Themas Suizidalität im Internet. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass Suizidforen nur einen kleinen Teil dazu beisteuern. Der größte Anteil der Seiten, die Selbsttötung thematisieren, fällt in den Bereich von strukturierten Informations- und Beratungsangebote für Suizidale. Das ist ein Aspekt, den dramatisierende Medienberichte häufig unterschlagen. Vielmehr werden spektakuläre Einzelfälle von verabredeten Suiziden im Netz aufgriffen und die rund 30 im deutschsprachigen Web existierenden Suizidforen generalisiert zu "Tummelplätzen für Selbstmörder".

Bisher liegen noch keine wissenschaftlichen Studien vor, die Inhalte und Effekte solcher Foren systematisch untersucht haben. Umso mehr ist Vorsicht bei ihrer Beurteilung geboten. Einseitige Verteufelungen verhindern einen differenzierten Blick auf das tatsächliche Geschehen in Suizidforen, ihren potenziell schädlichen aber auch konstruktiven Funktionen. Anekdotische Berichterstattung hilft sicherlich nicht, Antworten auf die brisante Frage nach den Wirkungen der Suizidforen zu finden.

Unter Fachleuten wie auch in der Öffentlichkeit dominieren Schädlichkeitszubeschreibungen, die insbesondere auf Ansteckungs- und Aufschaukelungseffekten fußen: "Der Foreneinsteiger ist nach unseren Beobachtungen und Einschätzungen nicht von vornherein schon suizidal. Ab der Einstiegsphase glaubt er jedoch, suizidal zu sein, da bereits andere Chatter und Forenbesucher sich über Probleme äußern, die er als identisch mit seinen empfindet. Gleichzeitig beginnt er, sich mit den Problemen anderer zu identifizieren, indem er alltägliche Probleme anderer Chatter auf sich überträgt. Das hat zur Folge, daß Persönlichkeitsstörungen hervorgerufen werden können.", so Solveig Prass, Geschäftsführerin der Eltern- und Betroffenen-Initiative gegen psychische Abhängigkeit Sachsen.

Wieso lebst Du noch?

Insbesondere Jugendliche, die in einer aktuellen Stresssituation stecken, würden Opfer der in den Suizidforen herrschenden Gruppendynamik: Einmal seine Selbstmordabsicht angekündigt, würde ständige Nachfragen von anderen Forumsteilnehmern nach sich ziehen à la "Wieso lebst Du noch? Ich dachte, Du hättest es geschafft!". Solche Postings existieren zwar, überwiegen jedoch nicht.

Das Klima der Foren und der gegenseitige Umgang mit tiefer Verzweiflung und Todessehnsüchten variiert zwischen einzelnen Suizid-Portalen und hängt stark von den Motiven und der Gestaltung sogenannter Forenmaster ab. Forenmaster sind die Initiatoren solcher Foren, können professionell ausgebildet oder auch selbstbetroffene Laien sein. Dabei ist das Vorurteil, dass laienhafte Forenmaster durchgehend Diskussionen über die effektivste Suizidmethode favorisieren und somit einen sorglosen Austausch unter Menschen in Krisen begünstigen würden, nicht zutreffend. Es existieren WWW-Angebote, die nicht nur eine Kommunikationsmöglichkeit für Suizidale zur Verfügung stellen, sondern auch reichhaltiges Informationsmaterial zu Selbsthilfe anbieten und ebenso Adressen von professionellen Ansprechpartnern auflisten. Ein Beispiel hierfür ist das Selbstmordforum mit derzeit über 800 registrierten Mitgliedern. Alle Teilnehmer des Forums werden vor Eintritt auf folgende Regeln aufmerksam gemacht:

Wir untersagen hiermit ausdrücklich die Einstellung von rassistischen, pornographischen, menschenverachtenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Des weiteren ist es nicht gestattet Aufrufe zum Selbstmord bzw. Links zu posten die einem Zugang zu Selbstmordfördernden Medikamenten verschaffen! Außerdem ist es nicht gestattet Tips und Anleitungen zum Suizid zu geben. Sollten dem Administrator oder einem Moderator Beiträge vorbeschriebener Natur auffallen, werden diese ohne Rückmeldung an den Verfasser aus dem System entfernt bzw. durch den Administrator oder Moderator korrigiert.

Verfolgt man einzelne Diskussionsstränge in diesem Forum, so fällt auf, dass bei Abweichungen von diesen Regeln der Eingriff seitens der Administratoren nur selten notwendig ist, sondern die Teilnehmer selbst bestrebt sind, ein Klima im Rahmen dieser Regeln aufrecht zu erhalten und Abweichungen durch Erinnerung an diese Optionen und Ermahnungen selbst zu regulieren.

Waffenbeschaffung per Mausklick?

Inhaltlich ist das Selbstmordforum in fünf Unterforen unterteilt: "Suizid, Freitod", "Über alles diskutieren - alles worüber Ihr reden wollt", "Poesie und Prosa - Gedichte und Geschichten die euch gefallen", "Forumstreffen - Treffen der Forenmitglieder" und "Suizid in den Medien - Die Medien zum Thema Suizid". Liest man die Beiträge in "Suizid, Freitod", so kann man nicht feststellen, dass man sich gegenseitig zum Sterben animiert oder die Diskussion um Waffenbeschaffung, Medikamentenhandel etc. kreisen. Die Themen haben eine große Spannweite von drehen sich z.B. um die Frage nach der Verarbeitung eines Suizides in der Familie, eine andere Betroffene berichtet von ihren Missbrauchserfahrungen und den damit zusammenhängenden Suizidgedanken, worauf sie von anderen ermutigt wird, mit ihrem Arzt über ihre Erlebnisse und Todeswünsche zu sprechen. Drängt ein Forumsmitglied die Frage nach der Notwendigkeit eines Testaments, so wandelt sich das Thema nach nur wenigen Postings zu einem sehr emotionalen Austausch über Selbstmordgedanken allgemein:

*zustimm* Ich seh das genauso ..... ich bin auch eher emotional was sowas betrifft ...habe au bei manchen Beiträgen schon echt n paar tränchen verdrückenmüssen .... ihr redet über Freitod, als würdet ihr heute nachmittag noch Brotund Käse kaufen müssen .... seid ihr echt schon soooo abgehärtet ?

Zu den Probleme und Auslösern von Suizidgedanken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehören ganz unterschiedliche Faktoren, von denen meist einige zusammenwirken, über längere Zeit bestehen und sich so verstärkt haben mögen. Zu den Belastungsfaktoren zählen z.B. Entwicklungskrisen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Alkoholismus in der Familie, gestörte Beziehungen zu Familienmitgliedern, Trennungen von den Eltern oder Trennung der Eltern, körperliche Erkrankungen der Eltern, schlechte Schulleistungen, Konflikte in der Schule, Konflikte am Arbeitsplatz sowie Beziehungsprobleme mit Freunden und Freundinnen.

All diese Schwierigkeiten, mit denen junge Leute typischerweise konfrontiert werden im Laufe ihrer Entwicklung, werden auch im Selbstmordforum deutlich. Aktuelle auslösende Situationen und Hintergründe der suizidalen Gedanken sind überwiegender Inhalt der Postings, die zur Folge habe, dass andere Betroffene ihre Erfahrungen schildern, trösten, Mut zusprechen und konstruktive Bewältigungsmöglichkeiten aufzeigen, ohne Suizidwünsche und - absichten zu übergehen, zu verharmlosen oder ihnen moralisierend zu begegnen.

Hi ihr da...
Als erstes möchte ich alle Grüssen, Sein es Selbstmordgefährdete, helfer oder auch ganz normale Menschen...

Vor sechs Monaten hätte ich eigentlich nie gedacht nach etwas im internet zu suchen das mein Leben in gewisser Weise verändern wird...
Die letzten sechs Monaten waren die Hölle für mich... drei Jahre beziehung gingen vor ihnen zuende...
meine grosse ((Liebe)) verlies mich... sei es ich war ein Arschloch, oder irgentwas anderes... Gestern habe ich erfahren das sie sich in jemanden anderen verliebt hat und somit für mich die zweite Welt zusammengebrochen und der ganze scheiss jetzt wieder von vorne anfängt...
Ich versuche mich abzulenken... doch das klappt nicht, es tut einfach so unglaublich weh... weiss nicht mehr wohin mit mir, versteh auch nicht mehr soviel von dem ganzen Mist hier... Hätte nie gedacht das ((Liebe)) so wehtuen kann, und doch liebe ich sie immer noch, aber das wird jetzt nie wieder erwiedert...
Meine Frau fürs Leben könnte man mal so sagen... Doch fängt jetzt alles von neuem an und ich weiss einfach nicht mehr wohin... weiss mich nicht zu beschäftigen... habe einfach die lust am Leben verloren... Ich denke ich werde es am Wochenende nochmal versuchen ist ja keiner hier...
Wünsch euch allen noch was und baut keinen Scheiss...

Einige Antworten:

Es tut weh.... Aber es geht vorbei....manchmal dauert es auch lange.... Kennst du das Lied "Ein Herz, das kan man nicht reparieren" von Udo Lindenberg? Wenn nicht, hör es dir aufmerksam an....

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Hi, habe das gleiche Problem. Habe auch eine dreijährige Beziehung hinter mir, die sehr schmerzhaft endete. Kann Dich sehr gut verstehen. Ich hab sie auch mit nem Neuen gesehen... Ich weiß, wie sehr es einen quält, ich kann Dir nur berichten, wie ich es schaffe, noch am Leben zu bleiben... Du musst unter Leute, wenn Du anständige Freunde hast, dann rede mit ihnen, sag ihnen, wie Du Dich fühlst. Versuche am Wochenende abends wegzugehen, bleibe nicht alleine zu Hause, das macht es nur noch schlimmer. Du kannst mir auch 'ne e-mail schicken, und Dich ausführlicher auslassen... Bleib tapfer, es ist leicht gesagt, aber ich kenne es nur zu gut... Ich wünsche Dir viel Kraft.

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So wie dir gehts mir auch. Es ist damit geendet, dass ich nen Suizidversuch gestartet hab und in der Psychatrie gelandet bin. Ich will dich damit jetzt nicht schocken. aber du mußt versuchen sie zu vergessen, sonst kommst duaus diesem Teufelskreis nicht mehr raus. Ich kenne diese Gefühl wenn sie eine neue Beziehung hat. Es ist jedes mal so als würde wieder alles über einem zusammenbrechen. Das ist die Hölle! Mach keine Dummheiten!!! Versuch es doch erst mal mit einer Therapie! Mir hilft das auch.

Ebenso berichten Forumsteilnehmer über vergangene Suizidversuche, woraufhin nicht - wie z.B. von Solveig Prass berichtet - destruktive Reaktionen folgen, sondern vielmehr ein Mitfreuen, dass es dem Betroffenen besser geht:

Hallo, ich war schon mal hier vor einem Monat oder so. Ich bin weiter in der Psychatrie. Vor einen Monat hab ich einen Selbstmordversuch angekündigt. Der hätte auch geklappt aber weil ich ja in der Psychatrie bin haben die mich schnell gefunden. Gott sei dank. Jetzt geht es besser. Werd bald entlassen. Wollt mich nur wieder melden.

Einige Antworten:

das freut mich echt, dass es dir wieder besser geht! ich wünsche dir noch ein schönes Leben!

Hallo es freut mich zu lesen das du wieder gern Lebst, ich wunsche dir alles gute aud deinem weg...

Animieren zum Mitsterben

Ingesamt wird deutlich, dass Suizidforen in wenigen Einzelfällen einen Ansteckungseffekt haben können, der aber sicherlich mehr auf spektakuläre Presseberichte zurückzuführen ist als auf die Existenz internetbasierter Suizidforen.

"Ein dramatischer Anstieg der Suizide durch das Internet ist bisher nicht nachweisbar", so Georg Fiedler, Mitarbeiter des Therapie-Zentrums für Suizidgefährdete, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Suizidforen tragen vielmehr dazu bei, dass Thema Suizid zu enttabuisieren.

Menschen in (existenziellen) Krisen können - geschützt durch die Möglichkeit zur anonymen Kommunikation im Internet - ihre Verzweiflung anderen ungehemmt und unzensiert mitteilen und darauf Reaktionen erhalten. Dies ist für die Betroffenen emotional entlastend und kann auch zur direkten Kontaktaufnahme mit Beratungsstellen führen. Nicht selten werden Forumsteilnehmer zum Aufsuchen einer Kriseneinrichtung, Beratungsstelle oder psychotherapeutischen Praxis ermutigt. Eine erste niederschwellige Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit professionellen Helfern bietet das Internet.

Es existieren viele qualitativ hochwertige WWW-Angebote, die sich an Menschen richten, die sich nicht sicher sind, ob sie weiterleben sollen. Unterscheiden lassen sich hier reine Informationsressourcen von computervermittelten Beratungsangeboten. Informationsseiten bieten meist niedergelassene Psychotherapeuten oder Kriseneinrichtungen an, die auch über ihr konkretes Behandlungsangebot vor Ort aufklären.

Hilfe aus dem Netz

Im deutschsprachigen WWW ist hier an erste Stelle die Webpräsenz von Dr. phil. Wolfram Dorrmann, Bamberg, Buchautor des Titels "Suizid. Therapeutische Interventionen bei Selbsttötungsabsichten"[2] zu nennen. Unter der Überschrift Selbstmord - Suizid - Selbsttötung - Freitod? finden Betroffene einen Text von Dorrmann, Adressen von Selbsthilfegruppen, Krisendienste, Schuldnerberatungsstellen, Selbsthilfebücher und Links.

Auch das Therapie-Zentrum für Suizidgefährte spricht auf ihrer Website Menschen an, die sich suizidal erleben. Darüber hinaus wird das ambulante psychotherapeutische Behandlungsangebot umfassend dargestellt. Explizit an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene richtet sich neuhland, Berlin. Neuhland ist ein Verbund von psychotherapeutisch orientierter Beratungsstelle und Krisenunterkunft. Kinder und Jugendliche bis 25 Jahre, die nicht mehr weiter wissen und daran denken, sich das Leben zu nehmen, können sich an diesen Krisendienst wenden. Auch für Angehörige ist das Beratungsangebot offen.

Das Besondere dieser Hilfsmöglichkeit ist, dass in Notfällen Jugendliche vorübergehend in einer Krisenwohnung aufgenommen werden können. Dieses Betreuungsangebot ist in Deutschland einmalig. Fachkreise können sich auf der neuhland-Website umfassend über das Konzept informieren, Angebote zu Fortbildungen abrufen, und Lehrer erhalten Hinweise zur Suizidprävention in der Schule sowie einen Leitfaden für ein Lehrer-Schüler-Gespräch. Betroffenen Jugendlichen wird das Krisenangebot in einem gesonderten "Jugendforum" vorgestellt. Zudem wird eine Liste überregionaler Hilfsdienste bereit gestellt, die Betroffenen und Angehörigen in suizidalen Krisen eine Anlaufstelle am Wohnort bieten.

Im englischsprachigen WWW sind zwei Portale besonders empfehlenswert: Die American Association of Suicidology ist eine gemeinnützige Organisation, die sich für das Verstehen und die Prävention von Suizidalität einsetzt und eine Website für all jene bereit stellt, die mit suizidalem Verhalten und Erleben in Berührung kommen: Wissenschaftler, Therapeuten, Überlebende und Menschen in Krisen.

Das Ziel, die Bevölkerung über psychosozialen Gründe von Suizidalität aufzuklären, hat die Homepage der amerikanischen Organisation Suicide Awareness/Voices of Education (SA\VE): Hier werden häufig aktualisierte Informationen und Hilfen für Suizidale oder deren Angehörige zur Verfügung gestellt.

Über ein reines Informationsangebot hinaus geht das Kompetenznetz Depression. Neben einer breiten Aufklärung über das Krankheitsbild Depression wird ein Forum für Betroffene und ihre Angehörige angeboten, das von professionellen Mitarbeitern moderiert wird. Nicht selten werden dort auch Suizidgedanken thematisiert, ein häufiges Symptom im Rahmen depressiver Erkrankungen. Wie im Krisenfall netzvermittelt interveniert wird, beschreiben die Mitarbeiter des Kompetenznetzs Patrick Bussfeld und David Althaus in dem Herausgeberwerk "Klinische Psychologie im Internet"[3], das das Thema "Suizidalität im Internet" mehrfach thematisiert.

Anlaufstellen für Austausch und emotionale Entlastung

Die sogenannten Suizidforen im Internet bieten vielen die Möglichkeit, ihre Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit anderen Leidensgenossen anonym mitzuteilen und stützendes Verständnis zu finden. In solchen Krisensituationen haben Betroffene oftmals das Gefühl, sich ihnen nahstehenden Personen nicht anvertrauen zu können, nicht verstanden zu werden. Der Austausch mit ähnliche fühlenden Menschen kann emotionale Entlastung bringen und einen Prozess anregen, auch außerhalb des Internets Unterstützung zu suchen.

Forumsteilnehmer weisen sich häufig gegenseitig auf solche Beratungs- und Therapieangebote hin, ermutigen einander, Freunden oder Familienangehörigen die eigenen Probleme mitzuteilen. Der oftmals befürchtete Effekt, Internetcommunities würden zu einer Flucht ins Virtuelle führen und sogar suchtauslösendes Potenzial haben, kann in Einzelfällen zutreffen, ist aber nicht die Regel.[4]

Suizidforen unterscheiden sich hinsichtlich des Umgangs mit dem Thema Suizidalität - die häufig dringlich geäußerte Notwendigkeit, all diese Foren von staatlicher Seite her zu schließen, hat nicht nur dramatisierenden Charakter, sondern würde vielen Menschen eine Anlaufstelle in Krisenzeiten nehmen, die rund um die Uhr erreichbar ist. Die konstruktiven Funktionen solcher Foren soll jedoch nicht darüber hinwegsehen lassen, dass es auch missbräuchliche Nutzung gibt. Auch wenn dies Einzelfälle sind, in denen öffentlich Hinweise auf Quellen für Suizidmittel gegeben werden oder suizidale Handlungen propagiert werden, so müssen solche destruktiven Impulse unterbunden werden: Entweder durch Eingreifen der Moderatoren oder - als letzte Maßnahme - durch Schließung solcher Foren.

"Allerdings sollte aus einigen spektakulären Vorfällen kein Trend generiert werden", so Georg Fiedler. "Epidemiologische Daten geben jedenfalls für Deutschland bislang nicht wieder, dass es einen dramatischen Anstieg der Suizide durch die Verbreitung des Internets gegeben hat." Der Blick über alarmierend dargestellte Einzelfälle hinaus ermöglicht, Betroffene zu hören, die ihre Krisenbewältigung - neben anderen Unterstützungsformen - auf die Teilnahme an solchen Foren zurückführen.

Nach ein paar Tagen und Nächten, die ich mit der Lektüre der Nachrichten verbrachte, wußte ich, daß ich hier richtig war. Hier konnte ich zum erstem Mal meine Gedanken aussprechen - ohne Angst haben zu müssen, mich auf einer geschlossenen Station wiederzufinden. Dieser offene und ehrliche Ton der Newsgroup war Balsam für meine gehetzte Seele. Und das Beste war, ich konnte die Intensität des Austausches selbst bestimmen [...]

Ich kann selbst entscheiden, wann ich wieviel Kontakt haben will. Ich kann selbst bestimmen, wann ich neue Mails herunterlade und wann ich sie lese. Und (noch viel wichtigter)

Dipl.-Psych. Christiane Eichenberg
christiane@rz-online.de
www.christianeeichenberg.de

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13541/1.html
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Die interaktiven Leiden des jungen Werther

Michael Nagenborg 15.03.2001

Selbstmordforen im Internet

Suizidalität als Medienwirkung war trotz des häufig zitierten Werther-Effektes ein wenig aus der Mode gekommen, doch jetzt hat der Spiegel das Thema für sich neu entdeckt. Gleich zweimal in drei Monaten waren sogenannte "Selbstmordforen" im WWW Gegenstand einer größer angelegten Berichterstattung. Suizidalität von Jugendlichen ist ein ernst zu nehmendes Thema: Selbstmord ist in Deutschland die zweithäufigste Todesursache im Jugendalter. Der Imitationssuizid könnte sich sogar als einer der wenigen nachweisbaren Medieneffekte erweisen. Allerdings sind im Zusammenhang mit der Berichterstattung im Spiegel auch die Art der Berichterstattung, die Reaktion der deutschen Netzwelt auf die Berichterstattung, und die Rückkehr der Eigengefährdung in die Gruppe der gefährlichen Aspekte der Mediennutzung zu beachten.

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