Die Körperidentität in der Datenbank für die "Bösen"

08.11.2002

Das Pentagon erfasst alle Festgenommenen in Afghanistan, Guantanamo und vielleicht bald im Irak, um die Bewegungen von verdächtigen Personen weltweit verfolgen und in die USA reisende Ausländer überprüfen zu können

Die Gefangenen, die das US-Militär in Afghanistan oder anderswo gemacht hat und willkürlich sowie ohne jede Möglichkeit, ein Rechtsmittel einzulegen, im kubanischen Lager Guantanamo oder bei "Freunden" eingesperrt hält, werden nicht nur aus dem Verkehr gezogen und befragt. Ihnen werden auch alle möglichen biometrischen Daten abgenommen, um eine Datenbank von Verdächtigen aufzubauen.

Weil die Geheimdienste nicht in der Lage waren, die Terroranschläge vom 11.9. zu verhindern, wurden neben dem im Ausland geführten Krieg gegen den Terrorismus Kapazitäten ausgebaut und Kompetenzen zur Überwachung erweitert, werden die Grenzen besser gesichert, neue Grenzkontrollen eingeführt oder eine neues Ministerium zur Homeland Security eingeführt.

Mit den Gefangenen, die sowieso jenseits nationalen und internationalen Rechts festgehalten werden, weil sie als "feindliche Kämpfer" für die US-Regierung aus allen Rechtssystemen herausfallen und als Freiwild behandelt werden können (Das Recht auf Willkür im Krieg), unternimmt man denn auch den Versuch, eine Datenbank mit möglichst allen persönlichen Informationen aufzubauen. Angeblich werden ihnen seit Januar, ob "schuldig" oder nicht, ob tatsächliche und überzeugte Taliban- bzw. al-Qaida-Kämpfer oder nur unfreiwillige Kombattanten bzw. irrtümlich Festgenommene, Fingerabdrücke abgenommen, die Iris gescannt, die Stimmen aufgezeichnet und Fotografien gemacht. Ergänzt werden können die digitalen Daten von anderen Behörden durch Überwachungsfotos oder Fingerabdrücke, die Verdächtige etwa an Gläsern hinterlassen. Dazu können Vernehmungsprotokolle und Videos oder schlicht alles kommen, um einen Menschen, der eine Gefahr darstellen könnte, zu identifizieren. Im Frühjahr wurde bekannt, dass von den Gefangenen in Guantanamo auch die DNA-Analysen gemacht und in einer Datenbank gespeichert wurden (Terrorbekämpfung: Krause Thesen und DNA-Projekte).

Gesammelt werden die Daten mit dem Biometrics Automated Toolset (BAT), das das Militär entwickelt hat. Mit etwa 50 Laptops, die mit entsprechenden Scannern ausgestattet sind, können die Daten überall erfasst und dann in der zentralen Datenbank gespeichert werden, die von einem amerikanischen Geheimdienst betreut wird. Bislang wurden die Daten dem FBI und der Einwanderungsbehörde zur Verfügung gestellt, um damit Ausländer, die ins Land wollen oder festgenommen werden, zu überprüfen. Von Ausländern aus bestimmten arabischen Ländern werden bereits seit Oktober Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht (USA nimmt Fingerabdrücke von Ausländern). Ab Oktober des nächsten Jahres dürfen Reisende nur noch ins Land, wenn die Visa auch biometrische Daten enthalten. Möglicherweise also wird aus der Datenbank für mutmaßliche Terroristen eine allgemeine Datenbank für Ausländer.

Ziel ist es, wie Oberstleutnant Kathy de Bolt vom Battle Command Battle Lab der Armee in Fort Huachuca erklärt, nicht nur die Einreisenden zu überprüfen, sondern auch die globalen Bewegungen von Terroristen zu erfassen. Wenn beispielsweise eine Person, die in Afghanistan gefangen genommen und wieder freigelassen wurde, bei einer Kontrolle auf den Philippinen einen gefälschten Ausweis vorlegt, so könnte dies erkannt werden. "Wir versuchen", so de Bolt, "alle biometrischen Daten, die wir kriegen können, von jedem Schurken zu sammeln." Über eine Satellitenverbindung kann die Datenbank an jedem Ort, natürlich auch vom Schlachtfeld aus, abgefragt werden.

Die Pläne sind jedenfalls groß. So scheint man sich bereits auf den Krieg im Irak vorzubereiten. Nach einem Sieg dürfte es wieder zahlreiche Gefangene geben. Dafür werden bereits 400 zusätzliche Laptops vorbereitet, sagte Annthony Iasso von Northrop Grumman, der das BAT-Projekt leitet. Und de Bolt versichert:

Überall, wo wir hinkommen, im Irak oder wo auch immer, werden wir Dossiers von Menschen machen, die für den Geheimdienst von Interesse sind. Selbst wenn sie freigelassen werden, haben wir Gesichts- und Stimmdaten. Wenn sie an einen von unseren Kontrollposten kommen, können wir sagen

Du dieser Schurke von dort.

Allerdings sind bislang auch biometrische Identifizierungsverfahren keineswegs täuschungssicher, wie ein Test der ct (Körperkontrolle, 11/2002) gezeigt hat. Eine Firma hat schon einmal Chips entwickelt, die man entweder in die Guten oder in die Bösen implantieren könnte (Implantierbare Chips: das neue ID-Verfahren?). Ein Wissenschaftler schlägt Gehirnscans mit dem fMRI zur Terroristenerkennung vor, die man auch bei den Grenzkontrollen durchführen könnte. Auch die Nasa war bereits kreativ und hat die Idee unterbreitet, bei Flugzeugpassagieren, die in die USA einreisen, die Gehirnwellen abzunehmen und zu analysieren, um mögliche Terroristen zu erkennen (Technischer Zauber zur Abwehr des Bösen).

Und auch der US-Regierung scheinen die oberflächlichen biometrischen Identifizierungsverfahren nicht auszureichen. In dem von Präsident Bush höchstselbst vorgestellten Programm für die Homeland Security wird von der Notwendigkeit einer Entwicklung von "Systemen zur Entdeckung feindlicher Intentionen" gesprochen, da für den Terrorismus immer Menschen notwendig seien, die die Anschläge vorbereiten oder durchführen (Technischer Zauber zur Abwehr des Bösen). Die müssten sich doch auch so verhalten, dass ihre "kriminellen Absichten zu erkennen sind" - Identität hin oder her ...

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