Die Rückkehr ins Übungsdorf

Krystian Woznicki 13.11.2002

Kuwait City, Sarajevo und jetzt Bagdad: Die Großstadt als Problemfall des zeitgenössischen Kriegsspiels

Sicherlich zielen zeitgenössische Kriegsspiele in erster Linie darauf ab, die Transformation des Militärs in ein vernetztes High-Tech-Heer zu proben (vgl. Transformation War Game: Im globalen Sandkasten). Doch immer mehr ist in den letzten Jahren ein ganz anderes Problemfeld ins Visier aller militärischen War-Games-Designer geraten: das Schlachtfeld selbst. Nicht mehr das offene Feld erscheint als das prototypische Szenario, sondern enge, verwinkelte urbane Räume. Nicht nur Einsätze der jüngeren Vergangenheit an Orten wie Mogadischu, Panama City, Kuwait City und Sarajevo sowie in den urbanen Zentren Afghanistans legen diesen Paradigmenwechsel nahe. Auch die nächste militärische Herausforderung hört auf einen Stadtnamen: Bagdad.

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Die neue Stadtpolizei

Neulich wurde bei einem Kriegsspiel der US-Armee einmal wieder die Invasion Bagdads durchgespielt. Der Schwerpunkt dieser Übung lag auf der Überquerung des Euphrats. Da über diesen Fluss der Weg nach Bagdad führt, wird dort Widerstand erwartet: Brücken könnten gesprengt werden oder chemische Waffen des Gegners bereits dort zum Einsatz kommen und das US-Militär entscheidend schwächen. Immer wieder wurde also die Flussüberquerung geübt, bei Tag und Nacht, mit und ohne Brücken. "Wenn wir das meistern", gab ein Militärvertreter zu Protokoll, "dann ist der Rest ein Kinderspiel. Bagdad wird auseinander fallen, wenn wir mit 30, 40 Panzern in die Stadt vorpreschen." Eine Vorfreude, die mehr als verfrüht scheint.

Die Invasion von Bagdad

Im Fort Polk Joint Readiness Training Center wird seit geraumer Zeit die Einnahme von Bagdad geprobt. Der simulierte Kampf in Louisiana kostet mehr als 1 Million Dollar täglich. Er wird unter Verwendung avanciertester Technologien auf einem Schlachtfeld ausgetragen, das aus 28 Gebäuden besteht, die auf einem Gebiet in der Größe von drei Stadtblöcken stehen. Man tut alles, um den Kampf so real wie möglich zu gestalten. Lasersensoren beepen, wenn ein Soldat getroffen ist, medizinisches Personal sorgt umgehend für den Abtransport.

Als der befehlshabende General aus dem Verkehr gezogen wird, muss auch er erkennen, dass der Krieg auf bebautem Gelände eine ganz besondere Hölle ist. Soldaten haben ihr einen Namen gegeben: "Dreidimensionale Kriegsführung". Schließlich kann man von allen Seiten getroffen werden.

Pop-Kingdom

Doch ist das lange nicht alles. In dieser Hölle kann die Kommunikation unter den Soldaten nur unter den widrigsten Umständen verlaufen, Ziele können meist nur schwerlich ausgemacht werden, bestenfalls bauen sie sich in einer Entfernung von weniger als 50 Metern auf, aber das ist natürlich zugleich auch das worst case scenario. In Bagdad werden diese Parameter durch den Faktor "Unberechenbarkeit" ergänzt.. Es dürfte also niemanden überraschen, dass sich die War-Games-Designer des Militärs an eine alte Weisheit von Sun Tzu erinneren:

"Greife nur Städte an, wenn es dazu keine Alternative gibt ... Der General, der seine Ungedulf nicht zügeln kann, wird seinen Truppen befehlen, die Mauer in Schwärmen wie Ameisen zu erstürmen, was zur Folge hat, dass ein Drittel getötet werden wird, ohne die Stadt einzunehmen. Darin besteht die Schwierigkeit eines Angriffs auf Städte."

Wiederherstellung der Asymmetrie

Unter Hochdruck wird die "dreidimensionale Kriegsführung" allenthalben geprobt. Selbst al-Qaida trainiert den Krieg im bebautem Gelände, wie neulich im Fernsehen ausgestrahlte Videokassetten belegen. Auf diesen Aufnahmen sind Kämpfer zu sehen, die in einem entlegenen Camp eine westliche Stadt mit Hilfe von Leinwänden und Steinen nachgestellt haben. Auch wenn solche Bilder an die alte Teppichmesser-gegen-Kampfbomber-Asymmetrie erinnern, die Überlegenheit westlicher Technologie wird im urbanen Raum dann aufgehoben, wenn aus dem Luftkrieg ein Bodenkrieg wird.

Darauf spekuliert jedenfalls das irakische Militär. Das weiß jedoch auch die US-Armee. Vor diesem Hintergrund hat sie ihre neuesten Trainingsprogramme entwickelt, sowie ein neues Trainingszentrum ins Leben gerufen, das die bestehenden Institutionen ergänzen soll. Jahrelang waren die U.S. Marine Corps und die U.S. Army zuständig für alle Projekte, die die Weiterentwicklung der urbanen Kriegsführung betreffen. Gemeint sind damit Projekte wie Urban Warrior, Metropolis und Programme wie MOUT (Military Operations on Urban Terrain). Neu ist jetzt das Center for Joint Urban Operations, ein Projekt des U.S. Joint Forces Command (JFCOM).

Eine Kriegsfilm-Attrappe? Angeblich wurde seit dem letzten Golfkrieg noch nicht wieder aufgeräumt

Zu den Zielen dieses Zentrums gehört unter anderem die Entwicklung von Instrumenten, die dem Militärstrategen wieder in eine allwissende Position verhelfen, eine Position, in der er über alle notwendigen Daten des Schlachtfeldes verfügt und dadurch präzise ebenso wie spontan zu handeln im Stande ist. Wie ein JFCOM-Vertreter es formuliert:

"We know that the joint force commander can now stand above the (battlefield) and he 'sees', and he has this tremendous amount of information available to him. When you stand above the city, you don't see that (same information), and we want to be able to give him that same type of picture."

Dieses "Bild" soll das so genannte C4ISR-System liefern, das im Center for Joint Urban Operations auf die Anforderungen von engen, verwinkelten Räumen umgerüstet wird. Es soll die Funktion eines Satellitenbildes für das Kampfgebiet im offenen Feld auf die Anforderungen der Großstadt übertragen. Der Ernstfall soll erstmals in Bagdad getestet werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13581/1.html
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