Leichenteile im Pappkarton

Platter Biologismus, Brutalität und Ignoranz bestimmen den journalistischen Umgang mit der Affäre um das Gehirn Ulrike Meinhofs

Angestoßen hat die elende Sache wieder einmal Bettina Röhl. Als eine der beiden Töchter der Meinhof betreibt sie seit Jahren ihre ganz eigene Art der Traumabewältigung, indem sie die gesamte westdeutsche Linke und vor allem die 68er für ihr persönliches Schicksal als "Terrorwaise" verantwortlich macht. Seit sie mit dem Versuch gescheitert ist, Joschka Fischer durch die Veröffentlichung von Photos aus seiner revolutionären Vergangenheit aus dem Amt zu jagen (vgl.Medien und Politik vom Joschka-Virus befreien ...), wird sie allerdings kaum noch ernst genommen und muss ein wenig kleinere Brötchen backen.

Und so wartete sie denn am 8.11.02 in der Magdeburger Volksstimme mit der Geschichte auf, dass das Gehirn ihrer Mutter nicht mit dem Rest der Leiche 1976 bestattet wurde, sondern zwanzig Jahre von einem Tübinger Neurophysiologen namens Prof. Jürgen Pfeiffer in einem Pappkarton aufbewahrt, dann 1997 von ihm nach der Emeritierung aus seinem ehemaligen Institut entwendet worden und - immer noch in der besagten Pappschachtel - an seinen Magdeburger Kollegen Prof. Bernhard Bogerts weitergereicht worden ist.

Ziel der Übung: Erstens, das Gehirn der Toten noch einmal mit moderneren Apparaten und Methoden zu untersuchen als denen, die Pfeiffer Mitte der Siebziger in Tübingen zur Verfügung gestanden hatten. Zweitens, der Vergleich des Meinhofschen Gehirns mit dem des Massenmörders Ernst August Wagner, der 1913 vierzehn Menschen in Degerloch bei Stuttgart ermordet hatte, psychiatrisiert wurde und sich gegen Ende seines Lebens (1938) noch zum "ersten Nationalsozialisten" seiner Anstalt erklärte.

Das Gehirn Wagners genießt offenbar die besondere Aufmerksamkeit von Bogerts, weil er daran physiologische Gründe für dessen Verhalten erkannt haben will. Die beiden Neurophysiologen hatten Ende der Neunziger die Idee, einen Gehirnvergleich durchzuführen, weil Pfeiffer schon nach seiner Erstobduktion des Meinhofschen Gehirns glaubte, dass eine 1962 bei Meinhof durchgeführte Hirnoperation etwas mit der RAF-Karriere der Journalistin zu tun haben könnte.

Es stimmt schon: Die Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Immerhin wirft sie ein scharfes Licht auf die Geistesart der Mediziner, die mit den Leichen der RAF-Mitglieder befasst waren. Man war ja erst kürzlich wieder mit dieser Geistesart konfrontiert worden, als der Spiegel von dem Satz Totenmasken berichtethatte, den der Gerichtsmediziner Prof. Hans Joachim Mallach (ebenfalls Tübingen) von seinen Untersuchungsobjekten, den Leichen Baaders, Ensslins und Raspes angefertigt und wie Trophäen jahrzehntelang in einem Privatsafe aufbewahrt hatte.

Aber Bettina Röhl benutzt die Story nur als einen weiteren Aufhänger für ihren Kreuzzug gegen die militanten 68er. Mit unverkennbarer Genugtuung berichtet sie von der Vermutung des Hirnforschers Pfeiffer, dass Ulrike Meinhof aufgrund hirnphysiologischer Schäden schlicht und ergreifend nicht zurechnungsfähig gewesen sei. Pfeiffer ging in seinem Gutachten von 1976 so weit, Meinhofs Schuldfähigkeit zu leugnen, vom medizinischen Standpunkt aus, so sein Urteil, hätte sie freigesprochen werden müssen.

Nachdem Röhl in ihrem Artikel nun ihrer Mutter die "intellektuelle Texthoheit" für die gesamte RAF zuschustert, gerinnen ihr die Vermutungen der Hirnforscher unter der Hand zu der Gewissheit, dass die ganze RAF und ihr Umfeld von einem Gehirn gesteuert wurde, das nach Art und Anlage eigentlich nur noch mit dem des Serienmörders Ernst August Wagner verglichen werden kann - alles Bekloppte, die einer hirnkranken, gewalttätigen Bekloppten hörig waren. So einfach kann Geschichte sein. Aber ist das alles schon Geschichte? Laut Bettina Röhl nicht:

Ein Teil der bekloppten Meinhof-Jünger gehöre heute zum politischen Establishment der BRD und der Kryptoterrorist Stefan Aust, Chefredakteur des Spiegel, beschäftige bis heute Terroristen wie Bommi Baumann, Peter Jürgen Boock, Til Meyer und andere. Bei solchen Reden könnte man fast meinen, Bettina Röhl halte das Gehirn ihrer Mutter noch heute für fähig, per Fernsteuerung terroristische Untaten zu begehen.

Und was macht der Spiegel? Hält er diesem Unfug etwas entgegen? Ganz und gar nicht. "Das Gehirn des Terrors": Schon der Titel von Jürgen Dahlkamps Artikel lässt vermuten, dass die Meinhof-Tochter und das Politmagazin mindestens in einem zentralen Punkt einer Meinung sind: Das kranke Hirn war's.

Dabei spielt es auch keine Rolle, dass bereits bei der Diagnose der Krankheit, die 1962 bei Ulrike Meinhof behandelt wurde, Unstimmigkeiten auftreten: Bettina Röhl erzählt von einem Tumor, im Spiegel ist von einem "Blutschwamm" die Rede. Auch die Bedenken und Zweifel der Hirnforscher selbst, die ihre Vermutungen und Indizien stets im Konjunktiv äußern, werden in Halbsätzen der geilen Story wegen weggewischt - die Meinhof wie der Wagner, so geht die Gleichung bei Dahlkamp. Und am Ende demonstriert der Spiegel-Autor, wie stumpf man werden kann, wenn man die Welt in solch einfache Gleichungen auflöst:

Es gab für Ulrike Marie Meinhof keine Flucht mehr, keine Therapie, undihren Dämon hatten sie mit ihr zusammen eingesperrt. Sie hat es beschrieben,in ihrer Zelle in Köln- Ossendorf, ganz am Anfang, in der Isolationshaft.Völlig allein hatte sie dort gesessen, in der Todesstille des "totenTrakts", zwischen weißgestrichenen Wänden, und das ewige Licht der Neonröhreleuchtete ihr, Tag und Nacht, Nacht und Tag. Und als Ulrike Marie Meinhofaufschrieb, wie fertig sie war, da schrieb sie über ihr Gehirn

"Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf. Das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen, abplatzen. Das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst... Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das Schlimmste.

Die wohlbekannten und gut dokumentierten psychologischen Folgen einer extremen Form der Isolationshaft auf die hirnphysiologische Vorschädigung des Häftlings abzuwälzen - das ist in all seiner denunziatorischen Dummheit fast schon wieder elegant. Dass sich Dahlkamp für diese These fachkundiger Unterstützung versichert hat, darf ernsthaft bezweifelt werden.

Ist es bei diesem Stand der journalistischen Auseinandersetung mit der jüngsten Vergangenheit ein Wunder, dass auch die taz mit kalauernden Titeln wie "Ulrike Meinhof hirnlos?" aufwartet? Man muss schon froh sein, dass dieselbe Zeitung in einem parallelen Artikel die Frage nach den üblen Kontinuitäten aufwirft, die an diesem Fall sichtbar werden und dass es immerhin auch ein bürgerliches Blatt wie die Berliner Zeitung wagt, das Gleiche zu tun:

Diskutiert werden sollte daher weniger über die Hirnforschung als über dieHirnforscher. Deren gruseliger und in diesem Fall auch illegaler Umgang mitden sterblichen Überresten von Menschen erinnert an längst vergangengeglaubte Zeiten medizinischer Forschung in Geheimlabors. Es ist durchausmöglich, dass die Geschichte von Ulrike Meinhofs Gehirn noch eingerichtliches Nachspiel haben wird. Schließlich waren weder die Familie dertoten Terroristin noch die Staatsanwaltschaft über die geheimen Forschungeninformiert.

Aber vielleicht ist ja die einzig richtige Antwort auf diese grausige Posse und ihre Medienverwertung sowieso nicht der aufklärerische Journalismus, sondern die Spaß-Guerilla. Immerhin eines haben die Witzbolde, die Meinhofs Gehirn für 5 Euro bei eBay zur Versteigerung anboten, ohne große Worte klargemacht: Die Menschenwürde, die Ulrike Meinhof als Journalistin für antastbar hielt, wird jederzeit angetastet. In ihrem Fall geschieht das noch lange nach ihrem Tod unter Zuhilfenahme der Neurophysiologie.

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