Aufmerksamkeit

Der Leichen-Event des Jahres

Ernst Corinth 16.11.2002

Gunther von Hagens plant öffentliche Obduktion

Wer bei den "Faces of Death"-Videos nur noch müde gähnt und sich auch über die blutigen Bilder von Rotten.com und Co. nicht mehr so recht amüsieren kann, der sollte schleunigst nach London fahren. Dort läuft noch bis zum 9. Februar 2003 die Ausstellung Body Worlds, und im Rahmen dieser Veranstaltung (die bei uns "Körperwelten" hieß) plant nun der verantwortliche Ausstellungsmacher und größte Plastinator vor dem Herrn, Gunther von Hagens, den Leichen-Event des Jahres.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Wenn nichts mehr dazwischenkommt, will der Herr Professor am Mittwoch den 20. November um 19 Uhr die Leiche einer 33 Jahre alten Deutschen obduzieren ­ öffentlich vor etwa 500 Zuschauer, die bereit sind für diesen Live-Autopsie-Spaß 12 Pfund zu bezahlen. Zusätzlich ist eine Außenübertragung über Großleinwände geplant, dagegen wird es eine Internet-Live-Übertragung komischerweise nicht geben. Dafür sollen den Zuschauern aber vor Ort - nach einem Bericht des "Daily Telegraph" - die Organe und Körperteile der Toten auf Tabletts regelrecht "unter die Nase gehalten werden".

Wohl bekomm's. Das meinen allerdings nicht die Mitglieder der Vereinigung britischer Anatomen, die von Hagens Vorhaben als "reine Sensationsmache" verurteilt haben. Aber solche kleingeistigen Bedenken können den professoralen Leichenkunstöffner nicht erschüttern. Wer ihn einmal hat reden hören, der weiß: der Mann hat nicht nur ein tolles Sezierbesteck, sondern eine Botschaft, die unter dem Motto steht: Ich bin der größte lebende Plastinator vor dem Herrn. Und so kontert von Hagens auf seiner Website auch die Vorwürfe seiner Gegner mit einem kurzen klaren Blick in die Geschichte:

In the 16th century, Anatomical Theatres where public autopsies were performed, started to open all over Europe. In these theatres, the anatomy of the human body was shown to a lay audience. In London, temporary anatomical theaters were constructed, with the last one taking place around the year 1830. After 200 years of sharing the wonders of the human body with non-professionals, autopsies became increasingly confined to an exclusive medical elite.Today only medical students and professionals are privileged to attend."

Kurzum: Was früher richtig war, kann heute nicht falsch sein. Und weil eben noch vor 200 Jahren öffentliche Autopsien sogar für das gemeine Volk zugänglich waren, können die eigentlich auch 2002 nicht verkehrt sein. Zwar ließe sich mit dieser Logik sofort die Wiedereinführung von öffentlichen Hinrichtungen rechtfertigen, aber das wäre ja ein anderes Thema. Obwohl dabei anschließend ebenfalls Körper zu entsorgen sind.

Trotz fehlender Hinrichtungen werden aber auch in Zukunft Leichen den Weg des größten immer noch lebenden Plastinators vor dem Herrn pflastern, obgleich es ihm in Europa nicht gerade leicht gemacht wird. So sind beispielsweise öffentliche Show-Obduktionen in Deutschland verboten und in Großbritannien soll demnächst das Gesetz über den Im- und Export von Leichenteilen verschärft werden. Eine klare Einschränkung von Bürgerrechten, meint dazu natürlich von Hagens.

Kein Wunder also, dass er inzwischen die meiste Zeit genau dort tätig ist, wo die Bürgerrechte bekanntlich besonders geschätzt werden: in China, wo unter seiner Leitung ein großes Plastinationslabor entsteht, das bis 2003 fertig gestellt werden und 200 Arbeitsplätze bieten soll.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13616/1.html
Kommentare lesen (43 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS