Komm küss mich Computer / Ich bin so verrückt nach dir!

Michaela Simon 21.11.2002

Die außergewöhnliche und äußerst lebendige Welt der Objektsexualität

In der um Kontinuität bemühten Cult of Mac Wired-Reihe (vgl. Tönerne Scherben des digitalen Zeitalters) ist der Artikel Fetishists Really Love Their Macs erschienen, welcher ein neues Fenster aufmacht, nämlich das zu der außergewöhnlichen, reichen und äußerst lebendigen Welt der "objectum sexuality".

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Mann trifft Mann - nicht. Mann liebt Mann. Mann trifft Mann. Mann liebt Computer. Sätze, die die Geschichte eines Mannes namens Mark Allen zusammenfassen. Ob es eine gute Geschichte ist oder wenigstens eine wahre Geschichte, das weiß nur er und Sie, der Leser. Es ist die Geschichte der ein Jahr dauernden Cyberliebe zwischen Brian und Mark, die zu Ende war, als die beiden sich gegenüber standen. Romantische Webcamdinner, monatelanges Chatflirten, gemeinsame Webcamnächte, all das gipfelte in einem ersten "echten" Treffen, welches mehr oder weniger auch ihr letztes war. Auf seiner Website Cybercrushcrutch berichtet Mark Allen ziemlich ausführlich über diese Erfahrung und stellt eine gewagte Selbstdiagnose: Er habe einen Fall von "objectum sexuality" erlebt. "Mein Cybergeliebter war, in vieler Hinsicht, mein Power Mac G3, die Webcam und das Telefon. Er lebte in dieser Maschine, die ich wie einen Lichtschalter unter der Kontrolle hatte. Der perfekte Geliebte." Nicht in Brian, sondern in einen "mec" namens "Mac" will sich Mark also verknallt haben. "Da ist eine Grenze, an der das geliebte Gesicht und der Computermonitor anfangen, eins zu werden."

Was sind die Dinge, die dir am Herzen liegen?

Dass man seinen Mac lieben kann, passt Wired natürlich perfekt in den Kultkram, umso mehr als Apple ja immer schon um ein sexy Design bemüht war und es sogar diesen Werbespot aus dem Jahr 1999 gibt, in dem Jeff Goldblum fragt, ob es möglich sei, sich in einen Computer zu verlieben, und, als ein iBook auftaucht, "Oh ja" röchelt. Aber: It's the Singer, not the song. Dass Kommunikationsmittel mit dem Glanz der Liebe aufgeladen werden, muss sie noch nicht zu Fetischen machen. Das nächtliche Rauschen eines für intime Korrespondenz im Schlafzimmer aufgestellten Faxgerätes kann ebenso stimulierend sein wie die Anwesenheit des Geliebten. Wer hat noch nie einen Telefonhörer geküsst oder einen empfangenen Brief? Oder eine Mauer? Womit wir allerdings bei einem unbezweifelbar objektsexuell, fetischistisch-animistischen Storyboard wären: Mädchen trifft Mauer. Mädchen verliebt sich in Mauer. Mädchen heiratet Mauer.

Die Schwedin Eija-Riitta Eklöf hat ihre Geschichte mutig in Wort und Bild dokumentiert. Am 9.November 1989 musste sie im Fernsehen mitverfolgen, wie ihr Ehemann in Stücke gerissen wurde. In einer der Öffentlichkeit zugänglichen deutschsprachigen Yahoo-Gruppe mit dem Titel Objektsexuelle Maschinenküsser gesucht berichtet sie von ihrer Hochzeit:

Um die Ehe mit der Berliner Mauer richtig zu machen, brauchten wir einen anderen Animisten, der mit der Berliner Mauer kommunizieren konnte. Die Antworten der Mauer konnten nicht durch mich gehen, sondern wir brauchten eine unanfechtbare Person. Diese Person mußte auch die Heiratspapiere für die Berliner Mauer unterschreiben, weil die Mauer nicht selbst schreiben kann.. Die Hochzeit fand am 17. Juni 1979 in Berlin statt. Ich kenne eine andere Ehe mit einer SACHE, in den USA. Ein Mann hat sich mit seinem Auto verheiratet. In meinen öffentlichen Papieren steht Eklöf-Berliner-Mauer. Man muß eigensinnig sein und darf nicht ein Nein für ein Nein halten.

Eine schöne und wahre Geschichte. Eine oft auch traurige Geschichte, denn Erwachsene (bei Kindern ist das etwas anderes), die Gegenstände lieben, kann unsere Gesellschaft nicht verstehen. Dabei liegt die Ära der göttlichen Maschinen noch nicht lange zurück. "Nichts ist schöner als ein großes summendes Kraftwerk , das den hydraulischen Druck einer ganzen Bergkette in sich birgt.", schwärmte etwa der italienische Futurist und Maschinenverehrer Filippo Tommaso Marinetti. Objektophilie, die Liebe zu Gegenständen, ist

eine sexuelle Lebensform, bei der ausschließlich sogenannte "unbelebte Objekte", also Gegenstände als Sexualpartner in Frage kommen. Dieses sowohl körperlich, als auch emotional. Das kann im Prinzip alles sein. Zum Beispiel

Maschinen, Fahrzeuge, Konstruktionen oder Musikinstrumente. Der Gegenstand/ das Objekt ersetzt nicht etwa einen menschlichen Partner, sondern steht anstelle dessen.

Kylie, Dumbo oder die geliebte Lok

Dass ein "feminines Kussgesicht, für das die mächtigen Ohren (da fahre ich ja voll drauf ab), fast zu groß erscheinen.(seufz)" nicht Kylie Minogue oder Dumbo, dem Elefanten, sondern einer Lokomotive gehört, darauf muss man erstmal kommen. Aber wer sollte bestreiten, dass man einen Gegenstand mit der gleichen Treue und Untreue, mit den selben Projektionen, Zärtlichkeiten und Leidenschaften bedenken kann wie einen Menschen. Dinge sind passiver, das verstärkt ihre Objekthaftigkeit, macht sie aber auch stolzer, sanfter und ungefährlicher. Eine "Obsession" genannte Fixierung auf einzelne Teilstücke oder Gegenstände wie Züge, Waschmaschinen, Computer findet man übrigens auch bei Menschen mit Asperger Syndrom (vgl. Die Geek-Autismus-Connection).

Die Poesie eines in Museumslokomotiven verliebten Objektsexuellen, der "all die wunderbaren schwarzen Schönheiten mit ihren Mähnen aus Wasserdampf" besingt, kann sich auf berühmte Vorbilder wie Siegfried Kracauer berufen: "Das Gestänge, das die Typen trägt, hat die Schlankheit von Flamingobeinen....Nur verlegen liebkoste ich - damals in den Anfängen unserer Beziehung - ihre kühlen Teile." Die Erotik der Tastatur (hat sie durch den digitalen Sündenfall ihren Zauber verloren?) wurde Anfang der zwanziger Jahre in Feuilletons erörtert.

Die vierundzwanzig gehorsamst versammelten Buchstaben haben inspirative Gewalt, sie sind Kobolde von geschäftigster Dienstwilligkeit, die zur Inanspruchnahme locken, vierundzwanzig äußerst sinnliche Wesen, die sich untereinander zu begatten wünschen und des Menschen kupplerische Instinkte reizen. Das zarte Geklapper der Letternhebel, das metallische Klingen der Verschiebung, das Glöckchen, dessen helle Kinderstimme die Zeilenenden ausruft

das gibt einen Rhythmus, der das Hirn mitschwingen macht, eine Melodie, die unwiderstehlich Text ansaugt.

"Die Augen von meiner Maschine..."(Georg Kreisler)

"Es gibt keinen, der sein' Hammer so gern hat", sang der Presslufthammer-B-b-b-b-bernhard alias Torfrock und da war auch Christine, die von John Carpenter verfilmte Boy-Meets-Car Lovestory.

Christine (1983)

Ob Kamin, Küchenschrank, Jukebox, Orgel, Holzpfosten, Auto, Lok, Kuscheltier, Großdrehbohrer vom Spezialtiefbau oder Röntgengerät, jeder dieser Gegenstände ließe sich mit Freudianischen Deutungen als besonders hinter- oder abgründiges Objekt der Begierde ausweisen. Doch das soll denen überlassen bleiben, die dran glauben. Dass es hier zumindest nicht um herkömmliches Sexspielzeug (vgl. Orgien im Kinderzimmer) geht, wird jeder begreifen, der etwa diesen Guide to Sex with Cars (for males) gelesen hat, welcher Autoliebhaber ins Reich der Sinne entführt. (Nur so viel: Der Auspuff wird als Anus empfunden.)

Aber sind wir nicht alle Cyborgs mit unseren Füllungen, den Lasern, den Augengläsern und Herzschrittmachern? Wenn Sexualität "maschiniert" wird, sexualisiert sich auch die Maschine. Eine Microsoft-Umfrage, die in fünf europäischen Ländern den Umgang verschiedener Nationen mit dem PC erforschte, kam zu dem Ergebnis, dass jeder vierte Brite lieber vor seinem Computer sitzt, als Sex zu haben. Diese Umfrage ergab merkwürdig Ambivalentes über Spanien: 57 Prozent der in Spanien Befragten hätten Gewalt gegenüber dem Computer zugegeben (vgl. Unschuldige Rechner, bis auf den Saft gequält). Mehr als die Hälfte der Befragten empfände gleichzeitig Verehrung für den PC. Wäre es falsch, den Computer als Organ- und Instinktersatz des Menschen zu bezeichnen, der sein Wesen wiederspiegelt und transzendiert?

Komm küss mich Computer / Ich bin so verrückt nach dir! / Komm programmier mich / Ich liebe dich / Mensch und Maschine - wir

"Ich bin eine Maschine, erbaut, um Glück zu produzieren" (Vladimir Majakowski)

Bei dem Gedicht mag Ironie oder künstlerische Überhöhung mitspielen, den Objektsexuellen jedoch ist das Ding mit den Dingen ernst und zwar so ernst, wie eine Liebe nur sein kann, und deswegen sollte man sie auch ernst nehmen.

Der Modellbohrer erfüllt meine Sehnsucht nach Zärtlichkeit und körperlicher Nähe. Ich glaube, wenn ich nicht etwas zum lieben hätte, würde ich verkümmern und eingehen. Alles was ich tue, sei es Aufstehen, Einkaufen oder das Versorgen anderer Wesen, geschieht auf der Basis, daß ich den Bohrer liebe. Das Leben ist schön und lebenswert, weil ich den Bohrer liebe. Das war nicht immer so. Ich habe nämlich auch so ein Trauma, wie Du mit dem Kamin gehabt. Es war ein Röntgengerät, das ich heimlich in einer orthopädischen Praxis glühend angehimmelt habe. Eines Tages kaufte sich der Arzt überraschenderweise ein neues und mein Leben war zehn Jahre lang orientierungslos und leer. Du fragtest nach der Beziehung zum anderen menschlichen Geschlecht in der Jugend? Ich hatte nie eine Liebesbeziehung oder Sex mit einem Menschen. Ich habe die Jungs höchstens um ihren angeborenen "Draht" zur Technik beneidet. Ich hatte in Mathe und Physik meistens eine fünf im Zeugnis. Ich war haßerfüllt und eifersüchtig, wenn sie im Physikunterricht die Apparaturen bedienen und berühren konnten, die ich nicht verstand. Du hattest ebenfalls vor einiger Zeit gefragt, was ich bei einer Flutkatastrophe täte? Meine Bohrermodelle(Maßstab 1

50) würde ich mit mir mitnehmen. Wenn ich meinen Liebling im Keller habe, so würde ich ihn möglichst in wasserdichte Folie hüllen

Man sollte sie ernst nehmen, was nicht heißt, dass Objektsexuelle keinen Humor haben:

Eines muß man einer jeden Toilette lassen. Sie hat ausdrucksvolle Lippen, auch wenn ich mir für meine Person nicht vorstellen kann, eine Geliebte zu küssen, die alles schluckt.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13633/1.html
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