BSE im deutschen Fleisch? Sehr wahrscheinlich
Britische Behörden haben zum wiederholten Mal Rückenmarkbestandteile im Rindfleisch aus deutschen Landen nachgewiesen. Wie viel BSE wird den deutschen Bürgern zugemutet?
Wer glaubt, deutsche Metzger und deutsche Behörden haben aus den Erfahrungen in Großbritannien gelernt, sieht sich betrogen. Die Erkenntnis kommt von außen, von der UK Food Standards Agency (FSA).
Die staatliche Aufsicht im Vereinigten Königreich ist klug geworden und folgt der Devise, das Geld die Welt regiert und Bastarde selbst königliche Stammbäume zieren. Deshalb prüft sie unnachsichtig alle Fleischeinfuhren mit einer simplen, gleichwohl wirksamen Strategie: die Veterinäre fahnden nach Spuren von Nervengewebe, weil Zellen dieser Art bei ordentlicher Schlachtung im Steak nichts zu suchen haben. Der Prüfmethode liegt die Gewissheit zu Grunde, dass sich die Prionen, die BSE-Erreger, im Gehirn und im zentralen Nervensystem am wohlsten fühlen. Trotzdem: das Ergebnis der Prüfung vom 28. Oktober macht offensichtlich, dass deutsches Fleisch regelmäßig gegen die Vorschriften verstößt. Zum 16ten Mal, so berichtet die FSA, werden zwei Sendungen zurückgewiesen. In diesem Fall handelt es sich um die Hinterviertel von 325 Rindern.
![]() |
|
| Endzustand nach BSE-Erkrankung |
Was zunächst wie ein Alleingang der geplagten Engländer wirkt, ist die regelrechte Ausführung einer europaweit geltenden Vorschrift. So ist denn die unübersehbare Serie unsachgemäß präparierten Fleisches der viel zu spät erkannte Verstoß gegen die Europäische Norm, was wiederum beweist, dass die Fleischkontrolle in Deutschland dem Standard nicht genügt. Standard meint allerdings nur den kleinsten gemeinsamen Nenner, weil die besänftigende Bezeichnung BSE-freier Rinderbestand nichts mit qualifizierten Labortests zu tun hat. In der Realität gilt der "gute Glaube": systematische Untersuchungen werden, weil sie teuer sind, bestenfalls stichenprobenartig oder erst bei dringenden Verdacht durchgeführt. In Anbetracht der Konsequenzen, die ein BSE-befallenes Tier nach sich zieht, gibt es ohne drakonische Strafen keine Neuerkrankungen mehr. Der Tierhalter unternimmt alles, um die Erkrankung in seinen Viehbeständen zu verheimlichen. Manches verdächtige Tier wird als Kalb geschlachtet, andere an die Hersteller von Hunde- und Katzenfutter verschenkt, oder, falls nicht mehr auf Schleichwegen "exportierfähig", heimlich verscharrt.
Das BSE-freie Rind ist ohne Labortest oder Untersuchung des Gehirns eine Fiktion. Das regelmäßige Zurückweisen deutschen Fleisches in Großbritannien bedeutet zwar nicht, dass die Rinder nachweislich krank sind, es besagt vielmehr unmissverständlich: die Art der Schlachtung widerspricht der heutigen Legalität. Danach müssen Risikomaterialien - wie eben das Nervengewebe - ausgesondert werden und dürfen das zum Verzehr vorgesehene Fleisch nicht kontaminieren. Der mindere europäische Standard umgeht den sicheren BSE-Nachweis in der Hoffnung, dass der gegarte Muskel eines BSE-kranken Tieres kein totales Risiko darstellt. Die noch gültige Liste der Risikomaterialien ist bereits Makulatur. Mitte Oktober berichtet die FSA: die Tonsillen (Mandeln) von kranken Rindern weisen ebenfalls Prionen auf. Fieberhaft überprüfen nun die Wissenschaftler andere Lymphgewebe, weil die Tonsillen zu den immunaktiven Zellstrukturen des lymphoretikulären Systems zählen.
![]() |
|
| Der sichere Nachweis beruht auf der Untersuchung des Gehirns |
Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: der europäische Minimalkonsens wird anderswo nicht geteilt. In Kanada und den USA sind Personen, die seit 1980 länger als drei Monate in Europa verbracht haben, nicht mehr zur Blutspende zugelassen. Der Beschränkung liegt die Befürchtung zugrunde, Hackepeter, das im Inneren noch blutige Fleisch oder Blutzellen können bisher nicht nachweisbare Prionen enthalten. Hinzu kommt ein zweites Argument, das nun auch FSANZ, die Behörde für Food Standards Australia and New Zealand überzeugt hat und vom Leiter, Peter Liehne, vor wenigen Tagen in die Worte gefasst wurde:
Aufgrund unserer konservativen und vorsichtigen Haltung haben wir bereits 2001 die Einfuhr von Rindern und Rinderprodukten aus Europa untersagt. Seitdem haben wir umfangreiche Analysen durchgeführt, um das Gesundheitsrisiko für unsere Bürger abzuschätzen. Jetzt sind wir in der Lage, weitere Verfeinerungen vorzunehmen. Nach unseren Erkenntnissen sind Talg und Gelatine ebenso risikobehaftet.
|
|
FSANZ verlangt deshalb vom 20.Dezember 2002 an, dass für die restlichen noch importierbaren Rinderprodukte der Nachweis des BSE-freien Rinderbestandes, Tier für Tier, geführt wird. Das bedeutet praktisch, wie schon in Nordamerika, das weitgehende Einfuhrverbot für Rinderprodukte.
Die Europäer hingegen verlassen sich auf eine trügerische Sicherheit. Talg und Gelatine sind nicht nur technisch verwertete Stoffe, sondern finden Eingang in die Nahrungskette: als Zusätze für die "schnelle Suppe", die Kraftbrühe aus dem Beutel oder weitere (Teil-)Fertigprodukte (u.a. Gelees, die ohne Erhitzen zubereitet werden) - womit manche fleischlose Torte potentiell nicht risikoärmer ist als ein Filetstück.
Die Zeitbombe ist hausgemacht und inzwischen paneuropäisch. Viele Bürger, obwohl sie regelmäßig Fleisch essen, dringen darauf, dass der Schlachthof aus der Stadt verbannt wird. Die Philosophie "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" hat Schlachtzentren auf der grünen Wiese entstehen lassen. Die Schlachtfabriken arbeiten mit ständig verfeinerten Techniken. "Fabriken", weil nur schwerlich nachgeprüft werden kann, woher und wie gesund die Tiere in die Fabrik gelangen. "Verfeinert" deshalb, weil jedes Gramm Gewebe, einschließlich der Karkassen, irgendwie zu Geld gemacht wird. Nichts wird mehr verbrannt. Die mechanische Entbeinung (mechanically recovered meat (MRM)), so die UK Food Standards Agency (FSA) in einer Studie zur historischen Entwicklung "war ein wichtiger Wegbereiter für BSE". Vor 1995 wurden in Großbritannien jährlich mehr als 5.000 Tonnen Fleisch maschinell zerlegt. Schnell und preiswert mußte es sein, und so gingen jeweils 40% an die Hersteller von Hamburgern sowie an große Catering-Unternehmen, die vornehmlich Schulen und Krankenhäuser bedienen.
![]() |
|
| Südfleisch Italien erklärt den Bürgern, wie gutes Fleisch gemacht wird |
Die Schlachtzentren bleiben eine Welt für sich: marktbeherrschende Großunternehmen, weil sie Drehscheiben für die Endprodukte sind und zugleich die preisbestimmenden Abnehmer für die Tierhalter. Wer sich in Europa mit den landestypischen Bedingungen auskennt, kann durch den richtigen Weg der Tiertransporte zusätzlichen Gewinn machen. Deswegen geht es heute um multinationale Konzerne, die ihre Marktführung sichern wollen. Die Südfleisch Holding hat vor einem Jahr juristische Schlagzeilen gemacht, nachdem der Bundesgerichtshof den Zusammenschluss mit einem weiteren Platzhirsch, der Moksel AG, versagte und damit die Entscheidung der Kartellbehörde bestätigte. Südfleisch ist, wie die illustrative Tafel zeigt, auch in Italien aktiv und beliefert zusätzlich zu den großen Ketten die lokalen Metzger und den Einzelhandel. Ingolstadt wusste im Vorjahr die Investition von 2,9 Mill. DM zu schätzen, weil damit nicht nur Arbeitsplätze gesichert, sondern zugleich der städtische Schlachthof umfunktioniert werden konnte. Der Sponsor für den lokalen Fleischer kommt an, wie es das zentrale Organ verdeutlicht.
Der Metzgermeister berichtet dazu u.a.:
Schlacht- und Zerlegebetrieb für das Einzugsgebiet Oberbayern ist dabei das Fleischzentrum Waldkraiburg der Südfleisch GmbH, das mit seinen Reifekapazitäten und der schnellen Belieferungsmöglichkeit auf kurzen Wegen optimale Frische bei Schweinefleisch und punktgerechte Reifung bei Rindfleisch sicherstellen soll.
Die Befürchtung, dass Marktbeherrschung auf Abwege führt, wird nun zur Gewissheit. Für Außenstehende ist der von der FSA ermittelte Hintergrund schwerlich nachvollziehbar: ein Teil der in Großbritannien beanstandeten Rinderteile, im Oktober 2002 bei ADM in Eastbourne (UK) abgeladen, werden auf Rinder zurückgeführt, die fast zwei Jahre zuvor, nämlich im Januar 2001, von Südfleisch in Waldkraiburg geschlachtet und danach - weit entfernt - in einem Tiefkühlhaus in Holland gelagert wurden. Fleisch soll abhängen, ja aber: dauert die "punktgerechte Reifung" so lange? Jeder kann nun spekulieren, ob es sich bei der jüngsten Lieferung um bis dahin unverkäufliche Ladenhüter handelt, oder um gefälschte Papiere. Sollte das Fleisch wirklich von Südfleisch im Bayerischen präpariert worden sein, dann steht außer Frage: Südfleisch erfüllt nicht die Europäische Norm. Den in Waldkraiburg tätigen Veterinären scheint dieser Umstand entgangen zu sein, falls nicht Schlimmeres dahinter steht.
![]() |
|
| Am besten die Finger davon lassen |
Die Meldung der FSA ist nicht nur eine Blamage für das Fleisch aus vermeintlich deutschen Landen, sondern sollte die dafür verantwortlichen staatlichen Organe der BRD aufrütteln und strafrechtliche Ermittlungen in Gang setzen. Die unzulässigen Schlachtmethoden sind eine permanente Bedrohung für die Bevölkerung, weil niemand weiß, wie viel weitere Bestandteile nach dem automatischen Zerlegen eines BSE-kranken Tiers zusätzlich kontaminiert werden. Die Verbreitung von BSE ist kein Kavaliersdelikt, auch wenn sie erst nach mehreren Wahlperioden wirksam wird.
Was nun: Kein Rindfleisch mehr in Europa essen, auf gelatinehaltige Fertigprodukte verzichten, die Hausschlachtung, Vegetarier werden? Bei aller Unsicherheit ist nach den Worten der FSA nur eines sicher:
Es ist nicht bekannt, wie eine wirksame infektiöse Dosis entsteht, und es ist ebenfalls unklar, welche Mechanismen die Empfänglichkeit des Menschen für die Erkrankung bestimmen.
Was wäre, wenn die Erreger als Pocken daherkämen? Die Quarantäne der Fleischproduzenten und Fleischfabriken bis zum sicheren Nachweis, dass ihre Produkte wirklich nicht infektiös sind!
http://www.heise.de/tp/artikel/13/13653/1.html- ...wird sie ermordet! Dann ist vielleicht Schluss (4.12.2005 12:15)
- Susanne Osthoff eine Lügnerin? (1.12.2005 21:41)
- Warum nicht: Gammelfleisch für Döner? (1.12.2005 21:23)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.




