Verschwörungstheorien werden allmählich mehrheitsfähig

24.11.2002

Fortschreitende Verblödung oder posttraumatische Verarbeitung

Manchmal reicht eine Schachtel Zigaretten, um Mitmenschen den Kopf zu verdrehen. Das erlebten die Macher des Online-Magazins Wildmag.de, als sie vor Wochen eine arg blödsinnige Verschwörungstheorie auf ihren Seiten veröffentlichten. Im Mittelpunkt stand dabei die Marke Lucky Strike, deren Name und Verpackung in einen geheimnisvollen Zusammenhang gestellt wurden mit dem Angriff der USA auf Japan während des Zweiten Weltkrieges.

Die haarsträubende Verschwörungsbastelanweisung sieht wie folgt aus:

"Wir entfernen die äußeren Ringe und die restliche Deko (der Schachtel) bis auf den roten inneren Kreis! Uhhh, wir sehen nun einen roten Kreis mit der typischen Lucky Strike Aufschrift! Nun okay, wir alle sind ja soweit gebildet in Englisch, dass wir wissen, dass Lucky Strike auf good old German "glücklicher Treffer" heißt. (Ahaasa!) Soviel wissen wir nun! Jetzt entfernen wir auch noch das Schwarze und erhalten einen roten Punkt, der nach Drehen der Schachtel um ganze 90° (nicht unbedingt 90°, es können auch 89° sein - seht ihr, ich verarsche jetzt schon meine "erklärende" Ausdrucksweise) und erhalten die japanische Flagge. (...)"

Ein ziemlicher Quark, der dennoch von einigen Geistern augenscheinlich ernst genommen wurde. Denn plötzlich meldete sich ein Vertreter des Unternehmens bei den Wildmag-Leuten:

"Als Hersteller der Zigarettenmarke Lucky Strike sind wir auf die Verschwörungstheorie in Wildmag aufmerksam geworden, nach der die Marke mit dem amerikanischen Angriff auf Japan zu tun haben soll. Wir wissen natürlich auch, dass offenbar nichts zu dämlich sein kann, um es im Internet zu verbreiten. Diese Gerüchte nerven allerdings, da sie e-mails auslösen, die dann wieder an uns mit entsprechenden Fragen gerichtet werden. (...)."

Dass selbst solch ein satirisch gemeinter Humbug auf fruchtbaren Boden stößt, wundert allerdings kaum. Wie eine Auswertung von verschiedenen Meinungsumfragen nämlich zeigt, glauben immer mehr Menschen an Verschwörungstheorien und/oder an dunkle Mächte, die klammheimlich im Hintergrund die Fäden ziehen.

Demnach meint beispielsweise eine knappe Mehrheit in der arabischen Welt, dass jüdische Angestellte im World Trade Center vor den Anschlägen des 11. Septembers rechtzeitig gewarnt worden seien. Auch Prinzessin Diana, vermutet eine andere Mehrheit, sei wegen ihres arabischen Geliebten ermordet worden. Mehr als 50 Prozent der schwarzen US-Bürger sind davon überzeugt, dass die CIA in ihrer Community Drogen verbreiten würde, um die Bevölkerung dadurch ruhig zu stellen.

Natürlich haben die Geheimdienste auch bei AIDS ihre schmutzigen Finger irgendwie mit im Spiel. Und wenn nicht gerade die Bush-Regierung irgendetwas Finsteres ausheckt, dann müssen mal wieder die Illuminaten für eine Verschwörung herhalten.

Dass Verschwörungstheorien offensichtlich zunehmend mehrheitsfähig werden, kann man nun deuten entweder als Anzeichen für eine allgemein fortschreitende Verblödung ­ verursacht und gesteuert durch die Medien, die CIA, die Schröder-Fischer-Regierung oder durch andere dunkle Mächte. Oder man glaubt den Psychologen, die dies als ein Zeichen für die kollektive Form einer posttraumatischen Belastungsstörung sehen.

Das heißt: Da die Flut an Nachrichten über die fast schon tägliche Drohung aus dem Haus des Usama Bin Ladins, über neue Terrorziele und ­mittel und über merkwürdige Machenschaften jetzt sogar im britischen Königshaus auf "normale" Weise kaum noch rational zu durchschauen und psychisch zu verarbeiten ist, führt dies bei immer mehr Menschen zu latenter dumpfer Angst vor einer unheimlichen Bedrohung. Um die Welt dann wieder ein Stück weit erklärbarer zu machen, greift man eben gern zu einer Verschwörungstheorie. Und alles ist wieder gut (oder böse).

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