Aufmerksamkeit

Streiche in Zeiten des Streiks

Michaela Simon 27.11.2002

Die Aufmerksamkeitspyromanen

Der erste Streik der britischen Berufsfeuerwehr (FBU) seit 25 Jahren hat 48 Stunden gedauert, der zweite zieht sich seit fünf Tagen und bis Weihnachten sind zwei weitere jeweils einwöchige Streiks (am 4. und 16.) geplant. 40 Prozent mehr Gehalt fordert die Fire Brigades Union, deren Vergütung noch nach einer 25 Jahre alten Formel berechnet wird - nach vierjähriger Ausbildung verdient ein Feuerwehrmann etwa 34 400 Euro. Während die Regierung einstweilen auf ihren angebotenen elf Prozent Gehaltserhöhung sitzen bleibt, sich wütend windet und von Zeiten "erhöhter Terrorgefahr" spricht, in denen man aus ethischen Gründen nicht die Arbeit niederlegen dürfe, verhandelt sie mit den Streikenden, von denen man sich nicht erpressen lassen könne, weil man sonst einen Präzedenzfall habe, schon fast ähnlich wie mit Terroristen. Und im Land macht sich ein Terror ganz anderer Art breit. Der Telefonterror

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Zugegeben, es gibt nichts Lustigeres als nachts um zwei irgendwo anzurufen, sich als "Die Wasserwerke" auszugeben und energisch ("Legen sie jetzt nicht auf!") eine Reihe von komplizierten Anordnungen durchzugeben. Aber der gute alte Telefonstreich bekommt eine ernste, recht unschöne Bedeutung, wenn die gewählte Nummer eine Notrufnummer ist und sich der angewählte Teilnehmer noch dazu im Streik befindet. Auf klapprigen Pumpenwagen aus den 50er Jahren, "Grüne Göttinnen" genannt, dienen in London ersatzweise zur Zeit etwa 30 000 Soldaten, die für den Kampf gegen das Feuer nur unzureichend ausgebildet sind. Etwa zwanzig Menschen sind seit Streikbeginn am 13.11. in kleineren Feuern oder Notsituationen umgekommen. Nicht der ideale Zeitpunkt für Scherze. Und doch hat sich, der Guardian berichtete es gestern, in Großbritannien, berühmt für seinen schwarzen Humor, ein neuer Sport entwickelt: Polizei und Soldaten hoaxen.

Diese Hoaxes sind ganz einfach, der Teilnehmer wählt 999, meldet ein Feuer und wird, wenn er großes Pech hat, kurz danach mit einer Geldstrafe von 2500 Pfund plus sechs Monate Gefängnis belangt. Aber erwischt werden die wenigsten. Die Schotten waren die fleißigsten Feuermelder: In den ersten beiden Stunden des ersten Streiks gingen bei der Polizei von Strathclyde 259 Anrufe ein, ganze zwanzig davon waren echte Notrufe. In England und Wales gingen in der Zeit von letzten Donnerstag bis Montag insgesamt 950 Notruf-Hoaxe ein. Ja, es brennt, lichterloh brennt es. Eine Frau wählte zwanzig mal hintereinander die 999 und beschrieb Feuersbrünste im ganzen County, keine einzige davon hat es gegeben. Was entflammt diese Anrufer? "Sind sie wütend, böse, gelangweilt oder subversiv?" fragt der Guardian und die Antwort lautet erwartungsgemäß: Alles drei. Natürlich geht es auch darum, sich mitzudrehen in der Aufmerksamkeitsspirale um die Streiks und das Feuer, Teil des großen Medienbrandes zu werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13675/1.html
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