Multimedia statt Recht?

Wie die elektronischen Medien das Recht verändern

Die kulturelle Vorherrschaft des Buches und der Schrift geht zu Ende. Nicht mehr der Buchdruck, sondern elektronische Medien, Digitalisierung und Computerisierung sind die Technologien, die die kulturelle Entwicklung dominieren. Das Bild löst den Text als kulturelles Leitmedium ab.

Recht und Bilder - Zwei Welten begegnen sich

Bisher hat sich das Recht der Bilderkultur noch entzogen. Das moderne Recht verzichtet fast vollständig auf Bilder. Gesetzbücher sind Textbücher, keine Bilderbücher. Der starken Tendenz zur Visualisierung wird das Recht als wichtiger Bestandteil der Kultur auf Dauer aber kaum entfliehen können: Auch im Recht wird ein pictorial turn stattfinden.

Die "Bebilderung" des Rechts hat schon begonnen. Das Gerichtsfernsehen boomt. Weil das Fernsehen in Deutschland reale Verhandlungen meist nicht übertragen darf, weicht es auf inszenierte, fiktive, aber scheinbar realistische Prozesse aus. Unter Beteiligung echter Juristen werden von Schauspielern fiktive Gerichtsverhandlungen dargestellt. Dadurch wird in der Öffentlichkeit der abstrakte Begriff Recht zunehmend sichtbar gemacht: Das Recht wird visualisiert..

Bebildertes Recht

Bilder wirken viel stärker als Worte und Texte.: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Überzeugungskraft - darauf kommt es im Recht an. Gesetze, Rechtsfiguren, Gerichtsurteile und Plädoyers von Anwälten müssen überzeugen. Die Formensprache des Rechts würde durch seine Visualisierung deutlich erweitert. Die Überzeugungskraft des Rechts könnte zunehmen. Das gilt vor allem, wenn es um komplexe oder dynamische Probleme geht. Wenn im Recht mit und durch Bilder kommuniziert wird, lassen sich schwierige Rechtsprobleme breiter und umfassender darstellen und angehen.

Glaubwürdigkeitsprobleme

Bilder haben im öffentlichen Bewusstsein ein paradoxes Image. Auf der einen Seite stehen sie für Glaubwürdigkeit und Authentizität. Was man mit eigenen Augen sehen kann, hält man in der Regel auch für wahr. Auf der anderen Seite haben Bilder aber auch ein Glaubwürdigkeitsproblem: Bilder lassen sich fälschen. Verschärft wird das Glaubwürdigkeitsproblem von Bildern durch die digitale Technologie, die neue und weitreichende, kaum zu entdeckende Möglichkeiten für Bildmanipulationen schafft.

Deshalb besteht die Gefahr, dass visuelle Kommunikation in einen grundsätzlichen und undifferenzierten Manipulationsverdacht gerät. Dann wäre eine Visualisierung des Rechts nicht nur wenig effektiv, sondern sogar gefährlich. Immerhin lebt das Recht zum großen Teil davon, dass es als glaubwürdig und seriös wahrgenommen wird.

Emotionales Recht

Kommunikation durch Bilder ist sehr viel emotionaler als mündliche oder schriftliche Kommunikation. Durch Bilder wird das Recht also emotionalisiert. Welche Auswirkungen hat das?

Bilder und Fernsehen verringern die Distanz zwischen dem Rechtssystem und dem Alltag der Bürger. Das hat zwiespältige Folgen. Infotainment und Information schließen sich nicht grundsätzlich aus. Fernsehbilder erreichen Bevölkerungsschichten, die üblicherweise wenig Interesse an, geschweige denn Verständnis für rechtliche Fragestellungen und Problemlösungen haben. Wenn durch Fernsehbilder - etwa Gerichtsfilme oder Court-TV - in breiten Bevölkerungskreisen Interesse und Verständnis für das Rechtssystem geweckt wird, fördert das die Akzeptanz des Rechts.

Populismus im Recht

Der Distanzverlust, zu dem Fernsehbilder vom Recht führen, birgt aber ein grundsätzliches Problem. In der Summe wird der Einfluss der Bildersprache auf das Recht dazu führen, dass die Distanz zwischen Recht und Bevölkerung abnimmt.

In einer offenen Demokratie ist das sicher ein Fortschritt. Dennoch ist diese Entwicklung nicht unproblematisch. Denn Distanz ist nötig, um die Unabhängigkeit und Objektivität des Rechts und der Gerichte zu sichern. Die Distanz zwischen Bevölkerung und Rechtssystem hat nämlich auch eine heilsame Funktion: Das Recht soll nicht populistisch sein. Populistische Gefühlswallungen und Vorurteile sollen sich - das ist die Funktion der Distanz - nicht unmittelbar auf das Rechtssystem auswirken. Dahinter steht die Tradition der "rationalen Gerechtigkeit". Wenn die Distanz verloren geht, wird das Recht auch schwächer gegenüber populistischen und demagogischen Einflüssen.

Barbara Salesch als Aufklärerin?

Fernsehen und Bilder können im juristischen Bereich im besten Sinne aufklärend sein. Allerdings ist keineswegs sicher, dass das (Gerichts)Fernsehen sein Aufklärungspotential auch nutzt. Empirische Untersuchungen von Gerichtsshows und ähnlichen Sendungen vor allem in den Vereinigten Staaten zeigen eher das Gegenteil. Das Fernsehen verzerrt und verfälscht das Bild des Rechtssystems. Gerichtsfernsehen weckt falsche Vorstellungen über das Recht und seine Möglichkeiten. Das "echte" Recht wird immer weniger akzeptiert, weil es nicht den Vorstellungen entspricht, die das Fernsehen geprägt hat.

Fernsehbilder vom Recht können also aufklärerisch wirken und die Akzeptanz von Recht und Justiz in der Bevölkerung erhöhen. Sie können aber - und das dominiert zurzeit - die Akzeptanz im Gegenteil sogar verringern.

Gesichter des Rechts

Zur Logik der Massenmedien und der Bilder gehört die Personalisierung: Bilder brauchen Gesichter. Je stärker Recht also visualisiert wird, desto stärker wird es gleichzeitig personalisiert. Typisch für modernes Recht ist grundsätzlich, dass es "ohne Ansehen der Person" angewendet wird: Justitias Augen sind verbunden.

Das wird sich ändern, wenn die Logik der Massenmedien das Recht visualisiert. Die Personen, die an rechtlichen Prozessen beteiligt sind, und ihre Bilder werden immer wichtiger werden. Wenn ein neues Gesetz Gegenstand der Berichterstattung in den Medien ist, geht es in vielen Fällen nicht primär um den trockenen Inhalt des Gesetzes. Genauso wichtig ist - nicht immer, aber immer öfter -, welche Person das Gesetz initiiert hat und welche Person Widerstand geleistet hat.

In der Darstellung durch Massenmedien sind Gesetzgebungsverfahren dann keine trockenen, farblosen Prozesse, in denen unterschiedliche Interessen austariert werden. Sie werden zu farbigen, spannenden Duellen unterschiedlicher Kombattanten. Ein anderes Beispiel ist die zunehmende "Angeklagten-PR". In prominenten Einzelfällen präsentieren sich die Angeklagten werbewirksam in den Massenmedien und versuchen, durch die Mobilisierung von Massensympathie das Urteil des Gerichts zu beeinflussen.

Recht als Geschichtenerzählen

Wohin wird das führen? Die typischen juristischen Methoden wie deduktive oder induktive Logik, Analogieschlüsse oder Syllogismus sind denkbar medienuntauglich. Abstrakte Argumentationsketten lassen sich schwerlich mit Bildern darstellen.

Visualisierung des Rechts wird also dazu führen, dass rechtliche Argumentationen immer stärker zum "Geschichtenerzählen" werden. Trockene Rechtsfälle finden nicht mehr statt. Plausible, farbige, bildhafte Geschichten erregen in der entsprechenden dramatischen Inszenierung das Interesse des Massenpublikums. Nüchterne, abstrakte, möglicherweise sogar schriftliche Erörterungen sind dazu kaum in der Lage.

Unwichtiges Recht?

Die nahezu unvermeidliche Bebilderung des Rechts birgt große Chancen, aber auch deutliche Risiken. An einer Erkenntnis führt kein Weg vorbei: Wenn sich das Recht dem Trend zur Visualisierung in der Gesellschaft einfach verschließt, wird es immer unwichtiger. Konflikte werden dann eben nicht mehr in staubtrockenen, bilderfeindlichen Gerichtssälen entschieden.

Warum sollte es in der Bildergesellschaft nicht denkbar sein, Prozesse vor Fernsehgerichten zu führen? Dann gelten aber nicht mehr die Gesetze des Rechts, sondern die Regeln der Soap Opera.

Prof. Dr. Dr. Volker Boehme-Neßler lehrt Medien- und Internetrecht in Berlin. Von ihm sind u.a. "CyberLaw" und www.internetrecht.com erschienen. In Telepolis hat Boehme-Neßler veröffentlicht: Das Ende des Urheberrechts?.

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