Ein Ende der Pyromanie

Craig Morris 09.12.2002

Fossile Brennstoffe sind endlich. Wann gehen sie uns aus, und was machen wir danach?

"Bis 2020 wird es uns an fossilen Brennstoffen nicht mangeln", gibt sich der Weltenergierat (WEC) auf Ihrer Webseite zuversichtlich. Wir können uns also noch 20 Jahre über billiges Öl freuen. Aber am 21. September 2002 überbot der Chef der International Energy Agency (IEA) Robert Priddle den WEC, als er verkündete: "Die Welt verfügt über genügend Energie-Ressourcen für die kommenden 30 Jahre." Klingt noch besser. Bietet jemand 40?

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Ja, und zwar Öl-Multi BP. Allerdings heißt es dort nicht, dass wir genügend fossile Brennstoffe in den nächsten 40 Jahren haben werden, sondern dass die heutigen Erdöl-Reserven in 40,3 Jahren völlig erschöpft sein werden.

Anzahl der Jahre, die die bekannten Öl-Reserven noch reichen werden, wenn der Konsum konstant bleibt. Aber der Konsum steigt (siehe nächste Graphik). Der dunkelblaue Balken markiert die gesamten Welt-Reserven. Quelle

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Bei den "Reserven" in der BP-Graphik handelt es sich um Mengen, die man mit heutiger Technik unter heutigen Bedingungen mit Sicherheit gewinnen kann. Anders ausgedrückt: Bis 2040 reicht das billige Erdöl. Danach muß nach Alternativen gesucht werden. Es muss immer tiefer (sprich: teurer) gebohrt werden, und selbst kostspielige Alternativen wie das Schieferöl werden dann langsam interessant.

Dabei gibt es durchaus Berechnungen, nach denen der Öl-Konsum noch mächtig steigen soll, wie z.B. in der Grafik unten von der IEA:

Quelle

Hier darf man jedoch nicht übersehen, dass es in dieser Grafik nicht um tatsächliche Ölmengen geht, sondern allein um die prognostizierte Nachfrage nach Erdöl. Möglicherweise wird es diese Nachfrage tendenziell geben, aber wenn die Nachfrage bis 2030 um mehr als 50% steigt, dürfte die Produktion nicht lange Schritthalten können. Die Folge: steigende Preise.

Viele Insider der Ölindustrie schätzen, dass die Ölproduktion bereits in diesem Jahrzehnt ihren Höhepunkt erreichen soll - und zwar für immer. So argumentiert z. B. Kenneth S. Deffeyes in Hubbert's Peak. Wie es sich bei Prognosen gehört, stimmen die Zahlen nicht immer überein; so meint Peter Kassler von der Royal Shell Group, dass die Produktion erst zwischen 2010 und 2020 ihren Höhepunkt bei rund 70-100 Millionen Barrel pro Tag erreichen wird und danach langsam abnehmen wird. Es gibt aber weitgehende Einigkeit darüber, dass uns das Öl zu unseren Lebzeiten knapp werden wird. Und wie bei der BP-Studie handelt es sich bei den Prognosen dieser Herren nicht um unbegründete Warnungen radikaler Umweltaktivisten, sondern um die Einsichten erfahrener Ölmänner.

Übrigens: uns geht nicht nur das Erdöl aus, sondern alle fossilen Brennstoffe. Laut BP reicht uns das Erdgas noch 61,9 Jahre und Kohle ganze 216 Jahre - bei gleichbleibendem Verbrauch, versteht sich. Aber selbst wenn die fossilen Brennstoffe einige Jahrzehnte länger halten, wird das fossile Zeitalter wie ein flüchtiger Augenblick in der Geschichte erscheinen, wie eine recht polemische Darstellung von Worldwatch zum Thema Ölkonsum und -reserven zeigt:

Quelle

Wenn die Produktion bis 2010-2020 ausgereizt sein sollte, werden die Ölpreise danach unaufhaltsam steigen. Man muss aber berücksichtigen, dass die Preise eventuell noch einmal davor sinken werden, nämlich wenn das Öl aus dem Irak in großen Mengen auf den Markt kommt. Denn der Irak besitzt fast 11% der heutigen Reserven - mehr als jedes andere Land außer Saudi Arabien. Laut Asia Times strebt die Bush-Regierung einen Barrelpreis von $13 an, was etwa einer Halbierung des Barrelpreises gleichkäme. Ganze 112 Milliarden Barrel soll der Irak haben. Klingt nach sehr viel, aber wenn man weiß, dass wir momentan weltweit rund 26 Milliarden Barrel jedes Jahr verbrennen, relativiert sich selbst diese Unmenge schnell. Übrigens: Die USA haben nur noch rund 30 Milliarden Barrel im eigenen Lande.

Seit etwa 20 Jahren übertrifft die Produktion von Rohöl die neugefundenen Reserven. Die Webseite www.energiekrise.de bietet eine Fülle an Informationen zur kommenden Öl-Knappheit

Deshalb ist die Bush-Regierung so scharf auf die immerhin 16 Milliarden Barrel im Arctic National Wildlife Refuge in Alaska, die aus Umweltschutzgründen (noch) nicht gefördert werden dürfen. Doch das Natural Resources Defense Council der USA schätzt, dass bei heutigen Preisen lediglich 3,2 Milliarden Barrel davon unter Berücksichtung wirtschaftlicher Gesichtspunkte gefördert werden könnten. Zur Zeit scheint es also aus Kosten- und Umweltschutzgründen leichter zu sein, an das irakische Öl als an das Öl in Alaska zu kommen. Das Militär ist ja eh schon bezahlt.

Alles nur falscher Alarm?

Aber gab es nicht schon immer solche Kassandra-Rufe? Ja, wie J. Howard Pew, Präsident von Sun Oil, bereits 1925 erklärte:

"Immer wieder, seit ich ein kleiner Junge war, gab es viel Aufruhr um die Vorhersage einer kommenden Ölknappheit, und immer wieder ist die Produktion in den darauffolgenden Jahren noch weiter gestiegen als je zuvor."

Man muss jedoch bedenken, dass 1925 noch niemand auf die Idee gekommen war, im Persischen Golf nach Erdöl zu schauen. Das meiste Öl auf der Erde galt es also seinerzeit noch zu entdecken. Heute ist dagegen der ganze Planet erforscht, und kein Forscher geht davon aus, dass riesige Ölfelder noch auf ihre Entdeckung warten. Die US-Energy Information Administration warnte im Jahre 2000 vor übertrieben Erwartungen: "the number of frontier areas is diminishing."

Doch unsere Lage ist nicht so verzweifelt, wie es auf den ersten Blick erscheint - zumindest nicht, wenn wir schnell reagieren. Denn es gibt heute schon genügend Alternativen zu fossilen Brennstoffen: Solarenergie, Geothermie, Windenergie und Biomasse, um nur einige zu nennen. Wir könnten sogar auf diese Energiequellen sofort umsteigen, um etwas Erdöl für die Chemie, Medizin usw. übrig zu lassen, denn Erdöl ist viel zu wertvoll, als dass man es einfach verbrennen sollte. Hinzu kommt die Möglichkeit des Energiesparens: Wir könnten unseren Bedarf jetzt schon locker um die Hälfte reduzieren, ohne dass wir unseren Lebensstil groß verändern müssten. Von wegen steigender Nachfrage...

In den kommenden Artikeln in dieser Serie "Zukunftsenergien" werden wir einige neue Techniken präsentieren, sowie einige wenig bekannte Erfolgsgeschichten bekannter machen.

Craig Morris ist Translation Director bei Petite Planète.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13707/1.html
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