Wissenschaftliche Neugier sorgt für Funkstille
Schweizer Forscher zweifeln Echtheit der vermeintlichen bin Laden-Wortmeldung an
Einmal bereits hat die US-Analyse eines bin Laden Videos einer unabhängigen Überprüfung nicht stand gehalten (Wahrheit und Fälschung im digitalen Zeitalter). Nun weckt eine wissenschaftliche Analyse Zweifel an der Authentizität der aktuellen mutmaßlichen Wortmeldung Usama bin Ladens, die von Analysten der amerikanischen Geheimdienste mit hoher Wahrscheinlichkeit für echt erklärt wurde. Bin Laden muss sich indes mit einem Bein wieder von der Weltbühne zurückziehen während der "Generalverdacht gegenüber der Information" zur Standardrequisite wird.
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Als der arabische Sender al-Dschasira am 12. November 2002 eine angebliche Audioaufnahme Usama bin Ladens (vgl. Übersetzung in Auszügen) veröffentlichte, wurden in Deutschland und anderen westlichen Ländern viele aufgeschreckt. Was der Terrorist, den die USA für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich machen, da offenbar von sich gibt, schien Einschätzungen zu bestätigen, nun befände sich auch Deutschland im Visier bin Ladens Organisation al-Qaida. Die Stimme auf dem Tonband, das einem pakistanischen Dschasira-Reporter am Tag der Ausstrahlung zugesteckt worden sei, rechtfertigt den Kampf der al-Qaida als Reaktion auf die "ungerechte" Behandlung durch die USA und Israel und warnt insbesondere Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada, Deutschland und Australien davor, mit der "Verbrecherbande im Weißen Haus" gemeinsame Sache zu machen.
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Ist die Aufnahme echt, wäre sie der lang gesuchte Beweis, dass Usama bin Laden lebt. Als bislang letzte Lebenszeichen gelten Befehle des Terroristenführers per Funk an seine Kämpfer in Afghanistan. Amerikanische Aufklärer hatten sie nach einem Bericht der Washington Times im Dezember 2001 aus der Höhlenfestung Tora Bora aufgefangen (Wie die Taliban/Al-Qaida-Kämpfer miteinander kommunizieren). Seitdem herrscht Funkstille.
Die neue vermeintliche Wortmeldung wurde sofort von amerikanischen Experten untersucht. Linguisten des technischen US-Geheimdienstes NSA (National Security Agency), die seit Jahren mit bin Laden-Aufnahmen vertraut seien, hätten "keinen Zweifel", dass es sich tatsächlich um seine Stimme handele. Hundertprozentig sicher könne man jedoch nicht sein, da die Qualität so schlecht sei. Sicher sei nur, dass es sich um eine aktuelle Aufnahme handle. Auch das Bundeskriminalamt (BKA) ging zumindest bis Samstag davon aus, dass das Band tatsächlich von bin Laden stammt (vgl. SZ, 30.11.02). Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND hat das bin Laden-Band einer Untersuchung unterzogen:
"Jüngste Audio Botschaften bin Ladens (hohe Wahrscheinlichkeit für Authentizität, aber Aufnahmezeitpunkt nicht eindeutig datierbar) und al Zawahiris (als authentisch und jüngeren Datums eingeschätzt) legen erhöhte Gefährdung nahe."
Als bisher einziger unabhängiger Experte hat sich der arabische Journalist und bin Laden-Kenner Hisham Melham wie folgt geäußert:
"Yes, it sounds like him, but the voice is not as soft as previous tapes by Osama bin Laden, and delivery is not as slow as previous delivery. I really can't say with any degree of certainty that that's him. The diction is clear. The content is similar obviously, but it didn't strike me the first time, the second time, that that's Osama bin Laden. According to the system, this last recording would thus not be attributed to bin Laden."
Diese zurückhaltende Einschätzung wird nun von einer unabhängigen wissenschaftlichen Analyse untermauert. Das Schweizer "Dalle Molle Institute for Perceptual Artificial Intelligence" (IDIAP) betreibt seit zehn Jahren Forschung zu automatischer Sprach- und Sprechererkennung und kann die unveröffentlichten Sprachanalysen der Geheimdienste so gar nicht bestätigen:
"Obwohl die [IDIAP-]Studie es nicht erlaubt, definitive Schlüsse zu ziehen, zeigt sich, dass es genug Gründe für Zweifel gibt und dass es schwierig ist, mit einigen US officials, die sagen, es handelt sich hundertprozentig um bin Laden, überein zu stimmen. Wenn man ein Problem (im Gegensatz zu einem politischen Ansatz) wissenschaftlich angeht, muss man auch bereit sein, die Ungewissheit eines Ergebnisses zu akzeptieren."
Aus "wissenschaftlicher Neugier" war IDIAP auf eine Anfrage von France 2 eingegangen. Der französische Sender stellte den Forschern 30 authentische da Video bin Laden-Aufnahmen und 14 Aufnahmen anderer arabischer Stimmen zur Verfügung. 15 Aufnahmen bin Ladins wurden verwandt, um seine Stimmeigenschaften statistisch zu erfassen und daraus ein Modell zu erstellen. Das Sprecher-Erkennungs-System hat daraufhin die 14 arabischen Teststimmen eindeutig als nicht bin Laden zugehörig erkannt. Ebenso wurde die fragliche aktuelle Stimme als nicht von bin Laden stammend identifiziert. Allerdings wurde auch eine authentische Aufnahme bin Ladens vom System nicht richtig zugeordnet (bei 28 richtigen Zuordnungen).
Die Aussage, dass die fragliche Stimme nicht bin Laden zuzuordnen sei, werde jedoch dadurch eingeschränkt, dass die Stimme trotz allem nahe am statistischen Modell liege und dass sowohl Qualität als auch Quantität des Audiomaterials zu wünschen übrig ließen. Da IDIAP-Direktor Hervé Bourlard laut Reuters in France 2 sagte, die angewandte Software habe eine Fehlerspanne von 5%, verbreitete sich die Nachricht, das "Terror-Tonband" sei "zu 95 Prozent nicht Bin Ladens Stimme". Die Forscher weisen jedoch Formulierungen in der Presse von sich, sie hätten gesagt, die Aufnahme sei "nicht authentisch".
Wissenschaftliche Akribie aber verträgt sich nicht unbedingt mit einer Politik, die zu ihrer Rechtfertigung mancher Fakten bedarf.
http://www.heise.de/tp/artikel/13/13716/1.html- Hmmm, Dr. O? Was will uns dieser Name wohl sagen? (4.12.2002 20:45)
- Nur nicht bange machen! (4.12.2002 17:59)
- Wozu in die Ferne schweifen ... (4.12.2002 17:39)
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