Provokante Schönheit
Miss-Wahlen können auch ein Politikum sein - zumindest für Nazis und Tschador-Befürworter
Am Samstag wird die Miss World 2002 gewählt. Allerdings nicht wie ursprünglich geplant in Nigeria, sondern in London. Seitdem die Kandidatinnen vor den gewaltsamen Auseinandersetzungen nach England geflohen sind, ist es um die Veranstaltung in den Medien ruhig geworden. Das verschafft Zeit, sich daran zu erinnern, wie auch in Deutschland Miss-Wahlen einst als unliebsames Politikum betrachtet wurden: 1933 wurden in Deutschland alle Miss-Wettbewerbe durch die Nationalsozialisten verboten.
Schönheitswettbewerbe tragen für gewöhnlich zur leichten Unterhaltung bei. Skandale und Skandälchen gehören dazu und steigern den Marktwert. Das hat Tradition. 1909 bei der ersten Schönheitswahl in Deutschland zur "Miss Universum" wurde schon während des Wettbewerbs bekannt, dass eine der Teilnehmerinnen, Gerda Sieg, mit dem Veranstalter persönlich bekannt war. So gossen ihr die Konkurrentinnen Spiritus in die Schminke und ließen ihre Kleider verschwinden, um sie am Auftreten zu hindern. Sie gewann trotzdem.
1927 in Berlin bei der ersten Wahl zur "Miss Germany" lief es nicht zivilisierter ab und in den darauffolgenden Jahren ging es zur Freude des Publikums natürlich meist so weiter. Die Titelträgerinnen von 1929 und 1930 mussten zurücktreten, weil sie während ihrer Amtszeit statutenwidrig geheiratet hatten.
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| Miss Germany 2001 vor Adenauers Dienstlimousine. Foto |
Heutzutage ist das Drumherum nicht anders als damals. Bereits vor Beginn des nigerianischen Trauerspiels hatte die Miss Germany 2002 ihren Vertrag unter Einschaltung eines Gerichts gekündigt, um sich frei von den während eines Amtsjahres geltenden Regeln wohl vor allem besser vermarkten zu können.
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Verglichen mit dem eher unernsten Normalzustand erscheinen die Exzesse in Nigeria, denen mehr als 200 Menschen zum Opfer gefallen sind, als singuläre Erscheinung, sogar als unverständlich, da im letzten Jahr ausgerechnet eine Nigerianerin den Miss-World-Titel gewonnen hatte, und genau dies der Grund dafür war, die neue Wahl in ihrem Heimatland aus zu richten. An dieser Stelle ist ein Blick zurück hilfreich.
In Deutschland hatten Misswahlen ein jähes Ende gefunden, als sie 1933 mit dem ideologischen Frauenbild der Nazis zusammen prallten. In der "Berliner Illustrierten Zeitung" erschien bald nach der "Machtergreifung" ein Artikel zu dem Verbot mit dem Titel: "Ein Rätsel, das man nicht raten kann: Welches ist Miß England? Miß Ungarn?..." Die dazu abgedruckten Porträts machten die Internationalität des im übrigen Europa herrschenden Schönheitsideals deutlich. Das passte jedoch nicht zum arischen Bild der "deutschen Frau".
"In Madrid sind ein Dutzend Schönheiten versammelt, aus allen Ländern Europas die Schönsten." So wurde der Leser eingestimmt. "Man kann ihre Herkunft, ihre Heimat, ihr Volkstum nicht bestimmen. ... Das ist kein Zufall: denn diese glatten, gepflegten, 'mondänen' Köpfe sind nicht aus den breiten Schichten eines Volkes emporgehoben, sondern gewöhnlich aus den Zirkeln eines großstädtischen Vergnügungsbetriebes, der nicht nur in Europa zur Entpersönlichung und Gleichmacherei der Menschen geführt hat. ... - und man kann es begrüßen, daß Deutschland in Zukunft dieser 'Miß'-Wirtschaft den Rücken kehren will." Der Artikel verströmt den nationalsozialistischen Hass auf westlich-liberale Lebensart. "Wer uns unsere deutschen Gesichter nimmt", so könnte man verkürzen, "der nimmt uns unsere kulturelle Identität."
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| Mirijana und die Soldaten. Foto |
Als personifizierte Niederlage des arischen Frauenbildes kann die Miss Germany 2001, Mirijana Bogojevic, gesehen werden: dunkler Teint, braune Augen, schwarze Haare und von jugoslawischer Abstammung Es passte daher nur zu gut, dass ausgerechnet sie im Anschluss an die Ausstellung "Miss Germany - eine schöne Geschichte" dem Haus der Geschichte in Bonn einen Besuch abstattete. Die von Veit Didcuneit konzipierte Ausstellung dokumentierte zwar vor allem die Wechselwirkungen zwischen den Schönheitswettbewerben und der Gesellschaft nach dem Krieg, aber auch die Vorgeschichte wurde beleuchtet.
Die Naziideologie stand selbstbewussten Frauen offensichtlich feindlich gegenüber - auch wenn diese in Ausnahmefällen durchaus Karriere machen konnten, sogar in ausgesprochenen Männerdomänen, wenn sie denn dem Regime dienlich waren. So wie Leni Riefenstahl in der Filmkunst oder wie Beate Uhse als Luftwaffenpilotin. Die Agitation gab sich einen beschützenden Anstrich: die an Miss-Wettbewerben teilnehmenden Frauen würden durch "jüdisch-amerikanische Geschäftemacherei" ausgebeutet, niemand solle an "deutschen Frauen" Geld verdienen. Die Gefahr lag freilich ganz wo anders. Das feminine Bewusstsein um die eigenen Attraktivität kann das weibliche Selbstvertrauen stärken, ein gefährlicher Effekt, den es für Nazis wie für Tschador-Befürworter zu unterdrücken gilt.
Wo ließe sich der Gewinn an Selbstvertrauen durch die Teilnahme an einem Beauty-Wettbewerb psychologisch besser studieren, als an einem isolierten Ort? Im Frauengefängnis der litauischen Stadt Panevezys veranstaltete der Privatsender LNK TV Ende November eine Wahl zur "Miss Captivity". Erstaunlich genug, dass die Gefängnisleitung trotz massiver Befürchtungen der Veranstaltung innerhalb der Gefängnismauern zugestimmt hatte, schließlich waren die 39 Teilnehmerinnen alles andere als Kleinkriminelle. Selbst Mörderinnen sind unter den Insassen. Für die Endrunde befürchtete der Gefängnispsychologe gar den Ausbruch massiver Aggressionen. Diese blieben jedoch aus. Das Verhalten seiner ansonsten nicht zimperlichen Schützlinge hatte sich völlig gewandelt. Wieso? Kristina, die 21jährige Gewinnerin, gab nach ihrem Sieg als Erklärung an, dass die Gefangenen zum ersten Mal die Chance erhalten hätten, sich als Frauen wahr zu nehmen.
So schließt sich der Kreis: Für Gesellschaften, die ihre Frauen wie Gefängnisinsassen behandeln, stellen feminine Selbsterkenntnis und erwachendes Selbstbewusstsein revolutionären Sprengstoff dar, der mit allen Mitteln zu unterdrücken ist. Dort ist allein schon Schönheit eine nicht zu tolerierende Provokation.
http://www.heise.de/tp/artikel/13/13737/1.html- Schein oder sein? (9.12.2002 22:04)
- sinnlose Wunder (9.12.2002 17:40)
- Auslese (9.12.2002 15:14)
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