Ein neuer Server für den Ameisenhaufen

Eine Weblog-Community versucht, ihre eigene Infrastruktur selbst zu finanzieren

In letzter Zeit gab es bei der Weblog-Community Antville Probleme. Die Performance war manchmal arg bescheiden, das Anlegen neuer Weblogs wurde unterbunden, User und Sysadmins hatten sich mit einer Vielzahl von Updates und Unterbrechungen abzufinden. Der Grund dafür: "Adele", der Server, auf dem Antville beheimatet ist, war an seine leistungsmäßigen Grenzen geraten.

Das ist auch kein Wunder: Zwar hatten die Macher von Antville eigentlich geglaubt, mit Adele bis 2007 (!) durchhalten zu können., aber bei 2748 gehosteten Weblogs (davon 1333 öffentlich zugänglich) und ständig sich vergrößernden Datenbanken war schon viel früher Schluss. Deswegen ging das Antville-Team letzte Woche in die Offensive: Die Möglichkeiten der Software-Optimierung seien ausgereizt, ein neuer, schnellerer Server mit mehr Plattenplatz, Arbeitsspeicher und Prozessorpower müsse her. Kostenpunkt: 3000 Euro.

Man rief den "Antville-Server-Fund" ins Leben, um eine spendenbasierte Finanzierung des neuen Herzstücks möglich zu machen, und bat die User zunächst um Absichtserklärungen für Spenden. Dies vor allem deshalb, um zu verhindern, dass nur eine zu geringe Summe zusammenkommt, die man postwendend wieder an die Spender zurückverteilen müsste, ohne in den Besitz eines neuen Servers gekommen zu sein.

Die Resonanz der User auf dieses Anliegen war überwiegend positiv. Fünf Tage nach seinem Aufruf (Stand 17.12.02) konnte das Antville-Team den Eingang von Spendenzusagen über 2860 Euro verzeichnen. Zusätzlich gingen Angebote zum Spiegeln der gesamten Communitiy in den USA ein, Vorschläge für praktische Hilfe bei der Beschaffung des Servers usw. Das belegt deutlich die große Zufriedenheit der meisten Antville-Netizens mit der Infrastruktur der Community, die von Hannes Wallnhöfer, Tobias Schäfer und Robert Gaggl bisher komplett in Eigeninitiative (und auf eigene Kosten) betrieben worden war. Sie selbst beschrieben diesen Zustand völlig korrekt als "Selbstausbeutung..

Gleichwohl meldeten sich auch Stimmen zu Wort, die die Spendenaktion kritisch betrachteten. Es wurden Fragen laut, ob mit der Entrichtung der Spende in irgendeiner Weise Rechte verknüpft seien, ob die Unterscheidung zwischen Spendern und Nichtspendern nicht naturgemäß eine Zweiklassengesellschaft unter den Antville-Netizens erzeuge, ob gar an die Veröffentlichung der Spenderliste gedacht sei. Zusätzlich keimte der Verdacht auf, die Spendenaktion sei nur der Beginn einer umfassenden Kommerzialisierung von Antville, der Anfang vom Ende der freien Nutzbarkeit des Systems. Die Macher antworteten darauf nüchtern, dass hauptsächlich die Nutzbarkeit des Systems für die jetzt registrierten User gesichert werden solle; ein weiteres Anwachsen der Community müsse, wenn überhaupt, sehr vorsichtig angegangen werden, da unkontrolliertes Wachstum früher oder später zu Problemen führe, die sich natürlich auch wirtschaftlich niederschlagen würden.

Einige der Mitglieder wiesen die Zweifler mit Nachdruck darauf hin, dass es bei der Spendenaktion nicht darum gehe, irgend jemandem ohne Gegenleistung Geld in den Rachen zu werfen: Die Gegenleistung sei vielmehr durch jahrelanges Engagement des Admin-Teams schon längst erbracht, und einen Beitrag für das rein technische Funktionieren des Systems zu leisten, sei ja wohl das Mindeste, was man erwarten könne.

Bis jetzt stellt sich der "Antville Server Fund" als ein gelungenes Stück "social engineering" dar, das auf eines der drängendsten Probleme bei kostenlosen, nicht durch kommerzielle Sponsoren gestützten Projekten im Internet antwortet: Was tun, wenn die Grenzen der Selbstausbeutung erreicht sind? Gleichzeitig formuliert die Aktion eine inhärente Kritik an den allzu naiven Vorstellungen von der absoluten Freiheit des Netzes, die neuerdings gerade durch das explosionsartige Anwachsen der Bloggerszene wieder Nahrung bekommen hatten (vgl.Jeder ist Chefredakteur).

In sehr konkreter Weise ist Antville ein Opfer seines eigenen Erfolgs - und an den Kosten dieses Erfolgs werden sich die Mitglieder in der ein oder anderen Weise beteiligen müssen.

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