16 Millionen Hungernde

24.12.2002

Internationale Hilfsorganisationen befürchten im Falle eines Irak-Krieges eine humanitäre Katastrophe

Der Kinderfonds der Vereinten Nationen, Unicef, hat, einem Bericht des Observer zufolge, in Erwartung des Krieges bereits begonnen, Hilfsgüter in Nachbarländer zu bringen und das World Food Programme versucht, für eine Million Menschen Lebensmittel zu besorgen, die etwa einen Monat reichen.

Der Unicef-Beauftragte für den Irak, Carel De Rooy, warnt davor, dass der drohende Krieg katastrophale Auswirkungen auf die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung habe. Schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt, vor Ausbruch des befürchteten Krieges, ist die Lage im Irak trotz einiger Verbesserungen in der Verteilung der Nahrungsmittel in den letzten Jahren dramatisch: Etwa 16 Millionen Iraker, zwei Drittel der Bevölkerung, leben zur Zeit ausschließlich von Lebensmittelrationen, die sie mit den nötigen täglichen 2.200 Kalorien versorgen. Die ersten Bomben würden das kompliziert organisierte Verteilungssystem ins Wanken bringen. Ein Chaos würde unmittelbar mit dem Krieg ausbrechen, so De Rooy, 16 Millionen Menschen Hunger und Not leiden.

Über Wochen und Monate hinweg, so die Warnungen, hätte der Grossteil der Bevölkerung kein sauberes Wasser, sanitäre Einrichtungen würden in kürzester Zeit brachliegen. Das "Öl für Nahrungsmittel"-Programm der Vereinten Nationen (OFF), welches dem Irak innerhalb enger Grenzen erlaubt, Öl gegen bestimmte Güter zu tauschen, träte während des Krieges außer Kraft, was für Millionen von Irakis den Hungertod bedeuten könnte, zumindest wären sie auf sofortige Nothilfe angewiesen.

Das britische Department for International Development hat dem Observer gegenüber zugegeben, dass die UN schon dabei sei, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Auf einem Treffen letzte Woche in Genf forderten die Vereinten Nationen von Geberländern 37,7 Millionen Dollar, um ein Desaster abzuwenden. - Wobei man sagen kann, dass die Lage schon jetzt desaströs ist. 500.000 Kinder und 1,5 Millionen Menschen insgesamt, sind infolge des UN-Embargos gestorben gemäß den Zahlen der Vereinten Nationen. Nur eines von acht irakischen Kindern erreicht, so ein Unicef-Bericht, ein Alter von fünf Jahren, nur drei von vier können regelmäßig eine Schule besuchen. Zwölf Jahre Sanktionen sind laut Berichten mitverantwortlich für die schlechte Versorgungslage in Krankenhäusern und Schulen.

Auch die Hilfsorganisation Action Aid weist darauf hin, dass ein Krieg dramatische humanitäre Folgen haben werde. Eine Infrastruktur, die schon stark beeinträchtigt ist, werde komplett zusammenbrechen und Krankheit und Unterernährung in hohem Ausmaß nach sich ziehen. Millionen Menschen würden laut Unicef ohne Obdach und Nahrung sein. Das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) sieht sich aufgrund von Budgetkürzungen außerstande, mehr als 100.000 Menschen mit Decken und Zelten zu versorgen. Um eine ansatzweise ausreichende Versorgung im Winter zu gewährleisten, wären laut UNHCR 60 Millionen Dollar nötig sowie eine Zeitspanne von sechs Wochen. Im Golfkrieg 1991 flohen etwa zwei Millionen Irakis über die Grenzen.

Zu den Opfern von Hunger und Krankheit kämen noch die Bombenopfer. In jeder Hinsicht träfe ein Krieg vor allem die Zivilbevölkerung. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich in der Gesamtstatistik das Verhältnis von einem Ziviltoten auf acht reguläre Kämpfer in sein Gegenteil verkehrt. UNICEF geht bei neueren Kriegen sogar von einem Anstieg getöteter Zivilisten von 5 Prozent zur Jahrhundertwende auf bis zu 90 Prozent gegen Ende des 20. Jahrhunderts aus (vgl. Fiktionen humaner Kriegführung). Im offensichtlich anstehenden Irak-Krieg variieren die Schätzungen darüber, wie viele zivile Opfer es geben wird zwischen 10.000 und einer Zahl, die mindestens zehnmal so hoch ist. Viele militärische Ziele in Bagdad befinden sich in dicht besiedelten Wohngebieten. Doch die Warnrufe bezüglich der katastrophalen Folgen eines Krieges für die Zivilbevölkerung erregen bei den Menschen, die gerade dabei sind, diesen Krieg zu planen, bemerkenswert wenig Interesse.

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