Sterndeuter, Hexen und Wahrsager bevölkern den Cyberspace

31.12.2002

Rechtzeitig zum Jahreswechsel erschienen auch zwei wissenschaftliche Studien zum Phänomen der Astrologie

Wer wüsste nicht gerne, was die Zukunft bringt. Kaum verwunderlich also, dass gerade um Sylvester herum Astrologen und Kollegen von der Hellseher-Fraktion Hochkonjunktur haben. Der Aberglaube - einst heftig von der Aufklärung bekämpft - feiert heute fröhliche Urständ. Erstaunlich aber, dass beispielsweise der Glaube an die Astrologie unter Abiturenten in Deutschland weiter verbreitet ist als bei Personen mit einem niedrigeren Schulabschluss.

Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage des Polis-Instituts. Die in München angesiedelte "Gesellschaft für Politik- und Sozialforschung" befragte im Auftrag der dpa 1.206 Menschen ab 14 Jahren. Davon bekannten sich 55 Prozent dazu, zumindest manchmal Horoskope in Zeitschriften und Zeitungen zu lesen. Die Quote ist bei Frauen (62 Prozent) höher als bei Männern (49 Prozent). Nur sechs Prozent der Befragtenaber glauben aber grundsätzlich daran, dass Astrologen fähig sind, zutreffende Aussagen über ihr Leben zu machen - sieben Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer. Interessantes Detail: Befragte mit Abitur oder Studium glauben eher (acht Prozent) an die Astrologie als Personen mit niedrigerem Schulabschluss (fünf Prozent).

Überraschendes beförderte auch eine aufwendige Studie der "Gesellschaft für Anomalistik" in Sandhausen zu Tage. Dabei bekamen die Kandidaten zwei anonyme Horoskope vorgelegt. Eines beruhte auf ihren persönlichen Daten, das zweite auf den Daten eines anderen Menschen. 64 Prozent der Probanden erkannten die für sie erstellte Charakterisierung - durch pures Raten hätten nur 50 Prozent richtig liegen sollen. Studienleiter Edgar Wunder, seines Zeichens Soziologe und Astrologie-Skeptiker, räumt ein, dass dies "eine statistisch signifikante Abweichung (p=0,02) von der mathematisch zu erwartenden Zufallswahrscheinlichkeit von 50 % im Sinne der astrologischen Hypothese" ist. Da die Studie aber noch nicht abgeschlossen wurde, bleibe abzuwarten, "ob sich dieser Effekt nach Vorliegen der Gesamtergebnisse stabilisiert."

Wie immer man selbst zu der Sterndeuterei stehen mag, das "Paranormale" scheint jedenfalls ein recht einträgliches Geschäft zu sein. Und längst hat diese Branche auch den Cyberspace als Werbeträger entdeckt. Große Portale wie Yahoo oder Hotmail bieten Horoskopdienste & Co an. Für telefonische Wahrsage-Service greifen Kunden offensichtlich tief in die Tasche, wie ein Blick auf die Website von Questico zeigt. Das Unternehmen bringt via Internet und Telefonie Ratsuchende und Experten zueinander. Während aber beispielsweise der Rat von Computer-Profis für rund 1,10 EUR pro Minute höchst mäßig gefragt (5 Anrufe seit Mai 2001) ist, wurde die Nummer von "Orakel Hilli" seit November 2001 bereits mehr als 8.700 mal gewählt für immerhin 1,68 EUR pro Minute. Und das bei einer Konkurrenz von immerhin 565 anderen Anbietern unter der Rubrik Hellsehen und Wahrsagen.

Wer nicht soviel berappen möchte, findet allerdings noch genügend andere Gratisangebote im WWW. Meist dienen die Sites dem Zweck, ausführlichere Beratung oder einschlägige Bücher zu bewerben und sind teils erstaunlich aufwendig und professionell gestaltet. Die Zeitschrift Astrowoche bietet online ausführliche Wochenhoroskope, Astroguide von Fireball liefert Tageshoroskop-Ausschnitte unter Berücksichtigung des Aszendenten.

Am Freigiebigsten zeigt sich das aufwendige mehrsprachige Portal der Schweizer Firma Astrodienst. Dahinter steckt der Physiker Alois Treindl, der Anfang der 80er Jahre den Versuch unternahm, Softwaretechnologie aus dem Forschungsbereich der Artificial Intelligence mit der Deutungskunst von Astrologen zu paaren. Das Internet avancierte in den letzten Jahren zum wichtigsten Kommunikationsmedium der Plattform. Inzwischen bietet die Site kostenlos ein persönliches Tageshoroskop auf Basis von Transiten, Kurzhoroskope, Clickhoroskope, eine riesige Auswahl von Horoskopzeichnungen und Zugriff auf eine Zeitzonendatenbank. Vergnüglich bis skurril mutet die Rubrik "AstroClick Reise" an. Hierbei gibt man seine persönlichen Daten ein und sieht dann den Globus mit farbigen Linien überzogen. Man kann jede Stelle auf dieser Karte anklicken und erhält in einem Text-Fenster Auskunft darüber, welchen kosmischen Einflüssen man dort laut persönlichem Horoskop unterliegt.

Apropos "persönliche Daten". Insbesondere wer tatsächlich die kostenpflichtigen Dienste der Astro-Shops oder Numerologen in Anspruch nehmen möchte, sollte genauestens auf die Seriosität des Anbieters und die Privacy-Bestimmungen (die häufig gänzlich fehlen!) achten. Schließlich gibt der Kunde beim Einkauf nicht "nur" seine Personalien und Kreditkarten-Nummer bekannt, sondern auch Geburtsdatum, inklusive Geburtszeit.

Das immerhin ersparen sich Anhänger des Kartenlegens. Auf Portalen wie Tarot.de gibt es interaktive Legesysteme, die mehr oder weniger kryptische Deutungen liefern. Von Tarot, über Runen, I Ging bis hin zur Numerologie versammelt Spiritproject Spielarten des Esoterischen.

Übrigens! Beim Kokettieren mit dem Paranormalen findet man sich zuweilen in bester Gesellschaft. Selbst Goethe hatte es schon mit der Zahlenmystik. Eine interaktive Deutung des "Hexen 1x1" aus dem Faust findet sich auf einer Schweizer Site.

Du musst verstehn!
Aus Eins mach Zehn,
und Zwei lass gehen
und Drei mach gleich -
so bist du reich!
Verlier die Vier!br> Aus Fünf und Sechs -
so sagt die Hex -
mach Sieben und Acht:
Dann ist's vollbracht.
Und Neun ist Eins
und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Ein-mal-Eins!

J.W. v. Goethe
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