Aufmerksamkeit

Selbstbildnis mit Kröte

Helge Meves 30.12.2002

Ein PDS-Plakat und die Aufmerksamkeitsfallen vergleichender Propaganda

"Schmeckt die Castor-Kröte?", prangt die Frage über einem Porträtfoto. Der bündnisgrüne Umweltminister hat den Mund weit aufgerissen; ob lachend, schreiend oder gar als eine Art Monster, das die Kröte schon im Mund hat, ist bei diesem Foto nicht auszumachen. Darunter verspricht das Plakat: "Uns nicht. Wir widerstehen. PDS". Gute Plakate können Interesse wecken und Aufmerksamkeit binden, sie können überzeugen und den Betrachter für den Macher gewinnen - wenn sie frech, intelligent und ehrlich sind. Solcherart politische Plakate gab es seit Anfang der 90er nicht selten von der PDS.

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Das muss eine andere Zeit gewesen sein: Denn was schon ist bei diesem zuletzt in Niedersachsen nachgedruckten Plakat frech, intelligent und ehrlich? Will die PDS als kleinere Koalitionspartnerin etwa keine Kompromisse machen? Gibt es für sie nur die Alternative "Schlechter Kompromiss" oder "Widerstand"? Hat sie über die konsequente Ablehnung der Castor-Transporte hinaus in der Atomenergie derart unstrittige Lösungen, dass sie gegen andere ausgespielt werden können? Wenn die Selbstinszenierung der PDS in der Öffentlichkeit kritisiert wird, sollte man bei diesem Plakat etwas ergänzen: Zuweilen demontiert die PDS sich selbst.

Die Propaganda ist die Zwillingsschwester der Werbewirtschaft. Die ältere Schwester Werbung ist erfahrener, hat reich eingeheiratet, gängelt die jüngere Schwester und macht in der Familie keinen Hehl daraus. Die jüngere Schwester Propaganda ist etwas verunsichert und passt sich an.

Direkt verglichen wird in der bundesdeutschen Werbung erst seit der Angleichung an die EU-Normen vor vier Jahren. Die Verbraucher sind mit vergleichender Werbung bislang kaum vertraut. Missverständnisse und Irritationen sind leicht möglich. Entsprechend vorsichtig ist auch die jüngere Schwester: Vergleichende Propaganda ist riskant. Selten findet man derartige Vergleiche darum in der Politik. Leider. Denn gerade der Vergleich eröffnet Möglichkeiten, die man sonst nicht hat.

Ein Vergleich schafft eine Konstellation. Man setzt sich in dieser Konstellation direkt mit einer bestimmten Position des Anderen auseinander. Ironische Anspielungen und eine liebenswürdige Offenheit drängen sich geradezu auf: Die Ryan Air etwa hatte im Preisvergleich gespottet, dass ihre Flüge so preiswert sind, weil bei ihnen das exorbitante Lufthansa-Menü entfällt. Die Ryan Air darf polemisch sein, so spotten kann David gegen Goliath in der vergleichenden Werbung. Und wen würde die Lufthansa schon für sich einnehmen, würde sie ihre höheren Flugpreise mit den superben Bordspeisen verteidigen? Sucht David weiter dort die Auseinandersetzung, wo der Vorteil greifbar ist, profiliert er sich auf Kosten Goliaths. Fesselt er mit einer Position, wo er im direkten Vergleich besser ist, erscheint er überhaupt als der Bessere. Ist David schließlich frech, intelligent sowie ehrlich und weckt er die richtigen Emotionen, wird er geradezu charmant. Dann ist sogar ein bisschen Schummeln erlaubt oder Kreativ sein, wie es die ältere Schwester sagen würde.

Schaut man auf diesem Plakat danach, wie der politische David PDS die Möglichkeiten vergleichender Propaganda nutzt, macht sich allerdings mehr als Ernüchterung breit. Dieser David ist nicht frech sondern eher dreist, weil auch die PDS Kompromisse macht. Das Plakat ist nicht intelligent, sondern populistisch, weil es selbstredend auch gute oder tragfähige Kompromisse gibt. Und es ist auch nicht ehrlich, sondern scheinheilig, weil die PDS in der Bewertung der Atomenergie selbst über ihre Lösungen streitet.

Die Emotionen schließlich, die das Plakat weckt, ersetzen sachliche Auseinandersetzung durch personifizierende Rüpelei. Das geht auf Kosten der politischen Kultur. Nun werden einige Kritiker mit Blick auf andere Plakate sagen: Das ist nicht der Stil der PDS; dieses Plakat ist geschmacklos; so wird Politik durch symbolische Problemlösungssurrogate ersetzt. Diese Kritiken sind schon richtig, aber sie erfassen leider noch nicht alles, was angesichts dieses Plakates zu resümieren ist.

Wird nur die eigene Position schlecht propagiert, kann das unglaubwürdig, nichtssagend, banal oder gar langweilig sein. Gelingt es David in einem Vergleich aber nicht, Goliath zu treffen, schlägt das Kommunikationsergebnis auf ihn zurück. Nicht nur eine Chance hat er dann vergeben und einen Fehler gemacht. Sondern David erhält postwendend die Attribute zurückgeschrieben, die er Goliath zuschreiben wollte.

Lässt sich der Unterschied zum Anderen erst durch Täuschung und Selbstbetrug darstellen, stellen sich Täuschung und Selbstbetrug als der Unterschied dar. Muten sich Täuschung und Selbstbetrug als Politik zu, wird die Politik zur Zumutung. Und diese Zumutung ist der Verzicht auf ein Verständnis von selbstbestimmten und solidarischen Menschen. Schmeckt diese Kröte?

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13855/1.html
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