BlinkenMinis, WLAN-Antennen und die Pforten der Manipulation
Auf dem 19. Chaos Communication Congress wird nicht nur über Sicherheit debattiert, sondern auch im Häcksencenter oder im Labor viel gebastelt oder ein Crack der Xbox vorgeführt
Network Hijacking, Softwarepatente, Informationsfreiheiten oder Netzüberwachung (Die totale Informationsüberwachung, die Demokratie und die Hacker) und Zensur sind nur einige der Themen, die auf dem diesjährigen Treff der Hacker in Berlin in ausführlichen Vorträgen und Workshops bearbeitet werden. Daneben boomt aber auch die praktische Arbeit mit Bohrer oder Lötkolben am Gerät, bei dem es sich in diesem Fall um normale Schlösser, Leuchtdioden, Lego oder Pappe handeln kann.
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Tina strahlt: Der Workshop zu BlinkenMini im Raum der Haecksen ist wieder mal gerammelt voll. Zu fünft und sechst sitzen junge Damen und Herren fast schon mehr auf- als nebeneinander auf den Sofas. Der Vortrag über das Orwellsche Gespenst der Videoüberwachung am Samstag Nachmittag musste gar aufgrund des Andrangs in die "Arena" des zwischen den Jahren wie üblich von den männlichen wie weiblichen Hackern in Beschlag genommenen Hauses am Köllnischen Park verlagert werden. "Wir haben nach außen hin eine tolle Wirkung", freut sich die Haeckse. "Dass es unser Angebot gibt, ist für viele Frauen ein Grund, überhaupt hier zum Congress zu kommen".
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Doch beinahe hätte es den Haecksenraum dieses Jahr auf dem 19. Chaos Communication Congress (19C3) gar nicht gegeben. Das männlich dominierte Organisationsteam der "Veranstaltungs GmbH" hatte nämlich zunächst keinen Platz für den vermeintlichen "Mädchenkram" gefunden. Erst nachdem sich "altgediente" Haecksen wie Cornelia Sollfrank oder Rena Tangens für die Einrichtung des gesonderten Raums stark gemacht hatten, fand das Begehr der Damenwelt Gehör. Tina sieht die Unwilligkeit der Congressleitung inzwischen auch als Herausforderung: "Wir brauchen halt ein exzellentes Programm, um uns hier Platz in dem wahnsinnig kleinen Gebäude zu verschaffen."
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Mit den BlinkenMinis lagen die Haecksen jedenfalls voll im Trend. Vorreiter der Bewegung, sich die modernen Lichterorgeln auch fürs Wohnzimmer selbst zu basteln, ist Julia aka "Sphaera". Gemeinsam mit ihrem Freund Stefan, der lieber auf den Namen "1stein" hört, hat die 19-Jährige ein Programm und eine Installation entwickelt, mit denen das leuchtende Spielzeug in die eigenen vier Wände geholt werden kann.
Das Pärchen hat auf Basis der bestehenden Blinkentools und dem Blinkenlights Chaos Control Center (BLCCC), die zunächst vom Organisationstalent des Chaos Computer Clubs (CCC), Tim Pritlove, und zahlreichen Helfern für eine erste Installation der interaktiven Lightshow (Interaktiv im öffentlichen Raum) am Haus des Lehrers am Berliner Alexanderplatz zum 20-jährigen Bestehen des CCC entwickelt wurden, ein Kernelmodul für kleinteiligere Hardware programmiert. Das kann 1stein zufolge nun von jedem mit Linux ausgerüsteten PC in Betrieb gesetzt werden.
Die fürs Zusammenschrauben der BlinkenMinis, dessen große Geschwister inzwischen in Form der Arcade auch in Paris Erfolge feiern und im nächsten Quartal auch wieder ein Baugerüst des sich in Renovierung befindlichen ursprünglichen Hochhauses erleuchten sollen, erforderlichen Teile gibt es bei Elektronikversendern im Web sowie in gängigen Baumärkten. Rechnet man die Kosten für die originalgetreu verwendeten 144 Leuchtdioden, die zur Einzelansprache der Lichter benötigten CMOS-Schieberegister und die Holzplatten hoch, kommt das Heimspielzeug mit rund 500 Euro aber noch etwas teuer. Doch Sphaera ist glücklich mit ihrem Modell. "Das lässt sich ganz so erweitern, wie ich es will", sagt die Haeckse, die Computer vor dem 16. Lebensjahr gehasst hat, dann aber ihren eigenen Rechner geschenkt bekam und damit voll aufs Internet abgefahren ist. "Wenn ein schnelleres Tetris oder Snake gefragt ist, kompiliere ich kurz den Code - und gut ists".
Klopapier und WLAN-Reichweite
Auf den Geschmack sind auch zahlreiche Jungs im "Labor" eine Tür weiter gekommen, wo es ebenfalls blinkt und blitzt. Ein Hacker hat sich gar die Mühe gemacht, die Installation auf einem verkleinerten Modell des Haus des Lehrers anzubringen. Nicht stören lassen sich von dem Geflimmere die Freunde der bunten Bauklötze, die voller Eifer ihren Lego-Robotern Intelligenz und Kampfgeist für den großen Wettbewerb einzuhauchen versuchen. Einen Tisch weiter ist am Samstag Antennenbasteln für den besseren Empfang oder die weitere Verbreitung von Funknetzen angesagt. Da wird viel gelötet und verdrahtet, wobei als Basismaterial die legendären "Pringles"-Dosen genauso dienen wie deutlich längere, farblose Papprohre, die sich im Notfall auch aus übrig gebliebenen Klopapierrollen zusammenkleben lassen.
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Wieder zwei Räume zurück werden gerade die 6. Meisterschaften im Schlossöffnen ausgetragen. Meister Artur mit der Wuschelmähne schwitzt, da er den Titel verteidigen will. Mit der Stoppuhr im Genick fitzeln die Wettbewerber ihre Zangen und Spangen in Tür- oder Sonstwas-Verschlüsse, die häufig schon nach wenigen Sekunden ihren eigentlichen Dienst versagen und aufspringen.
Im spirituellen Zentrum des Congresses, dem wie immer schlecht belüfteten und fast nur vom Leuchten der Bildschirme flackernd erhellten Hackzentrum, gehen die meisten Freunde des kreativ-kritischen Umgangs mit der Technik derweil hauptsächlich ihrem Lieblingssport nach: dem Ausprobieren neuer Netz-Sniffer, mit denen sich unverschlüsselt im Internet übertragene Passwörter abfangen und Sicherheitsschwächen von Webservern aufspüren lassen. "Offene" Rechner finden die sich vor allem mit koffeinhaltiger Brause und Junk-Food am Leben haltenden Freaks mal wieder reichlich, obwohl sie laut Congress-Faltblatt eigentlich "versprochen haben, Server außerhalb der Veranstaltung in Ruhe zu lassen".
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Doch was könnte das Herz eines Sicherheitsprüfers aus dem CCC-Dunstkreis schon mehr erfreuen, als in den hessischen Wahlkampf im Web einzugreifen und die Flagge mit dem "Pesthörnchen" auf der Site der Landes-CDU zu hissen?
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Im Vortragsteil herrscht derweil großes Gedränge bei den vier Softwareentwicklern, die es geschafft haben, mit nach eigenen Angaben ganz legalen Kniffen und ohne großes Reverse Engineering die ausgefeilte Sicherheitsarchitektur der Xbox aus dem Hause Bill Gates außer Kraft zu setzen und die schwarze Konsole von einer geschlossenen Black Box in einen offenen, Linux fahrenden PC zu verwandeln. Der Beifall ist groß, als auf dem Gerät des vielen Hackern verhassten Microsoft-Konzerns der Pinguin im Startmenü erscheint und Linux bootet. All die teuren Verschlüsselungsmechanismen, die die Redmonder der Xbox einpflanzten, sind nun erst mal wieder wertlos. Und die Konsole lässt nun Hackerherzen höher schlagen, weil sie das E-Mail-Checken vom Wohnzimmersessel aus auf dem Fernsehbildschirm ermöglicht.
Auch Tron spukt wieder über den Congress
Wem das noch nicht reicht, dem stehen Vorträge offen, die man nicht alltäglich zu hören bekommt. Ralf Grauel etwa gab gestern eine Einführung in die Praktiken der Manipulation, wie sie vor allem Geheimdienste seit Jahren gerne anwenden. Im Prinzip geht des darum, Signale auszusenden, die etwas anderes bewirken, als sie zunächst zum Ausdruck bringen.
Als Beispiel führte Grauel die von den USA zum Umkreis von al-Qaida gerechneten Taliban-Häftlinge in Kuba an, denen in Einzelhaft alle Reize entzogen wurden, bis sie halluzinierten. Das eignet sich natürlich besonders gut, um Geständnisse zu erpressen. Niedergeschrieben sind derlei Methoden bereits im CIA-Handbuch Kubark Counterintelligence Interrogation aus den 1960ern. Aber auch die Werbeindustrie setzt die beschriebenen Manipulationstechniken seit jeher gern ein.
Nicht fehlen darf seit Jahren auf den Chaos-Congressen auch der nach wie vor mysteriöse, von der Polizei aber eingestellte Ermittlungsfall rund um den jung zu Tode gekommenen Berliner "Superhacker" Tron (Website rollt den Tod eines Hackers neu auf). Während sich der CCC nach wie vor schwer tut, dessen Skizzen zu flächendeckenden Verschlüsselungstechniken für die Telefon- und Internetkommunikation umzusetzen, fordern Freunde und die Eltern des im Oktober 1998 in einem Berliner Park erhängt aufgefundenen Idols jetzt verstärkt die Wiederaufnahme der Ermittlungen.
http://www.heise.de/tp/artikel/13/13875/1.html- Na ja... (6.1.2003 16:58)
- Haecksen-Raum (31.12.2002 16:39)
- ELUG Patentparty (30.12.2002 20:29)
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