Zurück in die Vergangenheit und voran in die Zukunft

Harald Zaun 01.01.2003

Expedition Six Crew flog Silvester 14 Mal ins alte Jahr zurück und erlebte gleich 15 Mal den Jahreswechsel - ISS bleibt auch in Zukunft permanent bemannt

Während auf Mutter Erde 6,2 Milliarden Menschen in ihren "Breitengraden" den Beginn des neuen Jahres nur einmal feiern können, hat die ISS-Besatzung die einmalige Gelegenheit gehabt, das neue Jahr gleich 15 Mal mit Champagner zu begrüßen. Aber die in der Schwerelosigkeit arbeitende Expedition Six Crew hob nicht ab und blieb auf dem Boden. Gefeiert wurde nur kurz und spartanisch - schließlich ist orbitale Zeit teuer und der Zeitplan eng. Trotzdem wird dieser Crew und späteren Besatzungen die Zeit ganz bestimmt nicht so schnell davon laufen, hat doch NASA-Chef Sean O'Keefe kürzlich eine lang währende "existentielle" Diskussion beendet: Die Internationale Raumstation bleibt vorerst permanent bemannt.

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"Alles roger" - The Expedition Six Crew (Bild

Sie hätten theoretisch die fantastische Möglichkeit gehabt, den Jahreswechsel gleich 15 Mal zu feiern, da ihre Heimatbasis die Erde im Eineinhalbstunden-Takt umrundet und dabei die imaginäre Datumsgrenze gleich 15 Mal überquert. Gleichwohl ging es am gestrigen Silvesterabend auf der Internationalen Raumstation beschaulich und alles andere als besinnlich oder gar sinnlich zu. Es floss kein Sekt, kein Schampus schäumte, keine Korken knallten, kein Schaumwein perlte. Die Astronauten übten sich scheinbar mal wieder in Askese. Alles war wie immer. Space-Business as usual.

Alkohol-Asketen unter sich?

Während einige Hunderte Kilometer entfernt auf Millionen verschiedenen Parties der Champagner nur so in Strömen floss, die Musik erschallte, die Tanzbeine geschwungen und am kalten Büfett wahre Schlachten geschlagen wurden, während in vielen Ländern auf unserem Planeten farbenprächtige Feuerwerke das neue Jahr einläuteten, begnügten sich Commander Ken Bowersox, Flight Engineer Nikolai Budarin, und NASA-ISS-Science-Officer Donald R. Pettit von der Expedition Six Crew mit einem nichtalkoholischen Getränk. Schließlich hat man doch aus dem Malheur, als vor einigen Jahren auf der MIR einige russische Kosmonauten eine Flasche Sekt köpften und dabei die Flüssigkeit, die unter irdischen Gravitationsbedingungen auf den Boden geplätschert wäre, in alle Richtungen spritzte, seine Lehren gezogen. Damals gipfelte die Silvesterfeier der MIR-Besatzung darin, die klebrige Flüssigkeit in mühevoller Kleinarbeit von den Wänden zu wischen.

Angesichts der Tatsache, dass die ISS tagtäglich alle 90 Minuten einmal um unseren Heimatplaneten kurvt und den Astronauten binnen 24 Erdstunden insgesamt 15 Sonnenaufgänge und 15 Sonnenuntergänge beschert, vermag es sicherlich nicht zu verwundern, dass die ISS-Equipe, für die das Überfliegen von Datumslinien zum All-Alltag gehört, auch dieses Mal - wie in den beiden Jahren zuvor - die Gunst der Gelegenheit ausließen und den Übergang ins neue Jahr nicht exzessiv zelebrierten. Immerhin feierte die Crew von den 15 möglichen Jahreswechseln zwei: Zum mitternächtlichen Glockenschlag am Silvesterabend in Moskau (22.00 Uhr MEZ) und in Washington (1. Januar, 6.00 Uhr MEZ) stießen die drei Raumfahrer der offiziellen NASA-Verlautbarung zufolge nur mit einem Fruchtsaft an. Wie der russische Kosmonaut Nikolai Budarin in einem Funkgespräch gegenüber Journalisten noch am Montag zum Ausdruck brachte, werde man an Bord keinen Tropfen Alkohol anrühren. "Es wird keinen Cognac geben, dafür aber gute Trinksprüche".

Ein Wohl auf all jene, die dies glauben. Denn es dürfte sich derweil doch bis in den letzten Winkel des Orbits herumgesprochen haben, dass Raumfahrer in der Vergangenheit des öfteren kleine Fläschchen Cognac für besondere Anlässe mit ins All geschmuggelt haben und die Bodenkontrolle diese Unsitte wohlwollend ignoriert hat. Bei alledem sagt man den Russen wohl nicht ganz zu Unrecht eine gewisse Trinkfestigkeit nach. Und die sind derzeit an Bord der ISS fraglos in der Überzahl.

Kulinarisches aus der Mikrowelle

Was das Kulinarische angeht, einigte sich das eingeschworene Triumvirat zu Silvester auf Fisch, der - wie alle "Spezialitäten" - auch dieses Mal in der Mikrowelle zubereitet wurde. Als Beilage gab es noch einige Früchte; zum Nachtisch etwas Süßes.

Eigentlich kann sich das Angebot an Lebensmitteln auf der ISS in punkto Quantität sehen lassen. Die Liste mit den verschiedenen Menü-Bestandteilen ist erstaunlich lang. Neben geräuchertem Truthahn und Crevetten-Cocktail bereichern Gulasch oder Steaks, Broccoli-Gratin, Rahmspinat sowie Schokoladepudding oder Erdbeeren und noch andere Exquisitäten den Speiseplan. Jeder Astronaut kann sich ein Menü nach seinem ganz persönlichen Geschmack zusammenstellen. Mit Menue à la carte oder Einheitskost muss das Raumfahrer-Trio nicht vorlieb nehmen.

Im Rahmen ihrer Mission wird die sechste ISS-Besatzung noch einige Space-Walks absolvieren müssen. (Bild

Dass gleichwohl geschmackliche Abstriche in Kauf genommen werden müssen und dass vor allem ein kategorischer Mangel an Frischobst und frischem Gemüse vorherrscht, liegt in der Natur und an den technischen Gegebenheiten der gegenwärtigen Raumfahrt. Zwar gibt es jede Menge Snacks, die gemäß Nasa-Direktive "in natürlicher Form" vorliegen (z.B. Nüsse), gleichwohl müssen andere Speisen erst weltraumtauglich gemacht werden, was wohl gemerkt nicht immer zur Freude von Gourmet-Zungen geschieht. So werden beispielsweise Steaks für ihre Reise ins All als einziges Produkt im Voraus entsprechend präpariert: Zuerst werden sie gebraten, dann in beschichtete Beutel verpackt und durch ionisierende Strahlen sterilisiert, bevor dann die Delikatesse in die Mikrowelle wandert.

Leidige Diskussion fand ein Ende

Aber wie auch immer den Herrn der Schöpfung, die da oben in himmlischen Gefilden weilen, der Silvesterbraten und das Neujahrsmenü gemundet haben mag - der Start ins neue Jahr ist offenbar geglückt. Mit dazu beigetragen hat auch eine längst überfällige Entscheidung der NASA, die am Freitag NASA-Chef Sean O'Keefe bekannt gab. Danach bleibt das Unternehmen ISS vorerst auf vorgegebenen Kurs. Während eines Studiogesprächs (siehe unten) mit dem renommierten öffentlich-rechtlichen US-Radiosender NPR dementierte O'Keefe das schon seit einiger Zeit hartnäckig kursierende Gerücht, dass die ISS aufgrund fehlender finanzieller Mittel eines Tages das Schicksal ereilen könnte, zu einem menschenleeren Wrack zu verkommen. Im Gegenteil: Die Entwicklung der ISS werde in den nächsten Jahren stetig voranschreiten. "We're starting to turn the corner," sagte O'Keefe mit Bezug auf den Kostenfaktor für den weiteren Unterhalt der Internationalen Raumstation. "We've got a handle on that." In den folgenden 13 Monaten - bis zum Februar 2004 - werde die "Station" ein Stadium erreicht haben, das der wissenschaftlichen Forschung zugute kommen wird, so O'Keefe.

Ungeachtet der harten Arbeitsbedingungen im All und allen daraus resultierenden körperlichen Belastungen für die ISS-Besatzung, die tagtäglich gegen die Schwerelosigkeit ankämpfen müssen, werde auch in Zukunft eine dreiköpfige Crew die Raumstation permanent bewohnen. "No one has ever done anything like this. This is the equivalent of building a pyramid in space", verdeutlichte O'Keefe im NPR-Radio. Seit über zwei Jahren sei jetzt die ISS ständig besetzt. "We don't see any break in that activity in the time ahead". Darüber hinaus sei Russland ein zuverlässiger Partner, der seinen Verpflichtungen auch weiterhin nachkommen werde.

Das Radiointerview mit NASA-Chef Sean O'Keele (Real Player erforderlich):

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13884/1.html
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