Onanierende Orang-Utans

Beobachtungen an Primaten zeigen, dass die Wurzeln der Kultur weit vor den Menschen zurückreichen

In manchen Feuilleton-Redaktionen kann es heute noch ein Problem sein, Themen unterzubringen, die jenseits von gehobener Literatur, Konzertsaal oder Kunsthalle liegen. Doch natürlich findet Kultur auch außerhalb dieser ehrwürdigen Institutionen statt. Und nicht nur das: Sie findet sogar ohne den Menschen statt. In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science berichtet ein internationales Forscherteam von Beobachtungen an Orang-Utans, die darauf hindeuten, dass kulturelle Traditionen mindestens 14 Millionen Jahre alt sind.

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Führende Anthropologen hatten bereits vor etwa drei Jahren in einem gemeinsamen "Nature"-Artikel dafür plädiert, den Kulturbegriff auf Primaten auszuweiten und das mit Beobachtungen an frei lebenden Schimpansen belegt. Sie konnten zeigen, dass es bei einzelnen Populationen dieser Menschenaffen spezifische Verhaltensweisen gibt, die weder genetisch noch durch die natürlichen Umgebungsbedingungen bedingt sind, sondern von Generation zu Generation weitergegeben, also kulturell tradiert werden. Typisch für solche kulturellen Prägungen von Verhaltensweisen sind zum Beispiel geografische Verteilungsmuster, die sich auch beim Menschen zeigen: Nah beieinander gelegene Populationen lernen eher von einander und sind sich dadurch auch kulturell näher. Zu kulturellen Traditionen zählen etwa bestimmte Methoden der Nahrungsbeschaffung und der Gebrauch von Werkzeugen.

Ein Wissenschaftlerteam unter Leitung von Carel P. van Schaik von der Duke University in Durham, North Carolina, hat jetzt sechs Orang-Utan-Populationen auf Borneo und Sumatra beobachtet und dabei ähnliche kulturelle Variationen identifiziert. So ist es nur in Gunung Palung auf Borneo üblich, kussähnliche Geräusche mithilfe von an den Mund gehaltenen Blättern zu verstärken, während Orang-Utans aus Ketambe auf Sumatra dafür ausschließlich die Hände benutzen. In Lower Kinagatangan auf Borneo wurde dagegen keines der beiden Verhalten beobachtet. Bemerkenswert ist auch der Gebrauch von Gegenständen zur Masturbation, der bei männlichen und weiblichen Orang-Utans in Ketambe sehr verbreitet ist, ansonsten aber nur vereinzelt bei einer Population in Kutai auf Borneo beobachtet wurde. Die Wissenschaftler konnten insgesamt Hinweise für die kulturelle Überlieferung von 24 Verhaltensweisen finden.

Da sich die Entwicklungslinien von Orang-Utans und afrikanischen Affen vor etwa 14 Millionen Jahren getrennt haben, bedeutet das, dass kulturell geprägtes Verhalten mindestens ebenso alt ist. Ob das für konservative Feuilletons allerdings ein Grund ist, ihren verstaubten Kulturbegriff zu überdenken und über onanierende Affen zu berichten, ist eine andere Frage.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13896/1.html
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