Die Welt ist, was die Medien über sie berichten

07.01.2003

Der jährlich veröffentlichte Tyndall-Bericht erfasst, was die US-Bürger in den Nachrichten sehen, Ärzte ohne Grenzen weisen auf die in US-Medien übersehenen humanitären Katastrophen hin

Der Schock der Anschläge vom 11.9., die danach erfolgte Ausrufung des Kriegs gegen den internationalen Terrorismus auf der ganzen Welt und der demnächst mit hoher Wahrscheinlichkeit stattfindende Irak-Krieg haben offenbar zumindest ein Positives mit sich gebracht: Die Amerikaner, die sich trotz des Internet noch überwiegend über das Fernsehen orientieren, haben im letzten Jahr mehr als sonst von der Welt außerhalb der USA erfahren. Doch mediale Aufmerksamkeit ist stets selektiv.

Auf diesem Hintergrund ist natürlich interessant, was Menschen im Internet suchen oder was sie im Fernsehen angeboten bekommen. Private Fernsehanstalten, die sich im Markt behaupten müssen, reagieren schnell auf Veränderungen der Zuschauerquote, müssen aber auch sehen, dass sie für Werbung attraktiv bleiben. Schon aus diesem Grund dürfte es nach dem 11.9. einen ungeheuren Druck auf die Medien gegeben haben, die Politik von Präsident Bush patriotisch zu begleiten. Einem Präsidenten, dessen Popularität bei den Menschen nach den Anschlägen auf über 80 Prozent angewachsen ist und dessen kriegerische Haltung offenbar überzeugt hat, darf man wahrscheinlich nur mit kommerziellen Einbußen wirklich kritisch entgegentreten, wenn man nicht zum Nischenmedium werden will. Auch wenn die Amerikaner gegenüber ihrem Präsidenten, seiner Politik und dem Irak-Krieg skeptischer geworden sind, hat sich die Medienstrategie der Bush-Regierung bislang als höchst erfolgreich erwiesen und konnte zahlreiche Skandale und Probleme mitsamt grundsätzlicher Kritik im Inland beiseite schieben.

Terror und Krieg, der Nahost- und der Irak-Konflikt stehen an der Spitze der Aufmerksamkeit und verdrängen andere Themen

All das zeigt sich auch im jährlich veröffentlichten Tyndall-Bericht, der statistisch erfasst, was von den großen US-Fernsehsendern in den Nachrichten berichtet wird. Allerdings beschränkt sich der Bericht auf die drei großen Sender ABC, NBC und CBS und bezieht Kabelsender wie Cable News Network oder Fox News von Rupert Murdoch nicht mit ein, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Fox News sind beispielsweise zudem noch weniger ausgewogen und erkennbar stärker rechts gerichtet. Medien interpretieren natürlich Wirklichkeit, aber das ist sehr viel schwerer "objektiv" zu erfassen als eine statistische Auswertung von Sendezeiten für bestimmte Themen, wie sie der Tyndall-Bericht bietet.

Insgesamt gibt es bei den drei beobachteten Sendern an jedem Abend jeweils etwa 22 Minuten Nachrichten aus dem In- und Ausland. Die Amerikaner beziehen nach Umfragen ihr Wissen über die internationale Politik überwiegend von den Fernsehnachrichten zur Hauptsendezeit. 2002 wurden während 60 Prozent der 5.622 Minuten Nachrichten-Sendezeit 20 Topstorys behandelt. An erster Stelle stand dabei der israelisch-palästinensische Konflikt, gefolgt vom Irak, der weiteren Berichterstattung über die Anschläge vom 11.9. und den Krieg in Afghanistan. Der allgemeine Krieg gegen den Terrorismus kam auf den vierten Platz. Scharon wurde am meisten erwähnt, gefolgt von Arafat und dann erst Saddam Hussein.

Ganz deutlich stehen also wie bereits seit September 2001 die Folgen der Terroranschläge ganz im Vordergrund. das hat auch zur Folge, dass bei den Sendern seit dem Golfkrieg 1991 wieder Nachrichten aus dem Ausland dominierten. Im Jahr 2000 gab es neben unter den 20 Topstorys neben den Olympischen Spielen in Australien nur drei weitere "Auslandsthemen": die Auseinandersetzung zwischen den kubanischen und amerikanischen Familienangehörigen über das Kind Elian, den israelisch-palästinensischen Konflikt und den Anschlag auf den Zerstörer USS Cole in Jemen. Diese Storys nahmen mit 1.000 Minuten weniger als 20 Prozent der Sendezeit ein. 2002 nahmen die Berichte der Auslandskorrespondenten 40 Prozent der Sendezeit ein, 2000 nicht einmal die Hälfte.

Das heißt natürlich keineswegs, dass eine kritischere oder gar über das Ausland wirklich informiertere Öffentlichkeit entstanden ist, für die Bush-Regierung aber ist die Medienaufmerksamkeit damit in die gewünschte Richtung gelenkt worden, auch wenn, zumindest offiziell, weder das Weiße Haus (Das Weiße Haus will auch ein Propagandabüro) noch das Pentagon ein Propagandabüro eingerichtet haben (Pentagon denkt über Geheimprogramm zur Manipulation der öffentlichen Meinung in befreundeten Ländern nach). Schließlich blieb dann weitaus weniger Zeit, um auf Themen wie die wirtschaftliche Lage, Betrügereien und Missmanagement bei den Unternehmen, die Verwicklung von Regierungsmitgliedern bis hin zu Cheney und Bush in Tricksereien, das Gesundheits- oder Bildungssystem oder die Umwelt einzugehen. Zwar erreichten die Brände in den USA vom letzten Jahr Rang 11, insgesamt wurde Umweltthemen nur ein Drittel der Zeit wie noch im Jahr 2000 aufgewendet.

Die Berichterstattung über die Abwirtschaftung und den Zusammenbruch von Unternehmen wie Enron oder WorldCom nahm gerade einmal 10 Prozent der gesamten Berichterstattung ein. Insgesamt erreichten die Nachrichten über die Wirtschaft etwa denselben Anteil wie im Jahr 2000, dafür wurde sieben Mal so viel Zeit über den Terrorismus und doppelt so viel über Kriege berichtet. Die Gewichtung der Auslandsberichterstattung wird aber auch daran deutlich, dass über die Entführung und Ermordung des Wall Street Journal Journalisten Daniel Pearl drei Mal solange berichtet wurde als über den Konflikt zwischen Indien und Pakistan, der möglicherweise zu einem Atomkrieg hätte führen können.

Interessant für die Ausrichtung der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit sind freilich nicht nur die "prominenten" Themen, sondern auch das, was aus der kollektiven Aufmerksamkeit herausfällt und damit für einen Großteil der Menschen nicht wirklich existiert. Wenn die Welt für den einzelnen Menschen oder die Gesellschaft das ist, was die Medien über sie berichten, besteht die Wirklichkeit aus wenigen gut beleuchteten Stellen und vielen schwarzen Löchern, wobei dies natürlich auf globaler, regionaler und lokaler Ebene sehr verschieden aussehen kann. Zudem ist es auch für distanzierte Betrachter, die allesamt auf Medien als selektive Aufmerksamkeitsorgane angewiesen und selbst voreingenommen sind, schwer festzustellen, welche Themen nicht oder nicht genügend beachtet wurden. Je nach Perspektive dürften daher also Listen von Themen ausfallen, über die zu wenig berichtet wurde.

Die schwarzen Löcher der Wirklichkeit

Die Ärzte ohne Grenzen (MSF) haben es zum fünften Mal versucht, eine solche Liste mit 10 humanitären Katastrophen aufzustellen, die "von den US-Medien nicht beachtet wurden". Die zunehmend eskalierenden Konflikte im Kongo und in Kolumbien wurden zum vierten Mal hintereinander auf die Liste gesetzt. Zu wenig Aufmerksamkeit haben für die Organisation auch die internationalen humanitären Abkommen gefunden, was zu einem Abbau des Schutzes von Kriegsflüchtlingen geführt habe. Der Zugang von Menschen aus armen Ländern zu Medikamenten sei ebenso wenig beachtet worden wie die Berichterstattung über "vergessene Krankheiten", wozu Schlafkrankheit, Malaria oder Tuberkulose zählen, für die es eine Behandlung gäbe.

War nach dem Tyndall-Bericht die britische Königsfamilie im Jahr 2002 26 Minuten lang Thema der Nachrichtensendungen, so haben 8 der "Top 10"-Liste der Ärzte ohne Grenzen nur 25 Minuten Aufmerksamkeit erhalten. Über die Hungerkatastrophe in Angola wurde nur eine Minute berichtet, über den Krieg in Liberia gar nicht. Auch über die Zwangsrückführung tschetschenischer Flüchtlinge in ihre noch immer mit Krieg und Brutalität überzogene Heimat sei praktisch ebenso wenig Thema gewesen wie die Ausbreitung der Kriege in Kolumbien und im Sudan. Das treffe auch auf andere Medien wie Zeitungen und Radiosender zu (siehe auch zur Medienkritik eines Insiders: Mehr Hitze als Licht).

Die Ärzte ohne Grenzen kritisieren, dass mit der Ausnahme von wenigen engagierten Journalisten die Amerikaner viel zu wenig Informationen über den Zustand der Welt erhielten (vgl. auch Irgendwie nicht von dieser Welt). Das sei gerade in einer Zeit bedenklich, in der globale Themen immer wichtiger würden.

"Nach der Erfahrung der Ärzte ohne Grenzen ist Schweigen der beste Verbündete von Gewalt, Straffreiheit und Missachtung", so Nicolas de Torrrente, Direktor von MSF-USA. "Medienaufmerksamkeit auf schlimme Krisen kann einen unglaublichen Einfluss auf die Mobilisierung für einen Entschluss haben, der notwendig ist, um zu Lösungen zu kommen. Aber für die meisten Amerikaner ist es so, als würden diese gewaltigen menschlichen Katastrophen nicht existieren."

Doch das ist in keinem Land ganz anders. Zudem gibt es keine Medien, die umfassend berichten könnten, da für die Aufmerksamkeit die Zeit die knappste Ressource ist und vieles gleichzeitig geschieht. Aufmerksamkeit ist stets selektiv, ökonomisch auf den Markt ausgerichtete Medien spitzen diese Selektivität noch weiter zu, schließlich kostet breitere Berichterstattung entsprechend mehr und muss sich auch in Quote umsetzen. In der globalen Konkurrenz der Medien, die mit Satellitenfernsehen und Internet stattfindet, dürfte sich neben der Medienkonzentration auch eine weitere Themenkonzentration durchsetzen. Das würde die schwarzen Löcher in der Wirklichkeit noch weiter vergrößern. Aus diesen Gründen dürfte die Informationsarbeit von NGOs wie den Ärzten ohne Grenzen, Amnesty oder Greenpeace, um nur ein paar zu nennen, eine immer wichtigere Rolle auch für die Informationserhellung der Welt zufallen.

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