Das dritte Auge

Herbert Hasenbein 15.01.2003

Hinweise auf eine andere Art des Sehens

Die Menschen des Altertums wussten, dass wir mehr wahrnehmen als rot und grün oder die Silhouetten an der Höhlenwand wie im Gedankenexperiment des Plato. Auch braucht es nicht den Zyklopen, dem ein zusätzliches Sehorgan zwischen den Augen gezeichnet wird. Die aus der westlichen Tradition geborene Wissenschaft hing noch bis vor wenigen Jahren an den frühen Vorstellungen, wonach die Zirbeldrüse der Sitz des Visionären sein sollte. Ganz anders der buddhistische und hinduistische Tantrismus, in dem das dritte Auge der "Erleuchtung", dem Chakra ajna entspricht und, wenn wir schon wissenschaftlich werden, irgendwo an der Nasenwurzel beginnt.

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Er gehört zu den Zyklopen, den Wesen mit drei Augen

Die neue Erkenntnis ist das Resultat eines Umweges über die "innere Uhr". Viele Körperfunktionen und das Verhalten bis hin zu den Schlaf-Wach-Perioden unterliegen einem zirkadianen Rhythmus, der autonom gesteuert wird. Für den ordentlichen Betrieb ist die Synchronisation aller Zeitgeber notwendig. Sie erfolgt durch den Wechsel vom Tag zur Nacht und zurück zum Tag. Bei Fischen und Reptilien ist der Stimulus das Licht, das durch die Haut eintritt. Für Säugetiere und natürlich den Menschen wurde in den vergangenen Jahren erkannt, dass die "Zentraluhr" im unteren Hypothalamus gelegen ist und aus einer Gruppe von etwa 10.000 Ganglienzellen besteht, dem Suprachiasmatischen Nucleus. Vor kurzem erst konnten Berson und Mitarbeiter in der Retina etwa 1.000 lichtempfindliche Nervenzellen nachweisen, die ihre Informationen dem Suprachiasmatischen Nucleus weitergeben. Die aufregende Neuerung erwächst mit der Entdeckung des Photopigments Melanopsin. Ursprünglich aus Froschhaut gewonnen hat es die Genetiker elektrisiert, weil derselbe Stoff in der Netzhaut von Säugetieren vorkommt, und seine Herstellung bestimmten Genen zugeordnet werden kann. Beide Komponenten zusammengenommen lassen Konturen für ein neues lichtempfindliches System erahnen. Könnte es sich um das lange vermisste morphologische Äquivalent für das "innere Sehen" handeln?

Die Pupillenreaktion lässt sich vermessen

Doch gemach. Die gegenwärtigen Untersuchungen sind in den Anfängen und beschränken sich auf messbare Funktionen am Auge. R. J. Lucas und seine Mitarbeiter (Diminished Pupillary Light Reflex at High Irradiances in Melanopsin-Knockout Mice) berichten in Science über die verminderte Pupillenreaktion bei melanopsin-freien Mäusen. Russell Van Gelder und Mitarbeiter (Reduced Pupillary Light Responses in Mice Lacking Cryptochromes) beobachten unterschiedliche Pupilleneffekte bei Mäusen mit normaler oder zäpfchenfreier Retina, denen Cryptochrome, die Photopigmente, fehlen. Inzwischen ist man weggekommen vom Melatonin, das noch vor einem Jahr (vgl. Blaues Licht steuert den Körperrhythmus) die Diskussionen beherrschte und so recht zur Zirbeldrüse passte. "Allerdings," so Van Gelder, "die bisherigen Ergebnisse schließen nicht aus, dass noch andere Photopigmente wirksam sind." Nach herkömmlicher Ansicht entspricht die Pupille der Blende an der Bildkamera: in der Dunkelheit weit gestellt, um viel Licht durchzulassen, in heller Umgebung eng gestellt, wobei Zapfen und Stäbchen die Weite regulieren. Daraus folgt: ohne funktionierende Retina sollte die Pupille starr bleiben. Dass sie sich dennoch verändert, ist der zusätzliche Beweis für jenes "dritte Auge", weil es sich unserer willkürlichen Kontrolle entzieht.

Wissenschaftler verlassen sich naturgemäß auf das, was sie sehen und messen können. Deshalb wurde noch vor 5 Jahren die Frage "Ist es sinnvoll, Blinde zu untersuchen, um die Lichtresorption zu erforschen?" reichlich kontrovers zwischen den Ophthalmologen erörtert. Inzwischen beweisen nicht nur die Versuche an Mäusen, dass die Pupillenreaktion mehr ist als die Blende zur Verbesserung der Tiefenschärfe; sie dient wenigstens noch einer weiteren Funktion, nämlich der biologischen Uhr. Menschen mit angeborenem Verlust an Zapfen und Stäbchen folgen, obwohl sie nichts sehen, dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus, ganz im Unterschied zu Tieren, denen die Augen entfernt werden. Noch ist allerdings unklar, welche Wellenlängen photosensitiv sind. Für das optische System "Auge" besteht Durchlässigkeit im Bereich der Lichtwellen zwischen 300 und 1500 Nanometer. Panda und Kollegen vermuten für Melanopsin unter Laborbedingungen und bei monochromatischem Licht das Wirkoptimum bei 480 Nanometer.

Kritik kommt von den Medizinern. Atropin erweitert die Pupille, morphinartige Drogen machen sie eng, und Hirnschädigungen haben mitunter seitendifferente Auswirkungen. Sieht man von den pharmakologischen Effekten ab, reduziert sich der endogene Einfluss allerdings auf körpereigene Neurotransmitter, woraus die Erfahrung erwächst: "Traue keiner Liebeserklärung bei engen Pupillen," weil Sympathie die Pupillen erweitert, während Berechnung oder Ärger die Pupillen verengt.

Wallpaper von www.planetquake.com

Die jüngsten Ergebnisse sind deshalb nicht nur für die Physiologen faszinierend; sie verändern vielmehr den Blickwinkel auf Licht-Phänomene, die bisher schwerlich gedeutet werden konnten. Dazu gehören die Angst bei Dunkelheit, das schreiend empfundene Licht der Neonlampen oder Wohlbefinden bei Kerzenschein. Die Nachbarschaft des Suprachiasmatischen Nucleus zum wichtigsten vegetativen Hirnzentrum, dem Hypothalamus, und damit zu den neuroendokrinen Nuclei, die Endorphine, diverse Neurotransmitter oder Hormone freisetzen, wird Stunde für Stunde wirksam und erschöpft sich nicht im Effekt auf den zirkadianen Rhythmus. Vieles Unerklärliche könnte auf biochemische Reaktionen zurückgeführt werden. Ob der "blinde Seher" im Altertum aus der Beschränkung auf das "dritte Auge" seine besonderen Fähigkeiten gewann? Aus jetziger Sicht wird man Arthur Schopenhauer zustimmen, der 1854 in seinem Buch "Farbenlehre" schreibt:

Aus unseren bisherigen Betrachtungen ergibt sich, dass Helle, Finsternis und Farbe, im engsten Sinne genommen, Zustände, Modifikationen des Auges sind, welche unmittelbar bloß empfunden werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13940/1.html
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