Emails an irakische Regierungsangehörige und Militärs

11.01.2003

Das Pentagon verstärkt die psychologische Kriegsführung, um die Menschen im Irak zum Aufgeben zu bewegen

Das Pentagon entsendet weitere 60.000 Soldaten in die Golfregion. Bis Ende Januar sollen dort über 100.000 Soldaten für einen möglichen Einsatz bereitstehen. Auch wenn die US-Regierung derzeit wegen des wachsenden Widerstands auch unter den Verbündeten zögerlicher zu agieren scheint, werden in einem undurchsichtigen Spiel die Vorbereitungen auch durch die zunehmende Bombardierung von Flugabwehr- und Kommunikationseinrichtungen durch amerikanische und britische Flugzeuge in der Flugverbotszonen weiter getrieben.

Über dem Irak abgeworfenes Flugblatt

Bislang hat das Pentagon beispielsweise über dem Irak Flugblätter abgeworfen (die grafisch nicht unbedingt bestechen, vielleicht müsste an den Akademien und Designschulen ein PsyOp-Kurs eingerichtet werden, um die richtigen Fachkräfte auszubilden?). Sie sollen beispielsweise die irakischen Soldaten warnen, auf die amerikanischen und britischen Kontrollflugzeuge zu schießen oder die durch Bomben zerstörten Einrichtungen wieder zu reparieren, oder geben die Frequenz eines amerikanischen Senders an. Seit Mitte Dezember fliegt regelmäßig das Flugzeug EC-130 Commando Solo über den Irak, um mit Radiosendungen, produziert von der 4th Psychological Operations Group, die Bevölkerung zu beeinflussen. Seit kurzem wird diese Psychologische Kriegsführung (PsyOp) mit Flugblättern verstärkt, die über den Städten abgeworfen werden und die irakischen Soldaten zur Befehlsverweigerung auffordern.

"Coalition air power can strike at will. Any time, any place. The attacks will destroy you at any location of Coalition choosing. Will it be you or your brother? You decide." - Text eines Flugblattes vom Dezember

Über Afghanistan abgeworfenes Flugblatt

In Afghanistan wurde dies ähnlich gehandhabt (On Air: US-Propaganda für Afghanistan). Die Taliban-Kämpfer wurden vor der militärischen Überlegenheit des US-Militärs gewarnt oder es wurde den Menschen Belohnung versprochen, wenn sie Verstecke von Taliban- oder al-Qaida-Kämpfern oder Hinweise zur Ergreifung von diesen mitteilen. Im Irak gibt es eine richtige Armee, weswegen man hier etwas spezifischer vorzugehen sucht. In den Mittelungen werden beispielsweise die irakischen Soldaten erst einmal an die Ehre ihres Berufsstandes erinnert, um sie dann gegen Hussein einzunehmen:

Seit Menschengedenken gab es keinen Beruf, der ehrbarer gewesen ist als den des Soldaten. Soldaten werden mit Auszeichnungen und Orden dekoriert, die ihre Leistungen zeigen und ihre Fähigkeiten mitteilen. Die Uniform eines Soldaten verlangt Respekt und Treue. Saddam hat dieses Erbe in den Schmutz gezogen. Saddam verkündet zusammen mit einem falschen Eindruck des nationalen Stolzes eine politische Rhetorik, um diese Männer zu täuschen, so dass sie seinen gesetzwidrigen Zielen dienen. Saddam will nicht, dass die Soldaten des Irak die Ehre und Würde besitzen, die ihr Beruf verlangt. Saddam versucht, diese tapferen Männer auszubeuten."

Ob sich von solchen Beschwörungen wirklich Menschen überzeugen lassen, wird vermutlich das Geheimnis der PsyOp-Experten bleiben. Die aber haben sich im Fall des Irak noch etwas Neues einfallen lassen, berichtet CNN. Erstmals werden im Rahmen der psychologischen Kriegsführung nun "Tausende von Emails" an irakische Führungskräfte versandt. Diese "Infowar Kampagne" sei von den Militärs und den Geheimdiensten in den letzten Wochen vorbereitet und nach Auskunft von Besuchern Bagdads letzte Woche empfangen worden.

"If you took part in the use of these ugly weapons you'll be regarded as war criminals. If you can make these weapons ineffective then do it. If you can identify the position of weapons of mass destruction by light signals, then do it. If all this is not possible, then at least refuse to take part in any activity or follow orders to use weapons of mass destruction." - Text einer Email

Mit den Emails sollen vor allem die Offiziere und Regierungsmitglieder, sofern sie einen Mail-Account besitzen, davon überzeugt werden, dass ein Krieg gegen die USA nicht zu gewinnen ist. Den Empfängers der Mails wird geraten aufzugeben, den Befehl zu verweigern, zu desertieren oder Hinweise auf Verstecke von Massenvernichtungswaffen zu geben. Falls sie dies nicht machen, würden die USA einen Krieg gegen sie führen.

Als Absender der Mails tritt jedoch nicht das Pentagon auf, sondern sie werden mit gefälschten Adressen verschickt. Ob damit die Einrichtung von Filtern unterlaufen werden soll oder man einen besonderen psychologischen Effekt erhofft, berichtet CNN nicht. Der Sender hatte am Freitag von dieser Kampagne erfahren, wurde aber zunächst gebeten, sie nicht zu berichten, weil man solange als möglich Mails mit falschen Absendern verschicken wollte. Weil man aber vielleicht doch nicht so ganz von dieser Propaganda-Spam überzeugt war, durfte CNN schließlich doch darüber berichten. Fraglich ist auch, ob die Mails überhaupt ankommen, schließlich gibt es im Irak nur einen staatseigenen Provider, so dass eine Kontrolle nicht schwierig ist.

Ob man auch Saddam Hussein eine Mail an seine Adresse wie manche andere zuvor geschickt hat, um ihn zum Rücktritt aufzufordern, ist leider nicht bekannt. Vor einiger Zeit gelang es einem Journalisten, einen Blick in einen Mail-Account des irakischen Präsidenten zu werfen (Die Geheimnisse der Mailbox von Saddam Hussein). Dort fanden sich einige interessante Mails, aber offenbar war die Mailbox bis dahin nicht benutzt und stapelten sich die Botschaften, der Spam und die Viren.

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