Am Vorabend des Präventivkrieges

12.01.2003

Wie die kommenden Kriege eingedämmt und verhindert werden könnten

Vor einigen Tagen erreichte mich die Email eines ebenso entrüsteten wie verbitterten Telepolis-Lesers. In Texten von mir (Gullivers nächster Halt usw.) oder in denen anderer TP-Autoren zum Irak-Feldzug vermisse er das Erbauliche, Aufmunternde, schlichtweg Positive. Statt Alternativen zum Krieg aufzuzeigen, mögliche Gegenmaßnahmen zu erörtern oder zu dessen Verhinderung aufzurufen, fände er darin nur Nachweise der Ohnmacht und der Wehrlosigkeit, die obendrein noch von einer allgemeinen Intellektuellenschelte begleitet werden.

Stell dir vor, es gibt Krieg ...

Der Nachricht war nicht zu entnehmen, an welche Störaktionen der Sender denke, was er unter Gegenwehr verstünde und welche Abwehr- und Widerstandsformen er möglicherweise akzeptieren würde. Vielleicht hatte er noch die Bilder vom Massenprotest gegen den zweiten Golfkrieg vor Augen oder die hitzigen Debatten der Grünen, als ihr Zampano den Pazifisten das Ja zum Luftkrieg über Serbien abrang.

Es konnte aber auch gut sein, dass er Ulrich Becks neues Buch "Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter" (Suhrkamp 2002) gelesen hatte, in dem der Starnberger Soziologe ausgerechnet den "Kosmopolitismus" als Alternative zum vorherrschenden "Globalismus" und/oder "Multikulturalismus" entdeckt und sich in der Dynamik zivilgesellschaftlicher Bewegungen ein Korrektiv für behördliche Zwangsverordnungen erhofft.

Vielleicht hatte er aber auch nur an der Tagung "Krieg und Frieden" teilgenommen, die Peter Sloterdijk Anfang Dezember an der Hochschule für Kunst und Gestaltung in Karlsruhe organisiert hatte. Um die "Geofaschisten" zur Änderung ihrer "schändlichen Außenpolitik" zu zwingen, hatten Johann Galtung und Peter Weibel die Versammlung zum millionenfachen Boykott der Produkte von Coca Cola, Microsoft und McDonald's aufgefordert. Außerdem hatte der Nestor der Friedens- und Konfliktforschung das Auditorium aufgerufen, mit zehntausend Friedensaktivisten nach Bagdad zu reisen, sich auf öffentlichen Plätzen anzuketten und so diesen sinnlosen wie "überflüssigen Krieg" unmöglich zu machen.

Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.

Bekanntlich versucht augenblicklich eine Delegation mit dem "Abrüstungsexperten" Konstantin Wecker an der Spitze den ersten Teil dieses Aufrufs zu verwirklichen. Wie seinerzeit Jörg Haider ist man nach Bagdad aufgebrochen, um sich dort über eine Woche lang ein Bild von der Lage zu machen und mit einigen Repräsentanten der Regierung Gespräche zu führen (Reiseziel Bagdad).

Krieg führen und diskutieren

Allem Augenschein nach wird die Macht des Gedankens und der Symbolhandlung immer noch überschätzt. Dass Worte und Diskurse gegen die Feuerkraft von Cruise Missiles, B52-Bombern und dem Willen zum Krieg nur wenig auszurichten vermögen, sollte eigentlich bekannt sein.

Zugegeben: Sätze, Zeichen und Metaphern können "das Donnerrollen der Schlacht" (Foucault) munitionieren und Individuen und Gruppen zu bestimmten Meinungen oder Anti-Haltungen stimulieren. Weil dies so ist, unterhalten postmoderne Staaten und ihre Machthaber mittlerweile auch PR-Agenturen und Presseoffiziere, die den Krieg in der Öffentlichkeit moderieren. Dass die eigentliche Macht aber nicht aus den Federn, sondern immer schon aus den Gewehrläufen kommt, scheint man in den letzten Jahren geflissentlich vergessen zu haben.

Macht verliert ihre Funktion, doppelte Kontingenz zu überbrücken, in dem Maße, als sie sich dem Charakter von Zwang annähert.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Jahrzehntelang träumte Westeuropa den Schlaf des Gerechten. Unter dem atomaren Schutzschirm, den die USA über der alten Welt aufspannte, fühlte es sich wohl, sicher und geschützt. Im Windschatten der Pershings konnte so manche smarte Idee und/oder Theorie gedeihen. Nicht nur, aber auch deswegen konnten es sich so hochgeschätzte Intellektuelle wie Michel Foucault leisten, diese simple alteuropäische Wahrheit zu missachten und ihr Hauptaugenmerk auf die Mächte des Alltags und deren Mikropolitiken zu lenken. Beispielsweise darauf, dass auch Schullehrer, Hausmeister und Küchengehilfen über Macht verfügten, die in etlichen Fällen weit gewaltvoller, bedenklicher und verhängnisvoller für das Individuum ausfallen konnten als die Staats- oder Regierungsmacht es jemals vermögen würde.

Andere, wie der Soziologe Niklas Luhmann, symmetrisierten hingegen die Macht. Sie verflüssigten sie zum Kommunikationsmedium und koppelten sie vom Zwang bzw. von der Ausübung physischer Gewalt ab. Macht gerann danach zu einem Strategiespiel, die der verlor, der sie immer mehr auszuüben gedachte. Der Schwenk von Marx zu Nietzsche, den der Soziologe mit dem Philosophen Gilles Deleuze vollzog, war da nicht mehr weit. Nicht Gulliver, der Koloss, betätigte die Hebel der Macht. Nein, die Liliputaner waren es. In dem Maße, wie es ihnen gelang, den Riesen mit den Fäden der Moral, der Kommunikation, des Vertrages usw. zu überziehen, konnte der Riese allmählich auch zum Zwerg werden, sodass am Ende von lauter Zwergen kein Riese mehr zu sehen war.

Schmerzhafte Landung in der Realpolitik

Darum nimmt es nicht wunder, dass erst jetzt, wo die deutsche Regierung sich durch vorlautes Handeln in selbstverschuldete Handlungsunfähigkeit verstrickt hat, im deutschen Feuilleton ankommt, was einmal selbstverständlich war und außer Frage stand: dass Konsens, Moral, Kommunikation oder was auch immer die deutsche Soziologie und Philosophie seit '68 zum Katechon gegen die Gesetze des Dschungels aufgefahren haben, von einem "verborgenen Kern" gelenkt werden, der sich Macht nennt und eigenen Gesetzlichkeiten gehorcht.

Entsprechend verdutzt zeigte sich Mark Siemons darüber auch in der F.A.Z. vom 4. Januar. Mit der Macht verbänden sich nämlich nicht nur Ansprüche auf Wahrheit und Richtigkeit, sondern eben auch Fragen der Gewalt, des Zwangs und der Sicherheit, ökonomische, politische, strategische beispielsweise. Solche Sicherheitsgarantien könne sich die Bundesrepublik wie die EU aber nur mit und nicht gegen die USA leisten. Daher bleibe der Regierung Schröder nichts anderes übrig, als ihre vollmundige Ankündigung im Wahlkampf, Deutschland werde sich unter keinen Umständen an einem Krieg gegen den Irak beteiligen, Zug um Zug zurückzunehmen. Weil viele Beobachter das wüssten, warteten sie sich nur noch auf den Punkt, wann die Regierung Schröder ihr Wahlversprechen brechen werde.

Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.

Dennoch will der F.A.Z.-Kommentator der deutschen Diskursgesellschaft nicht prinzipiell adé sagen. Gerade in Zeiten, wo Regierung und Intellektuelle ihre "unheimliche Begegnung mit der Macht" machten, könne man auf die Segnungen des Diskurses nicht vollends verzichten. Genau betrachtet müsse das die "Lust am Diskutieren" erst richtig entfachen. Schließlich richte sich die Doktrin vom vorauseilenden Erstschlag nicht nur gegen den Irak, sondern auch gegen alle künftigen Schurken und Staaten, die sich dem Willen des amerikanischen Imperiums widersetzen.

Den Präemptivkrieg mit den Mitteln des unendlichen Gesprächs fortsetzen wollen aber nicht alle. Wer etwa den Politikteil der großen Zeitungen aufschlägt und dort die Kommentare der Leitartikler aufmerksam liest, wird eher Gegenteiliges finden. Nach und nach schwört man das Publikum auf den Krieg gegen den Schlächter aus Bagdad ein. Der Krieg, so kommentierte jüngst Stefan Kornelius, Auslandschef der Süddeutschen Zeitung, müsse auch dann stattfinden, wenn die UNMOVIC bei ihren Kontrollen keinen stichhaltigen Beweis für den Besitz von Massenvernichtungswaffen finde. Schließlich wisse man aus der Vergangenheit, dass Saddam findig und verschlagen genug sei, solche Waffen vor den Inspektoren zu verstecken.

Andere, wie der Berliner Besinnungsartikler Richard Herzinger etwa, radebrechen sich im politisch korrekten Einerseits-Andererseits, das gegenwärtig das juste milieu dieses Landes auszeichnet. Nachdem er eine moralisch kaum zu beanstandende diskursive Abwägung aller Für und Wider gezogen hat, kommt er zu der verblüffenden wie paradoxen Feststellung: "Auch wenn sich die Mittel der US-Regierung als verfehlt erweisen sollten - die Grundidee ist richtig: Ohne den Sturz der Autokratie, sei es der irakischen oder der saudischen, ist weder ein dauerhafter Friede noch eine Entwicklung des Nahen und Mittleren Ostens zu Prosperität und Wohlstand denkbar."

Leichte und lohnende Beute

Man sieht: Die Ankunft in der Realpolitik gestaltet sich für viele Kommentatoren als äußerst schmerzhaft. Nur mit etlichen sprachlichen Pirouetten, gedrechselten Sätzen und merkwürdigen Schlüssen ist sie zu ertragen. Krampfhaft versucht man, an alteuropäischen Haltungen und Denkstilen festzuhalten, was um so leichter fällt, wenn der Tod vieler Namenloser mit den Verheißungen auf mehr Demokratie, Freihandel und Konsumismus verknüpft wird.

Den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, damit haben sich Imperatoren immer schon gebrüstet. Die Geschichte ist voll davon. Imperien haben das bislang noch jedem versprochen. Dabei gäbe es durchaus Optionen, wie man dem aggressiven Kriegskurs des Imperiums begegnen und sich dem Zwang, seinen politischen Willen erfüllen zu müssen, widersetzen könnte. Doch darüber nachdenken, will man nicht. Stattdessen fügt man sich lieber ins Unvermeidliche - wie die Regierung, die Opposition oder der UN-Sicherheitsrat.

Der Tag der Abrechnung naht.

Zugegeben: Am Krieg gegen den Irak und am Regimewechsel würde das nichts ändern. Zumal das Land, nach dem gegriffen und das zum künftigen Musterknaben des Mittleren Ostens "erzogen" werden soll, eine ebenso leichte wie lohnende Beute für die Bush-Krieger ist. Nach mehrjährigen UN-Sanktionen ist der Irak so schwach, geopolitisch aber groß und bedeutend genug, dass es fast eine machtpolitische Torheit wäre, wenn das Imperium diese Gelegenheit nicht am Schopf packen würde. Schließlich wäre für die Amerikaner mit der militärischen Kontrolle über die irakischen Ölquellen die Tür zur OPEC weit offen. Endlich säßen sie mit am Tisch dieses Kartells und könnten die Preise für das Rohöl mitbestimmen. Spätestens im Frühjahr wird George W. Bush sich als strahlender Sieger feiern und den Lorbeerkranz des Imperators aufsetzen lassen.

Wegen Saddams Sturz muss aber niemand in Tränen ausbrechen. Nach Lage der Dinge ist er an seiner misslichen Lage selbst schuld. Da helfen weder Durchhalteparolen noch die vielen blumigen Appelle an den Stolz der Araber und Muslime, aufzustehen und die Aggression der Ungläubigen mit Feuer und Schwert zurückzuschlagen. Der Diktator hat einfach zu hoch gepokert.

Hätte er so gewieft, raffiniert und taktisch klug agiert wie in jungen Jahren, als es ihm gelang, die in der Iraq Petroleum Company (IPC) geschlossenen fünf führenden internationalen Ölgesellschaften mit bilateralen Verträgen mit Russen und Franzosen auszutricksen und die Erdölförderung zu verstaatlichen, wäre er vielleicht nicht in dieser Bedrouille. Doch der Herrscher in Bagdad war ungeduldig. Er hat den aufmunternden Worten einiger amerikanischer Freunde vertraut, auf jene Diplomaten und Händler also, die ihm seinerzeit Waffen und Chemikalien für den Krieg gegen die Mullahs geliefert haben und auch nichts gegen die Anwendung chemischer Waffen gegen iranische Truppen und kurdische Aufständische einzuwenden hatten, und sich vorschnell, wie er heute zugibt, Kuwait gegriffen, ohne im Besitz atomarer Waffen zu sein.

Sein Zorn und seine Verbitterung über die "Verräter", Vater Bush, Rumsfeld und Co., ist daher verständlich und dürfte dementsprechend groß sein, sodass die Hoffnung arabischer Führer, Saddam werde des Überlebens willen in ein Drittland ausreisen und den Irak den Amerikanern kampflos überlassen, wohl ins Reich der Fantasie gehört. Saddam kann sich ausmalen, dass er in keinem Land vor Verfolgung sicher sein wird, weder in Moskau noch in Tripolis. Auch dort droht ihm Gefangennahme und Überstellung an den Internationalen Gerichtshof. Schon deswegen wird er lieber den Märtyrertod wählen, um darüber zum Helden der arabischen Nation zu werden, statt sein restliches Leben in einer Einzelzelle zu fristen.

Rückstoßeffekte

Darum kommt dem Imperium die neuerliche Konfrontation mit Nordkorea auch zur Unzeit. Sie hat das neue Rom offensichtlich überrascht und auf dem falschen Fuß erwischt. Nicht, weil der Konflikt die Vorbereitungen auf den Krieg mit dem Irak vielleicht stört, sondern weil dieses Land entschlossen demonstriert, wie sich Staaten, Schurken und Tyrannen gegen künftige Entwaffnungskriege wappnen können.

Den besten Schutz gegen sie liefern nämlich nach wie vor Atomwaffen. Nur wer sie hat und in der Lage ist, einem potentiellen Aggressor mit einem atomaren Gegenschlag zu drohen, kann seine territoriale Unversehrtheit wahren, mögliche Gegner, Rivalen oder Feinde vom Regimewechsel abschrecken und vom (bislang noch) völkerrechtswidrigen Zugriff auf sein Land abhalten. Das lehrt nicht nur der Kalte Krieg; das zeigt auch der indisch-pakistanische oder der chinesisch-taiwanesische Konflikt. An diesen aktuellen Nervenzentren politischer Konfrontation ist es bislang nur deswegen nicht zum offenen Krieg gekommen, weil beide Seiten den atomaren Supergau fürchten. Dort, wo das "Gleichgewicht des Schreckens" fehlt, wie beispielsweise in Palästina, ist der Krieg über die Jahre zur politischen Option geworden. Diese simple Wahrheit, die Europa über ein halbes Jahrhundert das Posthistoire beschert hat, ist in den letzten Jahren in Vergessenheit geraten.

Der Frieden ist selbst nur eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Waffen.

Nicht nur dem Irak, auch allen anderen arabischen Staaten und Schurken dürfte dies inzwischen klar geworden sein. Schon deshalb wird der kommende Krieg das Streben nach atomaren Gefechtsköpfen und entsprechenden Trägersystemen eher verstärken. Es ist daher zu befürchten, dass die US-Strategie für sie und ihre Verbündeten zum Bumerang werden wird. Statt durch Präventivschläge die Produktion und Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zu verhindern, wird das Bemühen um sie zunehmen. Sehr bald wird sich das Imperium neuen Mächten und Herausforderungen gegenübersehen, die sich das Problem Nordkorea/Irak zum Vorbild nehmen und daraus ihre militär- und machtpolitischen Schlüsse ziehen. Die Folge werden weitere "Abrüstungskriege" sein. Das Imperium wird in "Dauerkriegsstress" versetzt.

Ein solcher Zeitparameter ist aber nicht beliebig in die Zukunft ausdehnbar. Auch ein Hurra-Patriotismus verliert irgendwann mal an Reiz und Schwung. Nicht immer ist die US-Bevölkerung zu solchen Opfern bereit wie nach dem elften September. Auch diese Imperien werden mal kriegsmüde und erschöpfen. Von den Kosten, die der permanente Krieg fordert, ganz zu schwiegen.

Nordkorea macht es vor

Die Rat- und Hilflosigkeit, die das Imperium angesichts des vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Nordkorea und ihres politischen Führers Kim Jong Il befallen hat, ist offensichtlich. Nordkorea ist alles andere als ein Papiertiger. Mit mehr als einer Million Soldaten stellt das Land die viertgrößte Armee der Welt. Und mit ihrer Artillerie und ihren Kurzstreckenraketen, die an der Demarkationslinie stationiert sind und mit atomaren Gefechtsköpfen bestückt werden können, kann sie binnen Minuten Tokio oder Seoul in Schutt und Asche zu legen.

Die Auseinandersetzung dürfte daher zu einer Art Lehrstück werden, wie man das neue Rom zur Räson bringen kann und es in ihrem Expansionsdrang aufhalten kann. Mit atomarer Bewaffnung und Entschlossenheit kann sogar ein Hungerstaat, wie Nordkorea es ist, die Hypermacht zum Papiertiger machen. Die Angst, dass das Schule machen könnte, ist bis ins Weiße Haus spürbar. Dementsprechend unentschlossen doktert und laviert die Administration des neuen Roms daher auch am Problem herum (Closing Pandora's Box).

Sanktionen bedeuten Krieg, und der Krieg kennt keine Gnade.

Der Drohung mit einem möglichen Zweifrontenkrieg durch Donald Rumsfeld folgt Tags drauf sofort ein Dementi. Die Empfehlung der Sicherheitschefin, das Problem des armen, aber nuklear gerüsteten Nordkoreas vom reichen, davon unversehrten Irak zu trennen und anders zu behandeln, wird von der Anregung des Außenministers gekontert, es gegen Kim mit einer auf das Land eigens zugeschnittenen Eindämmungspolitik ("tailored containment") zu versuchen, mit wirtschaftlichen Sanktionen, dem Aufbrechen nordkoreanischer Schiffe und Kooperation mit den Anrainerstaaten China, Südkorea, Russland und Japan.

Prompt wird eingesehen, dass Eindämmung und Isolationspolitik fehlschlagen würden, weil sich a) China, Russland und auch Südkorea kaum daran beteiligen würden, weil b) das Land sowieso am Hungertuch nagt und kaum wirtschaftlich erpresst werden könne, und weil c) eine Erhöhung solchen Drucks nur zu einer weiteren Eskalation der Lage führen würde.

Ein militärischer Showdown mit Nordkorea wäre folgenreich und auch für das neue Rom kein Kinderspiel. Zumal davon auch Hunderttausend GIs betroffen wären, die im Einzugsbereich der Raketen stationiert sind. Grobe Schätzungen besagen, dass bei einem möglichen Krieg mit Nordkorea binnen dreier Monaten mehr als 50 000 US-Soldaten ihr Leben verlieren und fast eine halbe Million Südkoreaner sterben könnten. Und bei einer Zerstörung der Nuklearanlagen durch US-Bomben würde die Halbinsel und Teile Japans auf Jahrzehnte radioaktiv verseucht.

Wohl oder übel muss sich die US-Regierung auf einen Deal mit einer der "Achsen des Bösen" einlassen. "Wir werden Dialog haben", tönt es bereits kleinlaut aus dem Mund des Präsidenten. Worauf Nordkorea mit der Kündigung des Atomwaffensperrvertrages antwortet. Ein Totschweigen des Problems wäre dem Imperium vermutlich am allerliebsten. Aber das geht nicht mehr. Dafür klappert der kommunistische Erzfeind mit seinen Waffen viel zu laut. Die USA wissen, dass die anderen Staaten aufmerksam und interessiert zuschauen.

Und das neue Byzanz?

Bleibt zum Schluss wieder mal Europa (Das neue Byzanz)! Wie soll es sich angesichts dieser Drohkulissen und machtpolitischen Konstellationen verhalten? Soll Europa sich, wie die Welt-Chefstrategen Kremp und Stürmer seit einiger Zeit fordern, die Bush-Doktrin zu der seinen machen, auch auf die Gefahr hin, vom Malstrom der US-Strategie mitgerissen zu werden, mit all den Folgen, die ein Leben im totalen Kriegs- und Ausnahmezustand mit sich bringe? Einige Anzeichen deuten jedenfalls darauf hin. Schon will der deutsche Verteidigungsminister die Freiheit Deutschlands am Hindukusch und am Horn von Afrika verteidigen. Was aber, wenn Pakistan oder andere Staaten auch auf diese Idee kommen und ihre Sicherheit an Rhein und Ruhr oder im Hunsrück bedroht sehen?

Man mag nicht glauben, dass der Außenminister das grüne Projekt nur als Vehikel für seine europäischen Karrierewünsche betrachtet.

Bislang sieht es aber eher so aus, als ob die europäischen Regierungen auf Zeit spielen und das malin genie vom Potomac aussitzen wollen. Die meisten hoffen, dass sich der Spuk spätestens in sechs Jahren wieder legt, wenn die rauchenden Colts des Cowboys aus Texas von einem kooperativeren und zum Dialog bereiteren Präsidenten abgelöst werden.

Genau das aber könnte sich als Trugschluss erweisen. Die Fähigkeit, die Welt nach US-Interessen zu ordnen, ist wohl auch für liberale Chefstrategen zu verlockend und verführerisch, als dass sie von diesem Gedanken so schnell wieder Abstand nehmen werden.

Will Europa Eigenständigkeit demonstrieren und nicht weiter Vasall und Erfüllungsgehilfe der US-Krieger sein, das die Trümmer und Leichen dieser Politik, nachdem der Pulverdampf sich verzogen hat, anschließend beseitigen muss, wird es weder um einen Bruch mit dem neuen Rom noch um eine massive militärische Aufrüstung und Modernisierung ihrer Waffen und Streitkräfte herumkommen. Im Zentrum dieser Anstrengungen dürfte sicherlich die Fähigkeit zur atomaren Drohung und Abschreckung stehen. Mit der force de frappe, die allerdings europäisiert und auf den neuesten Stand gebracht werden müsste, verfügt man bereits über eine Drohkulisse, die potentielle Gegner abschrecken und vor politischer Zudringlichkeiten und territorialer Erpressung schützen kann.

Um der ausufernden Vielstimmigkeit des bald auf über fünfundzwanzig Staaten angewachsenen Ensembles Einhalt zu gebieten, müsse sich Europa, vor allem was diese Fragen angehe, auf einen Kernbestand zurückbesinnen. Nach Lage der Dinge könnte sich dieser, da die Briten wegen ihres ständigen Flirts mit den US-Kriegern höchst unsichere Kantonisten sind, nur um die Achse Paris-Berlin bilden.

Spieler, Karrieristen, Opportunisten...

Bürger, die diesen Weg gehen wollen, gibt es in Europa kaum. Zumal eine solche Investition in die Sicherheit gewaltige Einschnitte ins soziale Netz nach sich ziehen würde. US-Bürger akzeptieren das seit Jahrzehnten, sie kennen es nicht anders und sind gewohnt, ihr Glück in die eigenen Hände zu nehmen. Versagen sie, schreiben sie sich das selbst zu. Sie waren dann einfach zu dumm, zu faul oder nicht clever genug. EU-Bürger sind da anders, sie lieben die Rundumversorgung durch den Staat und tun alles, damit diese Vollkasko-Mentalität erhalten bleibt. Sie werden kaum bereit sein, Eigenverantwortung wie die Amerikaner wahrzunehmen und ihre Ansprüche an den Staat zurückzufahren.

Er ist ein Spieler, der das Risiko liebt. Er hat brillante Momente, aber kein Stehvermögen.

Staatsmänner, die neues Byzanz aufbauen wollen, gibt es auch nicht. Blair fühlt sich an der Leine der Amerikaner pudelwohl. Chirac ist gerade wieder mal dabei umzufallen. Die Drohung der USA, von der Neuverteilung des irakischen Erdöls ausgeschlossen zu werden, wird wohl dazu führen, dass Frankreich symbolisch mitkämpft. Schröder, der am lautesten sich aus dem Fenster gelehnt hat, ist nach Aussagen seiner ehemaligen Frau Hillu ein Spieler, dem es an Standfestigkeit mangelt. Schon nach kurzer Zeit verliere er das Interesse an einer Sache. Das weiß aber auch Bush, weswegen er Schröder verachtet und nicht für satisfaktionsfähig hält. Fischer wiederum, den Richard Rorty jüngst zum charismatischen Internationalisten erhoben hat, ist im Herzen ein Opportunist, dem im Zweifelsfall die Karriere wichtiger ist.

Ich bin weiß Gott nie ein Sympathisant, Anhänger oder gar Parteigänger von Franz-Josef Strauss gewesen. Aber eines hatte Strauss sicherlich allen heutigen Politikern voraus: Standfestigkeit und Weitblick. Bei einem Historiker, der er war, ist das vielleicht auch nicht weiter verwunderlich. Als die einen sich in den Schoß der Amerikaner flüchteten und die anderen gegen eine Wiederbewaffnung der BRD auf die Straße gingen, nahm er die atomare Aufrüstung des Landes bereits fest ins Visier. Ihm war klar, dass Selbstbewusstsein, Entscheidungsgewalt und territoriale Unversehrtheit nur derjenige besitzt, der gegebenenfalls auch die Macht und Fähigkeit dazu hat, sein Land zu schützen. Und dies schließt im atomaren Zeitalter, wo Präzisionswaffen, Mini-Nukes und smarte Bomben den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln wieder möglich machen, den Besitz von atomaren Waffen ein. Freunde erwarb er sich damit kaum. Und ob die Siegermächte den Griff nach der Bombe jemals zugelassen hätten, ist auch höchst fraglich.

Dennoch scheint die Strategie des einstigen CSU-Fürsten, wie die Krisen im Mittleren Osten und in Nordasien zeigen, nicht völlig falsch gewesen zu sein. Das mag man beklagen oder bedauern und sich mit Grausen davon abwenden. Aber Machtpolitik ist kein Wunschkonzert. Geht es um Krieg oder Frieden, Leben oder Tod, dann sind Geschmacksrichtungen, Wünschbarkeiten oder Sentimentalitäten fehl am Platz. Es wird höchste Zeit, dass sich das Land auf diese alteuropäischen Wahrheiten wieder besinnt.

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