Bin Ladin und das Satellitentelefon

Wie der böseste Mann der Welt angeblich entkommen konnte: Märchenstunde aus Marokko?

Eine recht einfache List soll Bin Ladin während der Belagerung von Tora Bora zur Flucht verholfen haben, berichtete die Washington Post und bescherte uns eine neue Geschichte, die man glauben kann oder auch nicht.

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Eine orientalische Schelmengeschichte oder blinder Pfusch im High-Tech-Eifer? Nach Aussagen von Abdallah Tabarak, viele Jahre lang Leibwächter von Usama bin Ladin, der zur Zeit widerspenstiger Gefangener auf Guantanamo in Kuba ist und dort eine Karriere als "Emir" oder "Camp leader" der mehr als 600 Gefangenen gemacht haben soll, ist die Nummer 1 der weltweiten Bösewichter mittels einer Finte entkommen, die jeden Biertisch erfreuen dürfte.

Er habe einfach das Satellitentelefon von Bin Ladin übernommen, erzählte der treue Tabarak den marokkanischen Beamten, die ihn vor der Auslieferung an die USA verhört haben - und vielleicht will Marokko so auch wieder einmal mit einer Geschichte, die mehr oder weniger fiktiv und mehr oder weniger freiwillig erzählt wurde, seinen Beitrag zum Antiterrorkampf liefern. Der Menschenrechtsbericht 2001 der US-Regierung erwähnt zumindest einige Fälle, bei denen Sicherheitskräfte zur Folter gegriffen haben. Angeblich wurden deswegen auch manche Gefangenen des Afghanistan-Krieges auch nach Marokko gebracht, weil sie in vertrauter arabischer Umgebung leichter ins Erzählen kommen (With a little help from my friends ....). Natürlich foltert man in Marokko die Gefangenen nicht wirklich, sondern wendet nur etwas Zwang wie Schlafentzug an. Aber Gefangene in Marokko, Pakistan oder den USA haben schon viel erzählt. Schöne Geschichten sind schließlich auch für die US-Regierung zur Unterstützung ihrer Politik und für die Medien interessant.

Also der Marokkaner Tabarak erzählte, man sei seiner Zeit davon ausgegangen, dass die Amerikaner den Aufenthaltsort seines Chefs über das Telefon lokalisieren. Da lag es mithin nahe, wenn sich die Suche auf die Telefonsignale konzentrieren sollte, dass der treue Helfer Tabarak das Telefon seines Herrn übernahm und fleißig damit telefonierte, um die Belauscher auf seine Fährte zu locken, während bin Ladin das belagerte Tora Bora auf einem anderen Weg verließ. Tabarak sei schließlich in Tora Bora gefangen genommen worden.

Schon unter Präsident Clintons Krieg gegen den Terrorismus spielte ein Satellitentelefon Bin Ladins eine Rolle

Aber es gibt oder gab natürlich auch andere Geschichten. Bin Ladin soll nämlich, wie die meisten der al-Qaida-Kämpfer, aus den Höhlen von Tora Bora mit der Hilfe von Kämpfern der Nordallianz geflohen sein. Die wurden zwar auch von den Amerikanern für den Befreiungskampf am Boden bezahlt, während die Höhlen von den US-Flugzeugen bombardiert wurden, sollen aber den Patriotismus hintangestellt und Geld von den finanziell gut ausgestatteten al-Qaida-Leuten angenomen haben, um sie über die Berge nach Pakistan zu führen oder zumindest passieren zu lassen (Operation Anaconda: Kriegspropaganda).

Bin Ladin soll zwischen dem 28. und 30. November 2001 entwischt sein. Einige Tage später - und hier kommt doch wieder ein Telefon ins Spiel - soll er die Zurückgebliebenen einmal angerufen und versichert haben, dass für ihn einer seiner Söhne käme. Möglicherweise, so spekuliert der Christian Science Monitor, haben die US-Geheimdienste diesen Anruf abgehört und deswegen geglaubt, wie auch das Pentagon vermutete, dass sich bin Ladin noch am 10. Dezember in Tora Bora aufgehalten habe. Allerdings versicherte ein Pentagon-Sprecher, um den Flop herunterzuspielen, dass man nie wirklich sicher war, ob Bin Ladin überhaupt jemals dort gewesen sei, während ein anderer betonte, dass man niemals nur auf der Jagd nach bestimmten Personen gewesen sei. Auch Präsident Bush hält sich seitdem auffällig zurück und hat sich lieber dem in Bagdad noch präsentem Hussein als persönlichem Feind zugewandt.

Selbst Telepolis hatte eine Geschichte über abgehörte Funksprüche in Tora Bora beizutragen, wobei man angeblich auch die Stimme Bin Ladins identifizieren konnte. Möglicherweise hatte al-Qaida, so die These von Erich Moechel, sich vorsorglich von internationalen Hilfsorganisationen australische Kurzwellen-Funksysteme beschafft und dann mit der ursprünglichen Kennung mit diesen kommuniziert, um den abhörenden Amerikanern das Leben schwer zu machen. Aufgrund dieses Missverständnisses soll dann auch von den Amerikanern versehentlich ein UN-Gebäude in Kabul mit einem Marschflugkörper zerstört worden sein.

Eigentlich aber geht die Geschichte von Bin Ladin und den abgehörten Satellitentelefonen noch weiter zurück. Nach den Anschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania, für die die US-Regierung Bin Ladin verantwortlich machte, wurden bekanntlich von Präsident Clinton 1998 Vergeltungsschläge mit Tomahawks auf Ziele im Sudan und in Afghanistan ausgeführt. Damals unterstellte man dem damaligen Präsidenten bei dem bereits von ihm beschworenen "Krieg der Zukunft" und dem "langen Kampf gegen Terroristen, die den USA den Krieg erklärt haben", dass er womöglich nur von seiner Affäre mit Lewinsky ablenken wolle (Die USA schlagen zurück - Wag the Dog?). Wie auch immer, mit Tomahawk-Raketen wurden aus der Ferne auch al-Qaida-Ausbildungslager bombardiert.

Damals ging man davon aus, dass Bin Ladin - wie Saddam Hussein - seinen Aufenthaltsort häufig wechselt. Auch die von Ladin ausgebauten, angeblich mit neuester Technik ausgestatteten Höhlen in Tora Bora waren bekannt. Zumindest 1998 hatte Bin Ladin, weil anderes im Taliban-Land nicht zur Verfügung stand, ein Satellitentelefon, das er offenbar noch benutzte. Die Sunday Times vom 23. August 1998 zitierte einen israelischen Informanten, der berichtet habe, dass die US-Geheimdienste über das Satellitentelefon herausgefunden hätten, wo sich bin Ladin aufhalte. Die Tomahawks wären dann auf dieses Ziel gerichtet worden. Dummerweise habe Bin Ladin aber kurz zuvor sein Satellitentelefon ausgeschaltet und den Ort verlassen, weswegen er der Strafe aus dem Himmel entgehen konnte (Krieg der Zukunft). Danach, so munkelte man, soll Bin Ladin auf Satellitentelefone verzichtet und sich lieber anderen Kommunikationsmöglichkeiten zugewendet haben. Aber darum ranken sich, wie um die Verwendung der Steganografie, neue Geschichten (Verwenden die muslimischen Terroristen Steganografie?, Die al-Qaida-Terroristen und die Steganografie). Auch anderweitig haben sich Telefone als Todesinstrumente erwiesen (Uncle Sam und der Predator).

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14009/1.html
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