Riskantes Multitasking

30.01.2003

Neue Studien bestätigen, dass auch Telefonieren mit einer Freisprechanlage beim Fahren die Aufmerksamkeit erheblich einschränkt und zu einer "Aufmerksamkeitsblindheit" führt

Informationsgesellschaft bedeutet auch, dass wir stets an Medien und Telekommunikation gekoppelt sind. Schritt für Schritt sind sie neben der Vermehrung der Anzeigen mit Radio, Funk, Bordcomputer, Telefon, Fernsehen, Navigationssystem, Internet, Multimediasystemen eingewandert, während die Fahrzeuge schneller und vor allem mehr wurden. Eingehüllt in einen Nebel von Informationen und Signalen wird die Aufmerksamkeit der Fahrer auf den Straßen, dem wohl größten Schlachtfeld, immer mehr strapaziert. Gleichwohl scheinen sich die Gesellschaften mit dem wachsenden Risiko dieser Folgen der Informationsgesellschaft abgefunden zu haben und haben bestenfalls den Einzug des Telefons in das Auto problematisiert.

Zwar scheint es so zu sein, dass ein einfaches Gespräch kaum Probleme mit sich bringt, aber wenn das Gehirn etwas schwierigere Aufgaben zu lösen hat, beispielsweise etwas erinnert, gerechnet oder überlegt werden soll, die Aufmerksamkeit vom Fahren abgezogen wird. Der Psychologe David Strayer von der University of Utah hatte bereits in früheren Untersuchungen zeigen können, dass Fahrer, die mit oder ohne Freisprechanlage mit anderen Menschen telefonieren, langsamer auf Veränderungen auf der Straße reagieren als diejenigen, die gar nicht telefonieren. Das Unfallrisiko wurde in beiden Fällen durch das Telefonieren vervierfacht. Besonders große Schwierigkeiten hatten die telefonierenden Fahrer mit unerwarteten Situationen wie dem plötzliche Bremsen des Autos vor ihnen (Ablenkende Informationsflut).

Interessanter- und sicher auch beruhigenderweise ist dies aber nur bei etwas schwierigeren mentalen Aufgaben und bei Gesprächen der Fall (Mythos Multitasking?), während das (eher passive) Hören von Radiosendungen oder auch von aufgezeichneten Tonaufnahmen wie Audio-Büchern, die keine unmittelbare Reaktion verlangen und wahrscheinlich einfach schnell ausgeblendet werden können, offenbar die Aufmerksamkeit nicht zu sehr ablenken.

Allgemein, so stellen David L. Strayer, Frank A. Drews und William A. Johnston von der University of Utah in ihrer neuen Studie "Running head: Inattention Blindness Behind The Wheel" fest, ist allgemein Unaufmerksamkeit bzw. Ablenkung eine der Hauptursachen bei Unfällen. Um die bereits in früheren Studien beobachtete Ablenkung durch das Telefonieren beim Fahren noch einmal zu überprüfen, haben die Wissenschaftler mehrere Tests in einem PatrolSim-Fahrsimulator mit der Ausstattung eines Ford Crown Victoria durchgeführt.

Erblindung der visuellen Aufmerksamkeit durch Telefonieren

Bei den mit einer Freisprechanlage telefonierenden (dual-task) und nicht-telefonierenden Fahrern wurden die Reaktionszeiten, den Fahrstil und die Leistung während der virtuellen Fahrt, bei der sie einem gelegentlich bremsenden Wagen folgen sollten, auf einem mehrspurigen Freeway unter unterschiedlichen Verkehrsbedingungen beobachtet. Mit steigender Verkehrsdichte nahmen die Konzentrationsschwächen der telefonierenden Fahrer zu. Vermutlich, so dien Wissenschaftler, wird durch das Telefonieren nicht Reaktionsgeschwindigkeit langsamer, sondern die Aufmerksamkeit von der Umgebung abgeschottet.

Fahrsimulator von i-Sim

Um diese These zu überprüfen, suchten die Wissenschaftler in einem weiteren Test festzustellen, welche Objekte die telefonierenden Fahrer überhaupt wahrnehmen. Dabei wurden bei einer simulierten Stadtfahrt deutlich sichtbare virtuelle Plakate platziert. Nach der Fahrt wurden die Versuchsteilnehmer gefragt, an welche Plakate sie sich erinnern konnten. Bei diesem Text des expliziten Gedächtnisses schnitten die telefonierenden Fahrer sehr viel schlechter als die Nur-Fahrer ab. Möglicherweise also können die telefonierenden Fahrer nicht wahrnehmen, was sie sehen. Strayer vergleicht dies mit einem "Tunnelblick", bei dem die peripheren Informationen nicht verarbeitet werden.

In einem dritten Experiment wurden die Augenbewegungen der Versuchspersonen aufgezeichnet, die wieder Simulation Nr. 2 zu bewältigen hatten. Damit konnte festgestellt werden, ob die Versuchspersonen auf die Plakate geschaut haben. Auch wenn die telefonierenden Fahrer die Plakate ebenso mit dem Blick fixierten wie die Nur-Fahrer, konnten sie diese wesentlich schlechter erinnern. Strayer sieht dies als eine Bestätigung für die These der "Erblindung" der Aufmerksamkeit an, die sich nicht gleichzeitig und gleich intensiv auf ein Gespräch und auf den Blick konzentrieren kann. In diesem Fall wird die visuelle Information von der Aufmerksamkeit unterdrückt, die sich auf das "interessantere" Gespräch richtet oder von dessen Beachtung in Anspruch genommen wird.

Multitasking, das wäre die Konsequenz, wäre also eher eine Ideologie oder hätte zumindest zur Folge, dass gleichwohl nur eine kognitive Tätigkeit im Zentrum steht, während die nebenbei erfolgten kognitiven Leistungen "oberflächlich" bleiben und kaum Spuren hinterlassen, also auch nicht wirklich verarbeitet werden. In einem weiteren Test, bei dem die Versuchspersonen mit einem Joystick einen Cursor so nahe wie möglich an einem sich bewegenden Punkt halten sollten. Dabei wurde gelegentlich in der Blickrichtung kurz ein Wort mit vier oder fünf Buchstaben eingeblendet. Unmittelbar danach wurden den Versuchspersonen Worte, dargestellt in Buchstaben aus Punkten, die immer weniger werden, präsentiert, um zu erkennen, ob sich auch das sensorische Gedächtnis durch das Telefonieren verschlechtert. Schon einmal gesehene Worte werden dabei normalerweise besser erkannt als neue. Das war bei den telefonierenden Versuchspersonen auch nicht der Fall. Telefonieren, so die Wissenschaftler, behindert die Aufmerksamkeit auf "externe Reize", Sprache verdrängt visuelle Aufmerksamkeit. Daher stört die "auditorische-verbale-vokale" Aufgabe die "visuell-räumliche-manuelle" Aufgabe des Fahrens.

Warum aber ist beispielsweise eine Unterhaltung mit einem Beifahrer weniger riskant als mit einem Menschen am Telefon? Zumindest derjenige, der neben dem Fahrer sitzt, wird normalerweise auch, wie beiläufig auch immer, die Situation beim Fahren wahrnehmen und daher im Gespräch auf möglicherweise gefährliche Vorfälle beispielsweise mit einer Pause reagieren.

Höchst bedenklich aber scheint zu sein, dass die Hälfte der telefonierenden Fahrer nicht einmal ein höheres Risikobewusstsein hat, sondern davon ausgeht, dass sie vom Fahren nicht abgelenkt werden. Es könnte hier also eine durchaus gefährliche Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und der beobachteten Verminderung der Aufmerksamkeit auf die Fahrsituation geben.

Ohne Aufmerksamkeit sieht man nichts

Die Ergebnisse sind allerdings nicht nur für das Fahren und für mögliche Regelungen des Telefonierens beim Fahren von Belang, auch wenn sie zeigen, dass die vorgeschriebene Benutzung von Freisprechanlagen die Sicherheit nicht wirklich erhöht. Eine weitere Untersuchung der Neurowissenschaftler Tirin Moore und Katherine Armstrong von der Princeton University, die kürzlich in Nature (421/6921, 23.1.2003) veröffentlicht wurde, gibt Hinweise auf die neurobiologischen Steuerung der visuellen Aufmerksamkeit legen, die ebenfalls mit Fokussierung und "Unaufmerksamkeitsblindheit" zu tun haben. Offenbar hängt die Selektion der Aufmerksamkeit auch mit den Gehirnzentren zusammen, die die Augenbewegungen steuern, erstaunlicherweise auch dann, wenn sie faktisch gar nicht bewegt werden.

Für den Versuch mussten Affen herhalten, bei denen zunächst das Areal identifiziert wurde, das die Augenbewegungen kontrolliert. In einer anderen Region, die für die Verarbeitung von visuellen Informationen zuständig ist, wurde ein einzelnes Neuron ausgewählt, das genau die Signale aus dem Ort verarbeitet, auf den sich auch die für die Bewegung zuständigen Neuronen ausrichten. Die Affen wurden trainiert, sich auf diesen Ort in ihrem visuellen Feld zu konzentrieren, in dem sie dann ein Bild erscheinen ließen. Bei einer elektrischen Stimulation der Neuronen für die Augenbewegung, die so schwach war, dass sie keine motorische Folge hatte, ließ sich aber feststellen, dass das einzelne Neuron, das visuelle Information verarbeitet, sehr viel stärker reagierte als ohne elektrische Stimulation. Wurde hingegen kein Bild gezeigt, zeigte das visuelle Neuron bei der elektrischen Stimulation der Augenbewegungsneuronen keine Veränderung.

Schon die Vorbereitung darauf, die Pupille zu einem bestimmten Punkt hin zu bewegen, scheint nach Ansicht der Wissenschaftler dazu zu führen, dass die für diesen Ort zuständigen visuellen Neuronen stärker erregt werden, ohne dass die Qualität des Signals verändert wurde. Damit wäre der neurobiologische Mechanismus für das bekannte Phänomen gefunden, dass die Aufmerksamkeit willkürlich auch auf etwas gerichtet werden kann, ohne dass es mit den Augen angeschaut wird. Andersherum könnte dies auch die von Strayer beobachtete "Blindheit" beim gleichzeitigen Fahren und Telefonieren erklären. Hier richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Gespräch und blendet damit teilweise die Verarbeitung der visuellen Informationen aus, die von den Augen aufgenommen werden. Allerdings müsste neurobiologisch noch geklärt werden, ob und welche anderen Areale wiederum bei der räumlichen Aufmerksamkeit die motorischen Neuronen beeinflussen. Überdies ist unklar, ob die aufmerksamkeitslenkende Mikrostimulation sich auch auf das Gedächtnis auswirkt.

Klar jedoch scheint zu sein, dass das, was nicht in die Aufmerksamkeit fällt oder von dieser verstärkt wird, buchstäblich und metaphorisch nicht gesehen wird. Eine der wichtigsten Aufgaben des Aufmerksamkeitssystems, das auf gesellschaftlicher Ebene die Medien verkörpern, ist die Selektion durch Fokussierung oder die Fokussierung durch Selektion. Ohne gleichzeitig die weitaus meisten Reize oder Informationen auszublenden oder abzuschatten, kann Aufmerksamkeit nicht funktionieren. Wenig verwunderlich ist eigentlich daher, dass Aufmerksamkeit zwar schnell von einem Gegenstand zum anderen zappen kann, aber kaum in der Lage ist, Mehreres gleichzeitig mit voller Präsenz zu verarbeiten, sofern es sich vielleicht nicht um ein ästhetisch integriertes multimodales "Paket" handelt (Schwimmen in der Informationsflut). Möglicherweise also ist Multitasking bei komplexeren Tätigkeiten, ob in Form gleichzeitigen Fahrens und Telefonierens oder anderswie, doch eher eine Ideologie, während deren Wirklichkeit im schnellen Switchen oder Zappen besteht - und damit auch flüchtig und oberflächlich bleibt oder, wie beim Autofahren, zu einem riskanten Verhalten führt.

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