Das Pentagon will neuartige taktische Atombomben

03.02.2003

Zur Zerstörung von Bunkern und Massenvernichtungswaffen vielleicht schon im Irak-Krieg sollen möglichst schnell "Mini-Nukes" und ein dazu gehöriges Computersystem entwickelt werden

Die US-Regierung plant, wie schon länger bekannt wurde, Atomwaffen nicht mehr nur als letztes Drohmittel zu betrachten, sondern sie in ihr Spektrum von militärischen Optionen einzubeziehen. Dabei sollen kleinere Atombomben oder "Mini-Nukes" vornehmlich gegen tief unter der Erde liegende Bunker oder zur Vernichtung von chemischen oder biologischen Waffen eingesetzt werden. Zu diesem Zweck werden entsprechende Bunker Buster entwickelt und ein Computersystem eingerichtet.

Unterirdischer Nukleartest (Sedan) in Nevada (1962), mit dem man angeblich überprüfen wollte, ob Kernwaffen auch für friedliche Zwecke zum Sprengen gebraucht werden könnten

Die Sicherheitsstrategie der USA setzt auf Präventivschläge gegenüber Bedrohungen durch terroristische Gruppen und Massenvernichtungswaffen. Zusätzlich wurde durch das Bekantwerden des Nuclear Posture Review im März des letzten Jahres deutlich (Pentagon plant Nuklearkrieg und den Einsatz taktischer Nuklearwaffen), dass die US-Regierung Nuklearwaffen nicht mehr nur als letztes Mittel begreift und nur gegen einen Feind einsetzt, der selbst über Atomwaffen verfügt. Der Bericht empfahl die Weiterentwickelung von Bunker Buster Bomben mit Nuklearsprengköpfen wie die B61-11 sowie von kleineren Nuklearwaffen, die möglichst wenig Kollateralschäden verursachen (ausführlich in Mini-Nukes gegen Schurkenstaaten). Nuklearwaffen sollen überdies zusammen mit den konventionellen Waffen in das Arsenal der zur Verfügung stehenden Offensivwaffen integriert werden. Und an Atombomben denkt man auch zum Schutz vor Langstreckenraketen (Alternativen zum Raketenabwehrschild).

Taktische Atombomben gegen Bunker und Massenvernichtungswaffen

Am 14. September 2002 unterzeichnete Bush die National Security Presidential Directive 17, in deren geheim gehaltener Version der Einsatz von Atomwaffen explizit erwähnt wird, wie die Washington Times berichtete:

"Die USA werden weiterhin deutlich machen, dass sie das Recht für sich in Anspruch nehmen, mit überwältigender Kraft - einschließlich möglicherweise Nuklearwaffen - auf die Verwendung (von Massenvernichtungswaffen) gegen die USA, ihre Streitkräfte im Ausland, ihre Freunde und Alliierten zu reagieren."

In der öffentlichen Version dieser Direktive, die am 11. Dezember publiziert wurde, ist von Nuklearwaffen nicht mehr direkt die Rede. Stattdessen wird vom "Rückgriff auf alle unsere Optionen" gesprochen. Nach Auskunft von Pentagon-Angehörigen gehört Zweideutigkeit zur Atomwaffenstrategie der USA. In der geheimen Version der Direktive wird überdies davon gesprochen, dass "nur" Atomwaffen eine wirksame Abschreckung gegenüber dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen und Langstreckenraketen bewirken können. Konventionelle Waffen würden diese Abschreckung ergänzen.

Vor kurzem wurde schließlich auch bekannt, dass das Pentagon bereits für den Krieg gegen den Irak den Einsatz von Nuklearwaffen plant. "Taktische" Nuklearwaffen sollen als Vergeltung für einen Angriff mit biologischen oder chemischen Waffen oder zu einem Präventivschlag eingesetzt werden können. Erleichtert würde diese Strategie, da offenbar das Pentagon nun dem U.S. Strategic Command (Stratcom), die Aufsicht über alle "strategischen" Kriegsoptionen bei der Bekämpfung terroristischer Staaten und Organisationen eingeräumt hat. Nach einem Memo, das die Los Angeles Times erhalten hat, soll Stratcom verantwortlich für die Bekämpfung von Massenvernichtungswaffen im Ausland sein, einschließlich "global strike, integrated missile defense, information operstions". Bush habe dies bereits befürwortet.

Computersystem zur Entscheidung über den Einsatz von Mini-Nukes

Jetzt wurde überdies bekannt, dass die US-Regierung bereits ein Programm mit 1,26 Milliarden Dollar gestartet hat, um kleinere Atombomben zu entwickeln. Nach den Papieren, die die Los Angeles Times zugespielt erhalten hat, sollen dadurch möglichst schnell derartige "Mini-Nukes" zur Verfügung stehen, um tief unter der Erde liegende Bunker oder Waffenlager mit biologischen und chemischen Waffen zu zerstören.

Zu diesem Zweck wird gleichzeitig ein Computersystem aufgebaut, dass alle verfügbaren Daten über derartige Bunker analysiert, berechnet, welche Sprengkraft zu deren Zerstörung nötig ist, und dann entscheidet, ob ein "Bunker Buster" mit Nuklearsprengkopf eingesetzt werden muss.

In den letzten Jahren, so zitiert die Los Angeles Times aus einem der erhaltenen Dokumente, haben "potenzielle Feinde" in großen Maße sich vor US-Angriffen zu schützen gesucht, "indem sie die wichtige Infrastruktur und Massenvernichtungswaffen in Tunnels und andere tief unter der Erdoberfläche befindliche Orte eingelagert oder indem sie tiefgelegene Ziele befestigt haben". Daher müsse das Militär "die Option erwägen und bewerten, Nuklearwaffen gegen die schwierigsten Ziele einzusetzen".

Kritiker befürchten, dass mit dem Einsatz von taktischen Atomwaffen in einem nichtnuklearen Krieg durch die USA - wie im Fall des Irak - auch andere Staaten ermutigt werden, Nuklearwaffen schneller als bislang geplant einzusetzen oder neue taktische Atomwaffen zu entwickeln. Zudem sollen auch die "Mini-Nukes" nicht weit genug in die Erde eindringen, um so unbedenklich zu sein, wie es das Militär gerne darstellen würde. Auch bei kleineren Bomben könnte radioaktive Strahlung durch Staubwolken über größere Entfernungen verbreitet werden. Und ob die nukleare Explosion ausreicht, um mit restlos die in einem Bunker gelagerten chemischen, biologischen und nuklearen Waffen zu zerstören, wird ebenfalls bezweifelt.

Damit die Nuklearexplosionen ganz unter der Erdoberfläche stattfinden und nichts oberirdisch freisetzen, müsste eine Bombe mit einer Sprengkraft von 5 Kilotonnen über 200 Meter unter der Erde explodieren. "Auch wenn", so der Physiker Robert Nelson, "eine sich in die Erde bohrende Bombe sich irgendwie Dutzende von Metern vorarbeiten könnte und dann erst explodieren würde, würde die Explosion wahrscheinlich die Umgebung mit hoch radioaktivem Staub und Gas verseuchen." Schon eine Mini-Mini-Nuke mit einer Sprengladung von nur 0,1 KT müsste etwa 70 Meter unter der Erde explodieren, um die Umgebung nicht zu kontaminieren.

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