Geschichtsverdrehungen

23.02.2003

Die Microsoft Encarta sieht die Geschichte Palästinas aus einer einseitigen Perspektive

Wer in alten Zeiten etwas über die Welt erfahren wollte, kaufte sich den legendären "Brockhaus", Meyers Konversationslexikon oder das "Große Bertelsmann Volkslexikon". Derartige Bücher waren auch innenarchitektonisch wertvoll, weil man sie als Zeichen der Bildung, gemessen in Kubikmetern, in der Schrankwand gut sichtbar platzieren konnte. Nachschlagewerke waren praktisch "für die Wissensbedürfnisse des bürgerlichen Alltags". Für den bürgerlichen Alltag mit dem Computer, der von Windows-Produkten wimmelt, bietet sich heute die Microsoft Encarta als Compact Disk an, eine Enzyklopädie des Wissens für den Hausgebrauch. Nur steht dort an manchen Stellen grober Unfug. Und wenn es um Israel geht, fragt man sich, ob die in der deutschen "Encarta" vertretenen Thesen nur schlecht redigiert sind oder ob Microsoft anti-israelische Vorurteile bewusst fördern will. Das jüdische Portal haGalil spricht sogar von "Geschichtsverdrehung unter enzyklopädischem Deckmäntelchen".

Über Kleinigkeiten sollte man sich nicht beschweren. Die Geschichte Palästinas in der Online-Version verbreitet längst widerlegte fromme Legenden. Moses führte das Volk Israel nicht aus der Sklaverei Ägyptens, wie dort behauptet wird. Die Israeliten besiegten nicht die Kanaaniter. Israel Finkelstein, Direktor des Archäologischen Instituts der Universität Tel Aviv, und Neil A. Silberman, Mitherausgeber des Achaelogy Magazine haben in ihrem Buch Keine Posaunen vor Jericho anhand der archäologischen Fakten belegt, dass der biblische Exodus ein Mythos ist, eine fromme Geschichte zur moralischen Erbauung, die aber mit der historischen Realität nichts zu tun hat.

Auch der "große unabhängige Staat" des König David, wie ihn die "Encarta" beschreibt, ist eine Fiktion. Der legendäre König und Dichter der Psalmen war wohl eher ein Dorfschulze, und die detailreiche Beschreibung des salomonischen Tempels in der Bibel eine idealisierte Version, erfunden im nachhinein von in Agitation und Propaganda sehr kundigen Schreibern im Dienst einer Priesterkaste.

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Der Schreiber des Artikels "Die vergessene Geschichte Palästinas" auf der "Microsoft Encarta"-CD ist der Volkshochschuldozent Dr. Heinz Vestner aus Ismaning - zufällig nicht weit entfernt von der deutschen Microsoft-Niederlassung in Unterschleißheim bei München. Nun ist die Geschichte Palästinas nicht vergessen, aber ein Minenfeld, in dem sich nicht nur VHS-Dozenten, sondern auch professionelle Historiker verirren können. Wenn dem Staat Israel bzw. dem "Zionismus" jedoch die Alleinschuld an Krieg und Gewalt im Nahen Osten gegeben wird, klingt das noch nicht einmal mehr nach dem Versuch, einigermaßen objektiv berichten zu wollen. Der Artikel in der "Encarta" spricht völlig einseitig einseitig von "zionistischer Politik" und "palästinensischer Gegenwehr." Vestner schreibt:

Ein "Existenzrecht" des israelischen Staates ist weder historisch noch völkerrechtlich herzuleiten, der zionistische Traum vom Judenstaat war Wirklichkeit geworden - um den Preis der Vertreibung von Hunderttausenden von Palästinensern aus ihrer seit 1 500 Jahren angestammten Heimat. [...] All das erinnert an die historische Annexionspolitik der USA gegenüber den Indianern und Mexiko im 19. Jahrhundert. [...] Ein "Existenzrecht" des israelischen Staates ist weder historisch noch völkerrechtlich herzuleiten, der Zionismus hat sich dieses "Recht" zu einem günstigen Zeitpunkt politisch einfach genommen."

In der "Encarta Professional" wird also das Existenzrecht Israels nicht nur in Anführungszeichen gesetzt, sondern ganz bestritten. Damit geht Vestner sogar noch hinter die Position der PLO und Arafats aus dem Jahr 1993 zurück. Im Oslo-Abkommen verpflichtete Arafat sich, "den Paragraphen 26 der palästinensischen Konvention, der zur Vernichtung Israels aufruft, zu widerrufen, die Anerkennung Israels durch die PLO und den Willen zu bekräftigen..."

Diese Position wurde durch den Beschluss des 21. Palästinensischen Nationalrates 1996 bekräftigt. Besonders zynisch klingt, dass Vestner ständig von der "illegalen Einwanderung" der Juden spricht, wenn es um die Zeit vor der Staatsgründung Israels geht. "Illegal" sicher nach den Vorschriften der damaligen britischen Besatzungsmacht. Aber ob das angesichts der verzweifelten Versuche der Juden, sich vor der Vernichtung durch der Nazis zu retten, eine angemessene Weise ist, das Problem zu beschreiben, darf bezweifelt werden. Vestner scheint die zionistische Idee als solche zu verurteilen:

"Das 'verloren gegangene historische Land' Palästina sollte und musste es sein - eine Forderung, die das Rad der Geschichte um fast 2 000 Jahre zurückdrehen sollte."

Das klingt danach, als wäre ihm lieber gewesen, alle Juden hätten angesichts der Pogrome in Russland Anfang des Jahrhunderts nach Uganda flüchten müssen, wie die Regierung Großbritanniens es im Jahr 1903 vorgeschlagen hatte. Vestner bezeichnet die zionistischen Siedlungen abfällig als "schleichende Aggression".

Auch mit Details nimmt es Vestner nicht so genau: "Der Judenstaat" von Theodor Herzl wurde nicht 1892, sondern vier Jahre später publiziert. Und die Staatsgründung Israels war nicht am 9. April, sondern am 14. Mai 1948. Eine einfache Suche mit Google beweist das. Falsch ist es auch, von einer "einseitigen und tatsächlich völkerrechtswidrigen Proklamation des Staates Israel" zu sprechen. Auch hier hätte ein Blick in die UN-Resolution 181 aus dem Jahr 1947 die Perspektive zurechtgerückt:

"Unabhängige arabische und jüdische Staaten sowie das Besondere Internationale Regime für den Stadtbezirk von Jerusalem - ausführlich erläutert in Teil III dieses Planes - sollen zwei Monate, nachdem der Abzug der Streitkräfte der Mandatsmacht beendet worden ist, auf jeden Fall nicht später als am 1. Oktober 1948, zur Existenz gelangen."

Die Proklamation des Staates Israel sei "vom ersten Tag an zum 'Stachel im Fleisch' der arabischen Welt" geworden, deshalb "reagierte (!) die arabische Welt bereits am nächsten Tag mit einem Truppeneinmarsch". Kein Wort zum Beispiel über die Tatsache, dass die arabischen Regierungen schon während des Zweiten Weltkrieges Hitler unterstützt hatten, dass die jüdischen Siedlungen in den Jahren vor Ende des britischen Mandats ständigem Terror ausgesetzt waren, dass die Briten den arabischen Freischärlern Waffen und Unterstützung gaben - gegen die Juden.

Kein Wort über den fanatischen Judenhasser Amin el-Husseini, dem ehemaligen "Großmufti" von Jerusalem: der genoss die Unterstützung der Arabischen Liga und finanzierte mit dem von den Nazis während seines Exils in Berlin erhaltenen Geld die sogenannte Arab Liberation Army, die die Juden "ins Meer werfen" wollte. 1949 rief das Arab Higher Comittee, eine einflussreiche Gruppe palästinensischer Notablen, el-Husseini zum Präsidenten einer Gesamt-Palästinensischen Regierung im Gaza-Streifen aus. Diejenigen Attentäter, die 1951 den jordanischen König Abdullah ermordeten, gehörten zu einer Geheimorganisation, die der Grossmufti 1948 gegründet hatte, um "Palästina vor den Zionisten zu schützen".

Offenbar treibt auch Vestner ein "antizionistisches" Motiv. Er verliert kein Wort darüber, dass die Araber den UN-Teilungsplan eben nicht akzeptierten, sondern sich einig waren, den gerade entstandenen Staat Israel von der Landkarte auszuradieren. Der Autor der "vergessenen Geschichte" gibt als Grund für die Ablehnung an, die Araber hätten nicht akzeptieren wollen, dass ihnen das Land nicht anteilig und in Relation zur Bevölkerungszahl zugesprochen worden wäre. Auch das ist strittig: Ob es sich bei der einheimischen Bevölkerung um Araber oder gar um "Palästinenser" handelte, die - wie Vestner suggeriert - schon Jahrhunderte in Palästina wohnten, kann man durchaus kontrovers diskutieren.

Selbst Terroranschläge und Flugzeugentführungen erscheinen im "Encarta"-Artikel als ein legitimes Mittel der Politik, eine Art palästinensische Lobbyarbeit, für die man Verständnis haben muss:

"Die Weltöffentlichkeit hat sich für die Probleme der Palästinenser erst seit der ersten Flugzeugentführung durch Leila Khaled interessiert und seit Terroranschläge palästinensischer Organisationen mit Dutzenden oder Hunderten toter Israelis die Welt immer wieder daran erinnerten, dass die 'Nahostkrise' nach wie vor ungelöst war. Allzu plausibel und unhinterfragt erschien den meisten, dass Israel sich dagegen schützen müsse und dürfe, und sei es durch Krieg und Gegenterror."

Nach diese Logik kann man sehr leicht den Terror Usama bin Ladins und seiner Helfershelfer rechtfertigen als Maßnahme, die Welt auf Missstände und "ungelöste Krisen" aufmerksam zu machen.

Vestner fordert Israel auf, über seinen "zionistischen Schatten" zu springen. Arafat habe "seit dem Oslo-Abkommen die Hand so oft ausgestreckt, dass sie ihm wohl bald abfallen wird". Die Selbstmordattentäter, deren Familien eine Prämie bekommen, wenn sie sich und Israelis in die Luft sprengen - und zusätzlich von der palästinensischen Autonomiebehörde ein Rente, bleiben von solchen moralischen Appellen verschont.

Vielleicht muss Vestner also erst über den Schatten seiner eigenen Vorurteile springen, um jüdische Positionen wie etwa der von Amina Hass, Korrespondentin von Ha'aretz, zur Kenntnis zu nehmen: "Die Zukunft Israels und Palästinas liegt in den Grenzen von 1967". Der "Microsoft Encarta" täte es gut, bei diesem sensiblen Thema die Artikel besser redigieren zu lassen und ausgewogenere Positionen aufzunehmen.

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