Nichts als die Wahrheit oder Onkel Powells Märchenstunde?

06.02.2003

Endlich präsentiert die US-Regierung dem UNO-Sicherheitsrat "Beweise"

Fakten, Fakten, Fakten! Oder Onkel Powells Märchenstunde als "full multimedia blitz" für Ungläubige? US-Außenminister Colin Powell sprach jedenfalls von "facts and conclusions based on solid intelligence", als er dem UNO-Sicherheitsrat seine Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen vorlegte. Abgewiegelt hatte man bereits zuvor. Schon die sich über Monate hinziehenden Ankündigungen, ohne der Öffentlichkeit ein Preview der erdrückenden Beweise zu gewähren, verraten mehr, als man zugibt (Irak-Krieg von langer Hand vorbereitet). Schlagkräftige Beweise, um schlagkräftige Aktionen zu begründen, habe man nicht oder doch, aber nicht so richtig eindeutige, hieß es windelweich im rhetorischen Vorfeld von Colin Powells apokalyptischer Offenbarung.

Und dabei blieb es auch nach den ca. 75-minütigen Medienblitz. Die Himmelsspione bzw. NSA-Satelliten haben also geheimnisvolle Bewegungen aufgezeichnet: Mobile Waffenlabore, Chemiewaffensprengköpfe, Biowaffen-Fässer, die Wissenschaftler des Bösen auf der Flucht, vielleicht gar Aluminiumröhren zur Anreicherung von Uran?

Der Fantasie sind längst keine Grenzen mehr gesetzt, seitdem irakische Massenvernichtungsmittel nach dem Willen von Bush jr. zumindest durch die medial mit unkritischer Masse angereicherten Köpfe der Weltbevölkerung spuken. So präsentierte also sein Außenminister Vorher-Nachher-Fotos, auf denen sich angeblich zeigt, dass an diversen Anlagen verbotenes Material vor dem Eintreffen der UNO-Inspektoren entfernt worden sei. So seien Entseuchungsfahrzeuge gesehen worden, die die Bunker noch rechtzeitig gesäubert hätten. Abgehörte Telefongespräche von irakischen Dunkelmännern mit frechen Bemerkungen über den Unverstand der Waffen-Inspektoren und Versteckaufträge für brisantes Material machten die Beweislage perfekt. Alle Saddams lügen. Immer?

Powell hatte schon zuvor User-Anweisungen für den medialen Show-down vor dem militärischen Show-down in Bagdad gegeben. Man solle Sinne und Verstand anstrengen - um auch das zu sehen, was die US-Regierung schon seit längerem gesehen haben will. Propaganda ist eben nichts anderes als die politisch korrekte Exekution der Wahrnehmungspsychologie.

Unabdingbar wäre es gewesen, statt des Multimedia-Blitzkriegs ein öffentliches Dossier zu präsentieren, das nicht minder skrupulös studiert werden könnte wie der irakische Waffenbericht. TV ist gut, aber Kontrolle ist besser. Auch wenn es um die Berichte von ehrenwerten Männer geht, die nur ihren harten Männer-Job erledigen, um die Welt zu retten. "Seeing is believing" ist in einer Zeit der digitalen Datenmanipulation und vor dem Hintergrund der frechen Fakes des ersten Golfkriegs ein etwas zu kurzschlüssiges Wahrheitsprogramm, um schlüssige Beweise zu ersetzen. Weder Außenminister Fischer noch die Vertreter Frankreichs, Russlands und Chinas waren offensichtlich nach diesem Bildersturm endlich bekehrt, um nun auch in das Kriegsgeheul einzustimmen.

So blieb Colin Powells One-Man-Show nur eine legitimatorische Weichzeichner-Veranstaltung, um nun die längst gestellte Kriegsweiche noch einmal für unverbesserliche Friedensoptimisten und UNO-Gläubige nachzuölen. Gleichwohl, sie quietscht noch immer. Vielleicht sogar mehr denn je: Denn Beweise, die keine sind, sind noch schlechter als der Verzicht darauf. Und besser wird es auch nicht dadurch, dass Powell seine Blitzgala ebenso wie mit Satellitenfotos mit den altbekannten Vorwürfen garnierte: "Saddams Unmenschlichkeit kennt keine Grenzen." Dazu gehörte auch seine aufgewärmte Behauptung, dass Saddam Hussein entschlossen sei, in den Besitz der Nuklearbombe zu gelangen. Oder die "konservative Schätzung", dass der Irak 100 bis 500 Tonnen chemischer Waffen lagere. Schätzungen verwandeln sich selbst dann nicht in Beweise, wenn man auf weiteres solides "Wissen" der amerikanischen Geheimdienste verweist. Deren Erkenntnisse jedenfalls gehen nach Powells Worten noch über seine hochfliegenden Fotos hinaus, aber aus Sicherheitsgründen können sie nicht vorgelegt werden.

Unscharfe Fotos von eifrig buddelnden Irakis, von Architekturen, deren Funktion nicht auf ihrer Stirn geschrieben steht, von Fahrspuren, die von mobilen Waffenlabore stammen könnten, selbst entlarvende Zeichnungen (!) nach den Angaben von Exil-Irakern legte man vor, um die Multimedia-Show nicht langweilig werden zu lassen. Indizien über Indizien, dass einem die Augen so überquellen, bis man glauben soll, durch Vergrößerungsgläser zu sehen und doch nicht weiß, wo die Fata Morgana beginnt und wo sie endet. Blix und seine Männer vor Ort jedenfalls haben die heißen Spuren im Wüstensand nicht gesehen. Vom Winde verweht?

Statt dieser Show hätte man sich eine fundamental andere, eine seriöse Vorgehensweise der amerikanischen Regierung gewünscht: Warum hat man nicht die Inspektoren so rechtzeitig informiert, dass tatsächlich der Zugriff auf verbotenes Material erfolgreich gewesen wäre? Warum hat man nicht dank allmächtiger Satelliten wenigstens eine klitzekleine Aufnahme von einem aktuellen Versteck parat? Warum wurden die diversen Transporte nicht auf ihrem Weg beobachtet, um mehr über den Verbleib bzw. Bestimmungsort der eilends fortgeschafften Waffen zu erfahren? Bei der amerikanischen Allround-Überwachung des Irak nicht nur durch Satelliten, sondern auch durch Geheimdienstleute, V-Männer etc. hätte doch wenigstens eine Mausefalle zuschnappen müssen.

Das "Nadel-im-Heuhaufen-Argument" sticht nur auf den ersten Blick. Denn einerseits sollen es Tonnen über Tonnen von verbotenem Material sein, andererseits hat man bislang nicht die kleinste Messerspitze gefunden. Zugegeben: Irgendwo muss das biologische und chemische Teufelszeug geblieben sein. Schließlich haben die Amerikaner seinerzeit selbst geholfen, wenigstens einen Teil davon in den Irak zu bringen. Dass Saddam Hussein unter Geständniszwang leidet, ist auch nicht gerade zu vermuten. Aber wie ein Experte zu Recht bemerkte: "Wenn es allein um terroristisch taugliches Material geht, reden wir von kleinen Mengen, die in jedem Universitätslabor hergestellt werden können. Selbst wenn man das aufspürt, hätte man wenig erreicht, um solche Risiken zukünftig auszuschließen. Die Anthrax-Briefe in den USA wurden nicht in Bagdad, sondern im eigenen Lande hergestellt!"

Dieser Krieg wäre nur zu rechtfertigen, wenn Massenvernichtungswaffen in großer Zahl vorlägen, um gezielten Massenmord verüben zu können und auch die Absicht, das demnächst zu tun, hinreichend deutlich würde. Diesen Nachweis hat Colin Powell vor dem UNO-Sicherheitsrat definitiv nicht erbracht, stattdessen allein den Beweis, dass man auch vor zwielichtigen Offenbarungen nicht zurückschreckt, um diesen Krieg zu führen. Fazit: Non liquet!

Nun hat der seinerzeit von den USA aufgerüstete Schreckensherrscher allerdings nach CIA-Informationen angeblich bereits das Land verlassen. Vielleicht hat er dabei seine Arsenale des Bösen auch gleich mitgenommen. Doch auch dann wird Bush seine wüste Armada nicht zurückbeordern. Alles andere wäre ein arger Gesichtsverlust für einen Präsidenten, der sich augenscheinlich vieles leisten kann, aber keine Unentschlossenheit. In dieser wehrhaften Zivilisation ist es dagegen kein Gesichtsverlust, das Leben von Zigtausenden Ziviltoten mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit zu riskieren, wenn es der ausschließlich guten Sache und ihren kollateralen Nebenzwecken dient.

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