Der "eingebettete" Reporter

27.02.2003

Transparenz und Echtzeitjournalismus verspricht das Pentagon im zweiten Krieg gegen das Lügenregime Irak, bei dem alles anders sein soll, als beim ersten Mal

Dieses Mal wird alles anders, verspricht das Pentagon. In diesem Krieg, der für die Bush-Regierung längst beschlossene Sache ist, auch wenn immer noch so getan wird, als könne Hussein ihn noch vermeiden, wird die amerikanischen Öffentlichkeit eine "unglaublich starke Berichterstattung" vom Krieg erhalten und gewissermaßen in der ersten Reihe sitzen, um zu sehen, wie die amerikanischen Soldaten den Irak schnell und chirurgisch vom Bösen befreien.

Kritik war zuletzt im Afghanistan-Krieg laut geworden, da hier den Journalisten, wie gehabt, zunächst kein Zugang zur Front eröffnet wurde (Krieg gegen ein Land im Schwarzen Medienloch). Dafür wurde bekanntlich der arabische Sender al-Dschasira, der aus seiner Redaktion in Kabul die einzigen Bilder und Berichte aus dem Land brachte, "zufällig" von einer amerikanischen Präzisionsbombe getroffen. Die Journalisten durften sich hingegen in Pakistan drängeln und an den Pressekonferenzen der Amerikaner und der Taliban teilnehmen (Kriegswirtschaft). Erst mit dem Vorrücken der Nordallianz kamen auch Journalisten in die bombardierten Gebiete. Anders als die medienfeindlichen Taliban wird aber Hussein zumindest versuchen, bis vielleicht eine der vielbesprochenen "E-bombs" alles Elektronische zerschmilzt (Schon wieder eine neue "Wunderwaffe"), eine Art Gegenöffentlichkeit aufzubauen, die nicht unter der Kuratel des Pentagon steht.

Aber zurück zu Afghanistan. Wie weit die Medien im Kriegsfall überhaupt die unabhängige Instanz bleiben können, ist sicherlich eine schwierig zu beantwortende Frage. Auch in Anwesenheit von Journalisten wurden beispielsweise in Afghanistan Massaker ohne Konsequenz verübt. So hatten britische und amerikanische Bomber und später die Krieger von Warlord Dostum gnadenlos einige Hundert aufständische Gefangene in der Festung Kala-i-Dschangi niedergemacht. Fotos zeigten Leichen, die teils noch mit gefesselten Händen am Boden lagen, also kaum gefährlich sein konnten. Nur wenige entkamen dieser Hölle. Einer war der amerikanische Taliban Lindh (USA: Im Krieg ist das Recht eingeschränkt). Warum es zu diesem Massaker kam und ob es tatsächlich gerechtfertigt und kein Kriegsverbrechen war, blieb ebenso ungeklärt, wie das Massaker an Tausenden von Gefangenen Taliban (Das Massaker, das nicht sein darf) oder einige Fälle von sogenannten "Kollateralschäden". Untersuchungen) des Pentagon kamen hier in aller Regel zu keinen Ergebnissen (Beweise beseitigt?). Die Medien bestenfalls zu Vermutungen. Ansonsten diktiert der Sieger die Geschichte.

Der saubere Krieg

Natürlich will das Pentagon hier nicht für mehr Aufklärung und unabhängige Beobachter sorgen, sondern mit der neuen Medienstrategie nur geschickter die Journalisten an sich binden, indem sie, wie es so schön heißt, "eingebettet" werden. Zulassungsbeschränkungen gibt es auch hier, die Journalisten werden Einheiten zugewiesen, Bewegungsfreiheit haben sie keine. Krieg in Echtzeit für die aufgeregten Zuschauer an den Bildschirmen, die endlich den Höhepunkt des Reality-TV erleben wollen, wird es nach Zensur bestenfalls zeitversetzt und mit gewünschten Bildern geben. Jetzt freilich tönt die Pressesprecherin des Pentagon, Victoria Clarke, noch, dass die Journalisten von Anfang an die Kampfhandlungen auf dem Boden, in der Luft und auf dem Meer begleiten und die Zuschauer Echtzeit-Kämpfe sehen werden.

Die Journalisten werden zwar schon gleich einmal je nach Herkunft und Medium sowie nach Vertrauen zugeteilt, so dass die nicht-amerikanischen Medienvertreter vermutlich eher weit weg, beispielsweise auf Schiffen, stationiert werden. Clarke versichert, dass die einzigen Beschränkungen der Berichterstattung für die Informationen gelten sollen, "die den Erfolg einer Mission beeinflussen" oder das "Leben von Menschen in Gefahr bringen können". Ausschließen will sie nicht, dass die Zuschauer vielleicht auch live den Tod eines amerikanischen Soldaten sehen können, aber man kann sicherlich davon ausgehen, dass der Krieg, soweit dies das Pentagon kontrollieren kann, "sauber" sein wird (Patrick J. Sloyan: What Bodies?). Im ersten Goldkrieg hatte man beispielsweise schnell mit Raupen toten irakischen Soldaten in den Schützengräben und in den getroffenen Fahrzeugen und Panzern unter dem Sand verscharrt. Wenn es nicht die Bilder von der "Straße des Todes" gegeben hätte, so hätte der Krieg trotz Zehntausenden von Toten tatsächlich ziemlich "sauber" mit zerstörten und ausgebrannten Fahrzeugen ausgesehen.

Der damalige Verteidigungsminister und jetzige Vizepräsident Cheney war jedoch anderer Meinung, was vermutlich auch einige Implikationen für den zweiten Irak-Krieg mit seiner Beteiligung besitzt: "Das war der am besten dokumentierte Krieg. Die amerikanischen Menschen sahen mit ihren eigenen Augen durch die Magie des Fernsehens von ganz nah, was das US-Militär zu leisten imstande war."

Zum Thema siehe auch: Hartmut Schröter: Operation Wüstensturm - Der saubere und gerechte Krieg in Echtzeit. Bilder einer Fotoinstallation von 1991.

Transparenz gegen Propaganda?

Aber dann gibt es natürlich doch die vom Pentagon nach "zahllosen Stunden" mit Medienvertretern festgelegten Regeln, obgleich eigentlich den Journalisten weitgehend vertraut werden könne, dass sie die Streitkräfte mit ihren Berichten nicht gefährden. Ob dann auch Journalisten weiter eingebettet bleiben, die unerwünschte kritische Berichte liefern? Für Disziplin sorgt wahrscheinlich schon die Androhung, sie und ihr Medium könnten ganz ausgeschlossen werden.

Aber von diesen Dingen spricht man eher nicht, schon lieber von dem Prinzip der Offenheit, mit dem das Pentagon der irakischen Propaganda entgegen treten will: "Wir gehen gegen Menschen vor, die Meister der Lüge, der Täuschung und des Verbergens sind." Und die Lügen, die Eingang in die Medien finden, erhalten dann den Anschein von Wahrheit und werden glaubhaft. Ob aber die Menschen wirklich überzeugt davon sind, dass die "eingebetteten", also nicht gerade unabhängigen Journalisten die reine und umfassende Wahrheit berichten werden, wie dies Clarke als Ergebnis der neuen Pentagon-Strategie gerne hätte, darf oder sollte doch bezweifelt werden.

"Für uns ist es eine Sache, aufzustehen und beispielsweise wahrheitsgemäß zu sagen, dass Saddam Hussein Zivilisten in die Nähe von militärischen Einrichtungen und umgekehrt postiert hat. Es ist etwas Anderes und Mächtiges, wenn NBC oder CNN International der Welt mit ihren eigenen Bildern und Worten zeigen, dass er dies tut." Aber wenn es sich dann um freiwillige Schutzschilde handelt und/oder die Amerikaner trotz des Wissens, dass sich hier Zivilisten aufhalten, bombardieren, dann wäre womöglich das Pentagon nicht mehr so glücklich, wenn nicht nur, wie offenbar erwünscht, patriotische US-Sender, sondern auch solche von anderen Ländern vor Ort wären (Aufmerksamkeitswaffen).

Allerdings werden die Journalisten vom Pentagon, wie auch erst am 26. Februar wieder, schon vor oder bei Bombardierungen stets darauf hingewiesen, dass der Feind militärische Ziele durch zivile Einrichtungen und Zivilisten schützt und Vorfälle inszeniert, um sie propagandistisch auszubeuten. Das gehört im Medienkrieg zur beiderseitigen Strategie, die Opfer sind auf jeden Fall die Zivilisten. Wie jetzt wurde dies auch im Afghanistan-Krieg gemacht, wobei man hier wiederum auf Beispiele aus dem ersten Irak-Krieg sowie aus dem Kosovo-Krieg zurückgriff (Verbergen und Täuschen).

Auch wenn nichts dafür spricht, dass dieser Krieg, wenn er denn beginnen sollte, unter einer größeren unabhängigen und kritischen Öffentlichkeit stattfinden wird, so darf man trotzdem zumindest auf die versprochene Einlösung der Transparenz gespannt sein - und sollte die US-Regierung, die als gute Befreiungsmacht gegenüber einer bösen Tyrannei sowie als Instanz der Aufrichtigkeit gegenüber einem System der Lüge und Täuschung antritt, auch daran messen. Nach all dem, was bislang geschehen ist, dürfte das erste Opfer eines Krieges aber trotz aller Echtzeitmedien und Pentagon-Propaganda dasselbe Opfer wie immer sein. Aber was ist schon Wahrheit? Noch dazu in einem möglicherweise postmodernen Krieg ...

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