Stell Dir vor, es ist Krieg und Du schreibst ein Gedicht

12.03.2003

Zur Gesinnungsästhetik der Kriegsgegner

Dass Kunst, Poesie und Literatur dem Kriege tributpflichtig sind, vermittelt bereits ein oberflächlicher Blick auf die wechselvolle Geschichte ihrer Dauerliaison. Der Krieg motiviert zu künstlerischen Höchstleistungen, ob nun bei Homer oder Shakespeare, Goya oder Picasso, Ludwig van Beethoven oder Jimi Hendrix.

Dass Kultur- und Mediengeschichte vom Krieg im guten wie im schlechten Sinne beheizt werden, ist schon vor Friedrich Kittlers Pulverdampftheorie (vgl. Kriegsmediengeschichte als Kulturwissenschaft) bekannt gewesen. Kein Dokument der Kultur, das nicht zugleich eines der Barbarei sei, meinte etwa Walter Benjamin. Die propagandistische Indienstnahme der Kunst wird nicht erst im 20. Jahrhundert mit einer kritischen Kunst konfrontiert, die ihre großen Themen in der Anklage des Krieges, seiner Ächtung und Verachtung findet.

Auch der angekündigte Irak-Krieg trommelt gegenwärtig zur globalen Mobilmachung der Künstler (vgl. Weltweite Netzdemo der Bilder gegen Krieg und Zensur), ihren Glauben und den ihres Publikums gegen den Krieg zu artikulieren. Immer mehr Künstler reihen sich in die politisch korrekte Frontlinie ein und sei es auch nur mit bunten Friedensfähnchen oder dem dekorativen Antikriegssticker zum Sofortverständnis. Soweit diese eilig zusammengemixte Kunst als gesellschaftliches Spektakel hilft, ihre demokratischen Stimmungen in die Kommandozentralen von Politik und Militär zu spülen, mag sie nicht wirkungslos sein. Doch ihr wichtigtuerischer Gestus und aufdringlicher Populismus lässt nicht übersehen, dass ihre ästhetische Bedeutung so gering ist wie ihr Mut groß, auch den antibellizistischen Gesinnungskitsch im reichen Maße sprudeln zu lassen. Der Mut, die Wahrheit zu schreiben, von dem Bertolt Brecht sprach, scheint heute zur Ausverkaufsware zu werden.

Die Wirkungsmächtigkeit von Antikriegskunst ist dagegen eine diffizile Sache, wenn sie eine echte ästhetische Auseinandersetzung sucht und nicht am Format des Unfasslichen scheitern will. "Nie wieder Krieg" ist so eindimensional wie die ontologische Kriegserklärung, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. Protestkunst ist in ihren fragilen Wirkungen vielleicht nicht allzu weit von jenen zahlreichen Kriegen entfernt, die geführt wurden, um nie wieder Kriege zu führen. Der erste Weltkrieg war im Verständnis der damaligen Patrioten, den heutigen bis zur Kenntlichkeit ähnlich, ein solcher Kriegsbeendigungskrieg, der zugleich die Kunst mächtig inspirierte, vehement gegen die Barbarei staatlich sanktionierten Massenmords zu klagen. Der Erfolg dieses friedenstiftenden Kriegs wie seiner künstlerischen Kritik hielt sich in überschaubaren Grenzen, wenn auch solche bedeutenden Werke der Antikriegskunst wie etwa jene von Otto Dix entstanden. Doch schon das folgende Großmassaker irritierte die Friedensliebe einiger Künstler, ob nicht der "ultima ultima ratio" doch irgendwann zu folgen wäre.

Wenn Kunst heute mehr als larmoyante Begleitmusik oder "We shall overcome-Romantik" des aufziehenden Irakkrieges liefern will, müsste sie sich ihrer genuinen Mittel besinnen. Denn ihre Wirkung resultiert nicht aus einer solidarisierenden Gesinnungsästhetik, sondern könnte nur einer Sprache entspringen, die mächtiger wäre als die pseudorationale Rhetorik der Kriegstreiber, ihre Profitgier und ihre schlecht kaschierte Lust am Kriege. Anderenfalls reden wir über Stimmungen, die edel und gut sein mögen, aber längst keine künstlerische Bedeutung haben. Die poetische Kraft der Kriegsapologeten scheint mitunter sogar weiter zu reichen als die poetischen Anklagen, die in der Fünf-Minuten-Terrine zum pazifistischen Dauerlamento überkochen.

Die vollmundige Kreuzzugsrhetorik zwischen "Achse des Bösen", "Rettung der Zivilisation" oder die martialischen Inszenierungen des Bomberjacken-Bushs vor seinen applaudierenden Truppen sind ästhetische Zeichen und propagandistische Aktionskunst, die erst einmal künstlerisch gekontert werden müssten. Wo sind gegenwärtig die großen Ikonen wie "Guernica", die den Krieg so denunzieren, dass selbst seine Gläubigen an ihrer Mission irrewerden könnten? Musicians United To Win Without War - das klingt sehr harmonisch, aber was hat das mit Musik zu tun? Ohrenscheinlich besitzt die künstlerische "frontline assembly" noch nicht die neue Tonart, von der sich der längst vergessene Tuli Kupferberg erhoffte, sie würde die Mauern der Stadt erzittern lassen. Ist es nur das selbstgefällige "stay tuned" einer vorübergehenden Einigkeit der Einzelgänger?

Was richtet das Bombardement von bisher 15.000 und ständig mehr nachwuchernden Gedichten aus, wenn nicht ein einziger Simplicius Simplicissimus es auf den Dollpunkt der Geschichte bringt? Die künstlerische Anklage des Krieges ist im Westen nichts Neues, aber allein wenn es etwas Neues wäre, wäre es doch erst eine Anklage, die den Namen "Kunst" verdient. Wenn nun das Projekt Lysistrata weltweit Theatergruppen zur Nachinszenierung des vor fast zweieinhalb tausend Jahren vorgestellten Sexstreiks aufruft, scheint die gutmeinende Volte gegen den Krieg doch künstlerisch nicht allzu viel dazu gelernt zu haben.

Denn dass der Krieg eine Lust ist, die noch jedem Triebstau seine explosive Abfuhr garantiert, ohne sich vor Mamis Sexverweigerung ernsthaft fürchten zu müssen, wäre doch erst das künstlerisch fruchtbarere Wissen. "New York THeaters Against War" (THAW) versteht sich als Koalition von Theaterkünstlern mit der Idee, das Theater als ein natürliches Vehikel gegen den Krieg und den Angriff auf die bürgerlichen Freiheitsrechte zu nutzen. Aber das Bild des Vehikels verlädt die Rezipienten dann auch nicht zu viel mehr als zu dem kreativen Vorschlag, THAW-Logos als Werbeträger auf T-Shirts zu tragen. Die NO-LOGO-Generation (vgl. Am Anfang war das Logo) entdeckt pazifistisch ehrenwertes "protest branding", das im Vietnam-Songbook nach den so austauschbaren wie immergrünen Slogans und Mottos gegen den Krieg zu fahndet.

Dabei mag man sich auf Bob Dylan berufen, aber nicht auf Bertolt Brecht, der in den "Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit" bestimmten Künstlern beschied, nicht mehr zu sagen als "Niemand kann etwas dagegen machen, dass der Regen nach unten fällt." Denn in den Aktionen von THAW und den anderen Friedensstreitern erleben wir das unoriginelle Protestrevival der 60er- und 70er-Jahre, verkoppelt mit den medialen Instrumenten des Netzes, ohne damit je zu einer künstlerischen Wahrnehmung des von Bush propagierten Blitzkrieges vorzudringen. Bushs "vision thing" einer irakischen Musterdemokratie wäre mit künstlerischen Visionen zu konfrontieren, die ihre Fantasie aus der von Washington humanitär zurechtgebombten Wirklichkeit schöpfen und sich nicht nur auf die Rhetorik der Vision bescheiden.

Vielleicht jedoch brauchen wir in diesen Tagen ohnehin weniger ästhetische Zeichen als eine unpathetische Entlarvung der Kriegslügen, die längst vor unserer Zeit zu den ewig gleichen Beschwörungen des ultimativen Menschheitsglücks geworden sind. "Poesie kann uns klar machen, dass das Leben eines Irakers genauso viel wert ist wie unser Leben. Es ist genauso einmalig, hat genauso viele Erwartungen und Hoffnungen wie zum Beispiel die Opfer des Anschlags auf das World Trade Center", erklärt uns die offiziell gepriesene Dichterin aus Connecticut, Marilyn Nelson. Hätten wir doch gedacht, dass dieses Wissen keiner Poesie mehr bedarf.

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