Texas has the Bomb

Überlegungen zu den Motiven des Irak-Kriegs und ein Interview mit J. R. Ewing II., CEO von Ewing Oil Inc., Dallas, Texas

Der Irak-Krieg birgt Rätsel. Warum ist die Regierung Bush II so fest entschlossen ihn zu führen, gegen einen weltweiten Widerstand, Protesten im eigenen Land und ungeachtet der wahrscheinlichen Folgen? Uns ist es gelungen J.R. Ewing II, CEO von Ewing Oil Inc., Dallas, Texas in dieser Sache zu befragen.

Kriegsfolgen

Abschätzbar sind die ökonomischen und politischen Folgen dieses Krieges. Der Bremer Ökonomen Rudolf Hickel hat ausgehend von den Berechnungen des Yale-Ökonomen William D. Nordhaus die ökonomischen Kollateralschäden durchgerechnet. Sein Resultat ist niederschmetternd. Das Worst Case Scenario fasst er in der folgenden Tabelle zusammen:

  1. Schwerpunkte der Kosten
  2. Langer Krieg (Worst Case)
  3. Militärische Ausgaben (direkt) 140 Mrd. $
  4. Folgekosten (indirekt) für die Dekade von 2003 bis 2012
  5. Besatzung und Friedenserhaltung 500 Mrd. $
  6. Wiederaufbau und Infrastruktur 105 Mrd. $
  7. Humanitäre Hilfeleistungen 10 Mrd. $
  8. Auswirkungen des Ölpreiseffekts 778 Mrd. $
  9. Makroökonomische Auswirkungen (Keynes Effekt) 391 Mrd. $
  10. Direkte und indirekte Kosten 1.924 Mrd. $

Angenommen wird ein Anstieg des Ölpreises auf 75 $ für längere Zeit sowie internationaler Gegenterror. Eine tiefe Vertrauenskrise breitet sich aus. Der Konsum bricht zugunsten des Angstsparens zusammen. Sinkende Gewinnerwartungen führen zum Rückgang der Sachinvestitionen. Die Aktienkurse stürzen ab. Die Weltwirtschaft stürzt endgültig in die Rezession.

Der forcierteVerfall des US $ gegenüber dem Euro führt zu einem Rückzug des ausländischen Kapitals aus den USA. Die Finanzierung des Doppeldefizits- öffentlicher Haushalt und Leistungsbilanzdefizit - durch ausländisches Kapital bricht in sich zusammen. Die Vorteile aus der US $-Abwertung für die Exportwirtschaft vermögen diese Nachteile nicht aufzuwiegen. Die Geldpolitik schaltet wegen wachsender Inflationsrisiken - vor allem durch die hohen Ölpreise - auf restriktiven Kurs um. Die Finanzpolitik verliert mit den wachsenden Staatsschulden an Manövrierfähigkeit. Insgesamt stürzt die Gesamtwirtschaft in eine tiefe Rezession.

Noch nicht berücksichtigt wurden in diesem Szenario zwei weitere krisenverschärfende Belastungen. Einerseits würde ein Krieg im Irak die gesamte Region massiv destabilisieren. Eine sich schnell ausbreitende islamische Bewegung könnte die Öloligarchien in den Golfstaaten zum Einsturz bringen. Zum anderen wäre mit einem neuen Schub beim internationalen Terrorismus zu rechnen.

Fazit: Ein Krieg gegen den Irak wäre heller Wahnsinn

Man darf davon ausgehen, dass auch der Regierung Bush II diese Kriegsfolgen bekannt sind, schließlich besteht sie zu wesentlichen Teilen aus Managern der Ölindustrie. Damit stellt sich die verstörende Frage: Was verspricht sich die Regierung Bush II von einer Weltwirtschaftskrise, bzw. warum hat sie keine Angst davor ?

Die Erklärungen, die auf dem Markt gehandelt werden, leiden an einem entscheidenden Mangel: Sie sind unplausibel.

Blut für Öl

Blut für Öl. Die Hypothese: Marx lebt!

Bush, so wird unterstellt, will das Öl des Irak für die amerikanischen Ölkonzerne erobern, und diese wollen dann den Weltölmarkt beherrschen und den Ölpreis auf 10$ pro Barrel drücken.

Diese Hypothese hat einen entscheidenden Mangel: Die Ölförderung ist teuer, aufwendig und anfällig gegen Sabotage. Die Irakische Ölförderung liegt nach 10 Jahren Embargo am Boden, man müsste erst einmal eine neue Förderinfrastruktur aufbauen, das dauert Jahre und kostet Milliarden, mehr Kapital als die US-Konzerne allein aufbringen könnten. Sie müssten also internationale Konsortien bilden und dann müsste man weitere Jahre ungestört und in Frieden das Öl vermarkten.

Nur, wo soll der Frieden herkommen nach einem Überfall auf den Irak? Wahrscheinlicher ist eher, das der Irak in Bürgerkrieg und Revolution untergeht, der Partisanenkrieg, der bisher auf Palästina begrenz ist, ubiquitär wird und auch noch andere Ölförderländer im Chaos versinken. Und welcher Konzern investiert schon dreistellige Milliardensummen in die Unsicherheit? Statt Gelegenheit zu profitabler Investition zu schaffen, gefährdet ein Irakkrieg vorhandene Investitionen. Die internationale Gilde der Ölmanager ist daher auch strikt gegen diesen Krieg. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Ölmanager in der Bush Administration dies auch wissen. Warum wollen sie trotzdem diesen Krieg?

Wenn es um die Kontrolle des irakischen Öls und einen niedrigen Ölpreis ginge, dann wäre eine gänzlich andere Politik erfolgversprechender: Die sofortige Aufhebung der Sanktionen gegen den Irak und das Anwerfen der großen Korruptionsmaschine. Die Hypothese "Blut für Öl" funktioniert schon aus technischen Gründen nicht zur Erklärung der Politik von Bush II. Was J.R. Ewing von ihr hält, haben wir ihn gefragt.

Das neue Rom

Das neue Rom. Die Hypothese: Sir Halford Mackinder und Carl Schmitt leben!

Es geht nicht ums Öl, es geht um Geostrategie, so ist die Annahme. Bush II nutze ein kurzes Zeitfenster, (die Europäer sind zerstritten und daher schwach, ihre handlungsfähige Einheit ist erst auf dem Weg, Russland ist ruiniert und China ist noch nicht so weit) um geostrategische Pflöcke einzuschlagen. Das Ziel sei es mit Hilfe von Militärpräsenz und Marionettenregimen eine Neuordnung der ganzen Region von Ägypten bis zur Südgrenze Russlands und zur Westgrenze Chinas nach amerikanischen Bild herbeizuführen, treue Vasallen zu schaffen, die den american way of live übernehmen und so die amerikanische Vorherrschaft für das 21. Jahrhundert auch an dieser Flanke zu sichern.

Die Methode ist die alterprobte, die schon in verschiedensten Staaten, von Deutschland bis Chile äußerst erfolgreich war: Man fördere blutrünstige Diktatoren, stürze sie dann und man wird danach im eroberten Lande als selbstloser Kämpfer für Demokratie und Freiheit begeistert gefeiert. Das ganze nennt sich nation-building und soll auch bei einer Demokratisierung des Irak funktionieren. Dies soll dann auf andere Feudalstaaten ausstrahlen, namentlich auf Saudi-Arabien, Ägypten und den Iran.

Am Ende steht die Vision eines neuen Rom, ein weltweites amerikanisches Imperium mit loyalen Untertanen.

Der Mangel dieser Hypothese ist, dass die Methoden von Bush II für dieses Ziel höchst ungeeignet erscheinen. Das Romische Reich funktionierte nur, weil es auf zwei Säulen ruhte: auf seiner Militärmaschinerie und auf dem römischen Recht. Ohne Bürgerrechte für alle Völker des Imperiums hätte das Imperium wohl kaum Stabilität gewonnen, da es keine Loyalität gegeben hätte. Was damals das römische Recht war, ist heute das internationale Völkerrecht. Und mit diesem kann Bush II bekanntlich wenig anfangen. Für eine Politik des neuen Roms war die Politik Clintons daher allemal erfolgreicher. In seiner Regierungszeit gab es eine globale Loyalität mit den USA, Bush II zerdeppert sie gerade. Auch diesen Komplex haben wir in unserem Interview mit J.R.Ewing angesprochen.

Das neue Jerusalem

Das neue Jerusalem. Die Hypothese: Wir leben wieder im 16 Jahrhundert.

Bush II hatte, so berichtet die Legende, ein religiöses Erweckungserlebnis und liest seitdem täglich in der Bibel. Mit ihm sei der christliche religiöse Fundamentalismus an die Macht gekommen. Seit 9/11 gibt es einen weltweiten Religionskrieg zwischen dem islamischen Fundamentalismus und dem amerikanischen. Und Amerika, "God's own country", hat eine Mission, einen göttlichen, eschatologischen Auftrag die Welt zu erlösen. In diesem endzeitlichen Kampf zwischen Gut und Böse kann es keine Kompromisse geben. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns und wer gegen uns ist, ist ein Vertreter des Antichrist. Und deshalb muß der Krieg gegen den Irak geführt werden.

Auch diese Hypothese hat ihre Mängel. Es ist recht unwahrscheinlich, dass die amerikanische Regierungsmannschaft, die zu einem großen Teil aus Industriemanagern und erfahrenen höheren Beamten besteht, ein kollektives religiöses Erweckungserlebnis hatte, das sie blind macht für die Folgen ihres Tuns.

Um Klarheit zu gewinnen haben wir J.R. Ewing II, CEO von Ewing Oil Inc. Befragt.

Was gut ist für Texas, ist gut für Amerika

Mr. Ewing, wir freuen uns, dass Sie Zeit für unsere Fragen finden konnten.

J.R.Ewing: Sie haben 10 Minuten.

Mr. Ewing, was denken Sie über den Krieg gegen den Irak?

J.R.Ewing: Ich denke, unsere Jungs in Washington machen eine sehr gute Arbeit.

Der Ökonom der Yale-Universität, William D. Nordhaus, hat enorme Folgekosten eines Irak Krieges errechnet. Er schätzt sie in einem Worst Case Scenario auf fast 2000 Mrd. $.

J.R.Ewing: Wenn er Professor an der Yale Universität ist, wird er wohl rechnen können.

Nordhaus schätzt das der Ölpreis für längere Zeit über 75 $ pro Barrel steigen wird.

J.R.Ewing: Davon muss man ausgehen.

Analysten hoffen nach einem schnellen Sieg auf einem Ölpreis von 10$ pro Barrel und auf das Ende des OPEC Kartells.

J.R.Ewing: Um Gottes willen! Schon bei einem Preis unter 30$ wird es für einige von uns eng, erst ab 40$ brummt das Geschäft, aber wir hoffen auf weit mehr. Die OPEC, die garantiert doch keinen vernünftigen Ölpreis mehr. Überlegen Sie doch mal, warum wir soviel Dollars hingelegt haben, um unsere Jungs an die Regierung zu bringen.

Die USA sind der zweitgrößte Ölproduzent der Welt. Aber die Ressourcen gehen zur Neige.

J.R.Ewing: Jetzt haben Sie das Problem verstanden. Deshalb ist ein anständiger Preis das alles Entscheidende.

Politische Beobachter rechnen mit einem Umsturz der Öloligarchien in den Golfstaaten, z.B. in Saudi Arabien.

J.R.Ewing: So ein ähnliches Projekt hatte ich auch schon einmal, das war, glaube ich, in der Folge 220 und später. Ich wollte damals die saudische Ölproduktion sabotieren, aber natürlich mit viel bescheidenderer Mitteln. Das ging gründlich schief und ich bekam gewaltigen Ärger mit dem Justizministerium. (flucht bei dem Gedanken, beruhigt sich aber wieder) Aber heute haben wir ja zum Glück unsere Jungs in der Regierung.

Der schon erwähnte Ökonom der Yale-Universität, William D. Nordhaus rechnet mit einem Totalabsturz der Aktienkurse.

J.R.Ewing: Ja, aber doch nicht beim Kurs unserer Ölaktien.

Es könnten eine Reihe amerikanischer Konzerne Pleite gehen.

J.R.Ewing: Sie meinen, wie Enron? Die meisten sind doch eh völlig marode und können ihre Pensionen bald nicht mehr bezahlen. Da muss sowieso aufgeräumt werden. Und wir brauchen ja auch Anlagemöglichkeiten für unsere bald wieder sprudelnden Ölmilliarden.

Ökonomen rechnen mit einer Weltwirtschaftskrise.

J.R.Ewing: Europa und China können sowieso einen Dämpfer vertragen, die sind in letzter Zeit zu aufmüpfig geworden. Und die USA brauchen immer eine neue Herausforderung.

Viele Beobachter rechnen mit neuen terroristischen Anschlägen, so wie bei den WTC Anschlägen in New York.

J.R.Ewing: Wir sind hier in Dallas, Texas. New York ist über 1,500 Meilen weit entfernt.

Präsident Bush gilt als sehr religiöser Mann. Welchen Anteil spielt ihrer Ansicht nach sein christlicher Glaube bei seiner Politik?

J.R.Ewing: Die meisten Texaner gehen jeden Sonntag in die Kirche. Wir leben hier nach dem Grundsatz: Gott hilft dem Erfolgreichen.

Wenn alles so kommt, wie skeptische Beobachter und Ökonomen erwarten, also Explosion des Ölpreises, Absturz der Aktienkurse, weltweite Wirtschaftskrise und neue Terroranschläge könnte es schwierig werden mit der Wiederwahl von Bush.

J.R.Ewing: Wieso? Was gut ist für die texanische Ölindustrie, ist auch gut für Texas, und was gut ist für Texas, ist gut für Amerika.

Leidet unter der Politik von Bush nicht das Ansehen der USA?

J.R.Ewing: Wieso? Was gut für Amerika ist, ist auch gut für die Welt. (guckt auf die Uhr) Leider habe jetzt keine Zeit mehr für Sie, Termine, Sie verstehen.

Herr Ewing, wir danken für das Gespräch.

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