Die Helden und die Schurken

Florian Rötzer 14.03.2003

Mittlerweile lassen sich zum Nachspielen der Zeitgeschichte auch Bush, Hussein, Osama oder Blair als Puppen erwerben

Passend für die Darstellung der Zeitgeschichte und die Reaktion auf sie sind sicherlich nicht mehr Puppen, sondern am ehesten schon Computerspiele. Hier sind Bin Ladin und Saddam sowie ihre Gegner auch bereits verewigt bzw. virtualisiert worden, was ja nicht dasselbe sein muss.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Der Irak-Konflikt und seine Folgen sind schon Thema einer interaktiven comic-haften Darstellung geworden (Gulf War 2 aka World War 2.5). Ironische Websites über die transatlantischen Spannungen und das Cowboy-Selbstbild patriotischer Amerikaner halten auch die brodelnden (Ver)Stimmungen fest (Die Cowboys und Cowgirls).

Im Krieg gegen den Terrorismus und gegen Hussein durften wir schon lange mitmischen, es gibt mittlerweile sogar ein kleines Spielchen mit Waffeninspekteuren. Besonders schlecht geht es schon lange dem bösen Osama, der in vielen Varianten erschossen, gequält oder gejagt werden kann. Neu hingegen ist die Animation Time to bomb Saddam, in dem Bush und Powell feixend beschließen, Saddam zu bombardieren und ihm letztlich eine Bombe in den Hintern stecken - irgendwie ist dieser Krieg offenbar untergründig ziemlich sexuell aufgeladen. Die Flash-Animationan kann man an seine Freunde verschicken - möglichst wahrscheinlich nicht an die im Nahen Osten.

Einige der Spieler des Irak-Konflikts können nun auch als Puppen erworben werden, um den Kindern die gegenwärtigen Medienhelden im Kampf zwischen Bösen und Guten näherzubringen. Die wichtigsten Figuren sind natürlich Saddam Hussein, George Bush und Usama bin Ladin, aber auch Tony Blair und Rudy Giuliani wurden in die Heldengalerie aufgenommen oder der "amerikanische Taliban" Walker.

Emil Vicale, der die Puppen über die Website Hero Builders anbietet, sei angeblich durch die Anschläge vom 11.9. "unglaublich ärgerlich" geworden. Bei Toy Builders kann man auch Puppen mit den Gesichtern von sich selbst oder anderen Personen mit Rapid Prototyping herstellen lassen, aber die Helden und Schurken sollen wollen das Geschäft ankurbeln.

Zunächst hatte man nur die Guten wie Bush, Blair oder Giuliani angeboten. Der Erfolg scheint mager gewesen zu sein. Die Menschen brauchen die Bösen. Das belebt die Fantasie. Also fertigte der "unglaublich Ärgerliche" eben auch Osama und Saddam. Dann liefen die Geschäfte schon wesentlich besser. Und dann hatte er noch einen Einfall: Er steckte Usama in eine Barbie-Bekleidung.

Das fanden offenbar nicht alle nur lustig, wie die Hate Mails zeigen, aber mittlerweile gibt es noch weitere Kostüme. Gezeigt wird natürlich nur die "offizielle" amerikanische Version: Bush standardmäßig in Kampfanzug oder in T-Shirt mit einem Osama-Wanted-Poster bzw. einer "Präsidentenkleidung", Osama als Tunte in rosa Frauenkleidern oder Hussein in Sado-Maso-Ausstattung. Das gibt möglicherweise einen tiefen Blick in manche amerikanische Seele. Doch die Bekleidung ließe sich natürlich auch austauschen: mit Bush als Tunte oder Blair als SM-Adept.

Ein Vorschlag von Hero Building, die Puppen aufzustellen

Neuester Gag sind sprechende Osama- und Bush-Puppen. Osama muss tuntenhaften Nonsense sprechen, Bush darf seine "I can hear you"-Sätze äußern. Aber im transatlantischen Sinne wäre die Galerie der Guten und Bösen im Irak-Konflikt sicherlich noch ergänzungsfähig. So fehlen Chirac und Villepin, Schröder und Fischer, Berlusconi oder Aznar, die man dann je nach Einstellung zu den Guten oder Bösen stellen und entsprechend bekleiden könnte.

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14377/1.html
Kommentare lesen (81 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS