Aufmerksamkeit

The Holocaust on your Plate

Ernst Corinth 16.03.2003

Wie die Tierrechtler von PETA den Holocaust benutzen

Vergleiche hinken gern ­ das ist bekannt. Historische Vergleiche dagegen hinken nicht nur, sondern sie sind meist heikel, sorgen aber, gezielt eingesetzt, für öffentliche Aufregung und Aufmerksamkeit. Und wie man Aufmerksamkeit erregt, das wissen die Aktivisten von "People for the Ethical Treatment of Animals" (PETA) recht genau.

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Da lassen also in harmloseren Fällen Prominente für eine Anti-Pelz-Kampagne der weltweit angeblich größten Tierrechtsorganisation schon mal alle Hüllen fallen oder PETA schaut den Fleisch fressenden Männern gleich in die Hosen, um nachdrücklich vor Schweinefleisch und drohenden nachhaltig schlappen Würstchen zu warnen:

"Schlankere sexy Vegetarier haben auch die Oberhand, wenn es um Vitalität und eine bessere Durchblutung der ach-so-lebenswichtigen Organe geht. Und sind wir doch mal realistisch: ein Mann, der sich in der Küche den Bauch mit toten Schweinen vollstopft und dann im Schlafzimmer nur noch tote Hose ist, wird schnell ganz schön langweilig!

Ohne Schwein im Einkaufswagen läuft mehr im Schlafzimmer!"

Dass Vegetarier sexy und besonders potent sind, mag ja sein. Doch dass der Verzicht auf Fleisch auch für eine bessere Durchblutung des Gehirns sorgt, muss nach der neuesten US-Kampagne von PETA arg bezweifelt werden. Aber offenbar sind den Tierrechtlern schon lange alle Mittel recht: Unter dem Titel "The Holocaust on your Plate" zeigt die Organisation nämlich seit einigen Wochen - auch im Internet unter Masskilling- eine Ausstellung, die Bilder der Holocaust-Opfer mit in Schlachthäusern getöteten Tieren vergleicht.

Links sieht man dann in einer Netz-Slideshow beispielsweise einen Leichenberg aus ermordeten KZ-Häftlingen, rechts dagegen einen Berg toter Schweine. Oder das Bild eines abgemagerten Holocaust-Opfers wird der Aufnahme eines ausgezehrten Tieres gegenübergestellt. Dazu liest man Sätze wie: "Während der sieben Jahre zwischen 1938 und 1945 wurden 12 Millionen Menschen im Holocaust ermordet. Die gleiche Anzahl von Tieren wird allein in den USA alle vier Stunden für die Produktion von Nahrung getötet."

Da PETA vermutlich geahnt hat, dass ihre Ausstellung auf Kritik stoßen werde, werden als Rechtfertigung Zitate prominenter Literaten und Philosophen bemüht:

"In relation to [animals], all people are Nazis; for [them] it is an eternal Treblinka." - Isaac Bashevis Singer

"Auschwitz begins wherever someone looks at a slaughterhouse and thinks: they're only animals." -Theodor Adorno

Dabei wird natürlich ausdrücklich angemerkt, dass Adorno Jude gewesen sei. Denn wenn ein Jude so etwas sagt, meint offensichtlich PETA, dann dürfen auch Tierrechtler so etwas behaupten.

Aber die Verwendung des Holocaust im Kampf für die Rechte der Tiere ist keinesfalls neu. Bereits im Frühjahr 2000 hat PETA den Vatikan gebeten, "Tiere in das historische Schuldbekenntnis als achten Punkt aufzunehmen und sich öffentlich auch für den Holocaust, begangen an Milliarden von unschuldigen Tieren, zu entschuldigen". Begründung:

"So wurden zum Beispiel während der Inquisition Katzen erhängt, gefoltert oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Noch heute würden Jahr für Jahr Tiere während heiliger Feste und aufgrund veralteten Brauchtums vor allem in Italien, Spanien, Südfrankreich oder Mexiko grausam gequält und getötet. Neben den zahlreichen Stierkämpfen würden zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria oder anderer Heiliger der katholischen Kirche mit deren Segen 'Feste' gefeiert, bei denen Tiere gejagt, verletzt und getötet würden."

Auch der 11. September ist PETA übrigens schon einen Vergleich wert gewesen; und zwar mit den alltäglichen Praktiken der US-Geflügelindustrie.

Das alles klingt makaber, ist aber leider wahr. Und eigentlich müsste man gerade von einer Organisation, die in ihrem Namen das Wörtchen "Ethik" führt, erwarten dürfen, dass sie darüber nachdenkt, was die Angehörigen der Opfer womöglich dabei empfinden, dass ihre im KZ ermordeten Angehörigen jetzt in Bild und Text mit geschlachteten Hühnern und Schweinen gleichgesetzt werden.

Außerdem sollte auch PETA bekannt sein, dass sie mit ihren Holocaust-Vergleichen das Risiko eingeht, den Holocaust in ein fast schon triviales Ereignis zu verwandeln, also in einen alltäglichen Schrecken, der tagaus, tagein in unseren Schlachthäusern und Hühnerfarmen geschieht.

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14385/1.html
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