Der Moment des Mülls

19.03.2003

Patrioten kämpfen jetzt an allen Fronten

Von Amerika lernen, heißt dichten lernen. Gerade in Zeiten, in denen täglich damit zu rechnen ist, dass urplötzlich der Moment der Wahrheit um die Ecke schaut. Dass wir Deutsche, die wir uns lieber mit Mülltrennung als mit terroristischen Bedrohungen herumschlagen, dieses Signal zum momentanen Aufbruch vermutlich gar nicht oder viel zu spät bemerken werden, ist leider zu befürchten.

Ganz anders die USA: Dort ist längst erkannt worden, dass ein gerechter Krieg nicht nur medial-korrekt unterstützt, sondern natürlich auch musisch-lyrisch begleitet werden muss. Damit der stählerne Klang der Waffen, das walkürenhafte Surren der Raketen, das dämonische Krachen der Bomben und der infernalische Jammergeschrei der Feinde auch seinen poetischen Widerhall findet, veröffentlichen die Betreiber der Netzseite Poets for the war täglich neue Gedichte für den Krieg. Und manch Dichter umschwärmt dabei sogar - wie sonst nur Fliegen einen Kothaufen - betend seinen Präsidenten:

George W. Bush

Pray for our President daily
It¹s the right thing to do
His burdens are larger than ever
And more troubles are about to ensue

Da wir den für diese Zeilen verantwortlichen Dichter Tom Hoefling (der, wenn er nicht gerade seinem Namen reimend gerecht wird, die US-Republikaner politisch berät) leider vergessen haben, um die Abdruckrechte zu bitten, belassen wir es bei der ersten Strophe. Und weisen stattdessen noch auf das Gedicht "Liberals Stink" hin, das mit den nachdenklichen Zeilen beginnt: "All those smelly liberals/Dancing in the park/For Saddam, Satan/And Karl Marx." Und dass auch wir Deutsche auf dieser Seite in dem Poem "The War" kritisch gewürdigt werden, darf keinen von uns überraschen:

The war, America and Britain shall win this/the French we shall not miss/for they never stand and fight/but always run away in fright/the Germans as allies would not be nice/they started two world wars and were beaten twice."

Zwei Kriege zu beginnen, um sie dann doch erbärmlich in den Sand zu setzten, das ist schon peinlich und vielleicht der wahre Grund für unseren tief verankerten Mülltrennungswahn. Aber selbst in den USA wird neben der bekanntlich kriegsentscheidenden Milchproduktion auch der Müll immer wichtiger. Ja, er spielt mittlerweile sogar eine zentrale Rolle bei der Bekämpfung des Terrorismus.

Beim Strategic Network of Intelligence on Terrorism (SNITCH), das engagiert für mehr innere Sicherheit eintritt und kämpft, wird ausdrücklich empfohlen, den Müll seiner Nachbarn gründlich zu beäugen. Schließlich weiß man ja auch in den USA nie so genau, ob der nette Bob von nebenan nicht in Wirklichkeit ein böser Osama vom Hindukusch ist. Und wenn dann in Bobs Müll tatsächlich Handbücher liegen, die auf Arabisch erläutern, wie man ein Flugzeug steuert oder eine Bombe baut, kann man diesen Fund gleich über die SNITCH-Website beim FBI melden.

Aber es geht den Aktivisten von SNITCH nicht nur um antiamerikanischen Müll, sondern sie beschreiben genau, wie Patrioten Nicht-Patrioten erkennen können, wie Kinder auf den rechten amerikanischen Weg zu führen sind, und in einem Test kann man sogar im Eigenversuch herausfinden, ob in einem selbst nicht womöglich ein Terrorist steckt oder schläft. Auch das angebotene Werbematerial, das geschickt elegante Vorbilder aus den 40er und 50er Jahren zitiert, überzeugt künstlerisch wie pädagogisch-aufklärerisch.

Und bevor jetzt ein Leser - der sich in einer kurzen Mülltrennungspause ausgerechnet auf die Seite von Telepolis verirrt hat, obwohl dort ja grundsätzlich nie Müll steht - anmerkt, das alles sei doch bestimmt nur satirisch gemeint, lassen wir zum Ausklang lieber noch einmal David Floyd, den Dichter von "Liberals Stink", sprechen:

I wish they'd all
Go and live in Cuba
Liberals stink more
Than a man I know who plays the tuba
Very badly.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (34 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Amok: Der ausschlaggebende Auslöser Antidepressiva?

Torsten Engelbrecht 12.09.2015

Der Psychiater David Healy zum "Medikamentenaspekt" des Amokflugs 4U95254 und bei Amokläufern

weiterlesen

"Independence Day: Wiederkehr": Zum Kern vorgedrungen

Warum man jeden neuen Emmerich-Film gesehen haben sollte

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.