Aufmerksamkeit

"Dummheit: Sich vor einen Bulldozer setzen, um Terroristen zu schützen"

Proteste gegen eine Karikatur zum Tod der Friedensaktivistin Rachel Corrie

Am vergangenen Sonntag wurde eine amerikanische Friedensaktivistin im Gaza-Streifen von einem Bulldozer überfahren, der auf ein palästinensisches Haus zu rollte. Der Tod von Rachel Corrie ist für die einen ein bedauernswerter Unfall, für einige andere brutaler Mord. Eine US-amerikanische Studentenzeitung sorgte jetzt mit einer Karikatur zum Thema für Aufsehen.

Bild: The Diamondback

Der Irak-Krieg hat wieder eine ganze Anzahl von Menschen dazu bewegt, sich als menschliche Schutzschilde in die Krisenregion zu bewegen. Was im Fall des Iraks aktuell heftig diskutiert wurde (vgl. Taschenlampen für den Frieden), hat in den palästinensischen Gebieten schon Tradition. Im vergangenen Jahr hatte eine internationale Gruppe von Friedensaktivisten Schlagzeilen gemacht, die sich während der Belagerung der Geburtskirche in Bethlehem in Arafats Hauptquartier aufhielt, um als "Schutzschild für den demokratisch gewählten Präsidenten und für das palästinensische Volk zu dienen" (vgl. In Arafats belagerter Mukata). In der Friedensbewegung engagierte Israelis halfen außerdem palästinensischen Bauern bei der Olivenernte und bewährten sich als Schutzschilde gegen militante jüdische Siedler (vgl. Olivenernte in Havarah).

Die internationale Solidaritätsbewegung (ISM International Solidarity Movement ist immer mit Aktivisten vor Ort, wenn die israelische Armee in den besetzten Gebieten operiert. Die 23jährige US-Amerikanerin Rachel Corrie war Teil dieser Bewegung und Mitglied des Olympia Movement for Justice & Peace.

Am Sonntag den 16. März protestierte Corrie zusammen mit sieben oder acht anderen ISM-Mitgliedern gegen den Abriss eines Hauses im Flüchtlingslager von Rafah im Gaza-Streifen. Die Stadt mit dem Flüchtlingslager hat 140'000 Einwohner und gilt als Hochburg der Hamas. Der Ort liegt ganz im Süden, direkt an der Grenze zu Ägypten und nach Angaben der Palästinenser errichtet die Armee dort gerade einen Schutzstreifen mit einer zehn Meter hohen Mauer. Schon seit geraumer Zeit werden nach Angaben des Friedensbewegung dafür systematisch und in großem Umfang Häuser von Palästinensern zerstört (vgl. Bulldozing Rafa. A Crime Against the Innocent). Dagegen behauptet die Armee, es handle sich nur um einzelne Abrisse und diese Aktionen hätten zum Ziel, geheime Tunnels für den Sprengstoffschmuggel und unterirdische Waffenverstecke zu zerstören. Die Website "elektronische Intifada", die sich selbst "Palastine's weapon of mass Instruction" nennt, widmete dem Zerstörungswerk der Israelis mehrere Artikel und eine eigene Fotostory (Photostory: Home demolitions in Rafah). Regelmäßig waren in letzter Zeit die internationalen menschlichen Schutzschilder dabei, wenn die Bagger und Panzer anrollten, um Teile des Flüchtlingslagers umzugraben. So auch am 16. März.

Rachel Corrie trug eine sehr gut sichtbare, fluoreszierend orange Jacke mit Reflektoren und ein Megafon. Der Bulldozer schob Erde vor sich her und die junge Frau, die auf dem Erdhaufen stand, wurde von dem schweren Grabgerät überfahren.

Nach Angaben der israelischen Armee handelt es sich um einen Unfall. Der Armeesprecher Jacob Dallal äußerte sich zu dem Vorfall und sagte:

Es handelt sich um einen bedauernswerten Unfall. Wir hatten es mit einer Gruppe von Protestierenden zu tun, die sich sehr unvernünftig benahmen und dadurch alle Beteiligten in Gefahr brachten.

Er fügte hinzu, das Fenster des Baggers sei kugelsicher und sehr klein, weswegen die Sicht stark eingeschränkt sei. Die Soldaten hätten bei diesem Einsatz nach Sprengstoff gesucht und versucht, den Demonstranten auszuweichen, die ihnen aber immer wieder gefolgt seien. Corrie sei für den Fahrer des Bulldozers nicht sichtbar gewesen, dann ausgerutscht, unter einen Erdhaufen geraten und versehentlich überrollt worden.

Die palästinensische Seite behauptet dagegen, Rachel Corrie sei von der Armee ermordet worden.

Auch Amnesty International prangerte die Tötung an und verlangt die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission (vgl. Amnesty International Condemns Killing of Rachel Corrie). Israel hat inzwischen eine offizielle Untersuchung des Vorfalls zugesagt.

Seit Rachel Corries Tod, melden sich on- und offline Stimmen, die der jungen Frau unterstellen, sie sei eine Terror-Sympathisantin und Amerika-Hasserin gewesen. Im Wall Street Journal online bezeichnete ein Kommentator sie als "Terror Advocate" und schrieb dazu:

Corrie not only backed anti-Israeli terrorism; she also hated America. An Associated Press photo shows Corrie, her face contorted with hate, burning a 'mock U.S. flag' at a pro-Saddam rally last month. (...) It's a shame that Rachel Corrie died the way she did. It's shameful that she lived the way she did.

Selbst bei Indymedia wurden Fotos von Corrie online gestellt, die zeigen, wie sie eine US-Flagge verbrennt und der Kommentar dazu lautet:

You ISM pieces of shit. I saw Carrie's picture burning a mock american flag with her face distorted with hatred."

Es wird auch darauf hingewiesen, dass sie Hamas-Terroristen schützte.

Die Studentenzeitung "The Diamondback" der University of Maryland sorgte jetzt für Aufsehen, als sie off- und online eine Karikatur veröffentlichte, die unter dem Titel Stupidity) eine junge Frau zeigt, die vor einem Bulldozer sitzt. Darunter der Kommentar: "Stupidity: 3. Sitting in front of a bulldozer to protect terrorists" (Dummheit: Sich vor einen Bulldozer setzen, um Terroristen zu schützen). Tausende von Emails und Hunderte von Protest-Telefonanrufen gingen bei der Universität ein, Studenten veranstalteten ein nächtliches Sit-In und verlangten eine schriftliche Entschuldigung sowie einen Artikel, der Rachel Corries Einsatz für den Frieden würdigen sollte. Die Nachrichtenagentur Associated Press berichtete über die Aktionen und die Universität entschuldigte sich inzwischen für die Karikatur, nannte sie "geschmacklos" und "roh". Studentensprecher und ein US-Kongressabgeordneter fordern ebenfalls eine Entschuldigung der Redaktion. Der Herausgeber, Jay Parson, beruft sich zurecht auf die Freiheit der Presse:

Though the cartoon represents a radical view, The Diamondback's editorial board believes whole-heartedly in freedom of speech. We would be hypocritical to revoke any speech on the grounds of radicalism.

Er weist auf die Unabhängigkeit seines Blattes hin, und stellte statt einer Entschuldigung die Dokumentation der Kontroverse online (vgl. Administration blasts Diamondback cartoon). Die Proteste dauern an und sichern der Studentenzeitung jedenfalls eine ungewöhnlich intensive, mediale Aufmerksamkeit.

Bei allen Diskussionen und der Instrumentalisierung ihres Todes je nach eigener Interessenslage, wurde doch weltweit über Rachel Corrie berichtet. Das zeigt, dass das Konzept des menschlichen Schutzschildes durchaus funktioniert, denn die Palästinenser und Israelis, die während der zweiten Intifada getötet wurden, sind den internationalen Medien höchstens allgemeine Artikel oder Kurzmeldungen wert, aber keine namentliche Erwähnung der Toten, geschweige denn ihrer Biografien.

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