Reif für die Halbinsel?

Michaela Simon 25.03.2003

al-Dschasira stellt englischsprachige Webseite online

"Objektive, ausbalancierte Berichterstattung und Analyse" verspricht die gestern online gestellte englischsprachige Webseite des katarischen Senders al-Dschasira, der während des Afghanistan-Feldzugs unabhängige Berichte zu produzieren imstande war und damit weltweit Aufmerksamkeit gewann.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
al-Dschasira, Mainheader der englischsprachigen Webseite

al-Dschasira (deutsch: Halbinsel) gilt als einziger politisch unabhängiger arabischer Satellitensender. Viele Länder, wie etwa Kuwait, Algerien, Bahrain und Saudi-Arabien boykottieren die in ihren Augen allzu freimütige Berichterstattung des katarischen Senders, der vor allem mit seinen populären hitzigen Debatten und Talk-Shows, bei denen "jeder sagen kann, was er will", für viel Wirbel in arabischen Regierungskreisen und in der breiten Öffentlichkeit gesorgt hat. So geriet der populäre Sender, der den "Dialog zwischen den Kulturen" ermöglichen sollte, gerade in den konservativen Bruderländern mehr und mehr in die Fänge einer traditionell restriktiven Medienpolitik (vgl. Al-Dschasira und die Rache der älteren Schwester). Aus dem Land gewiesen wurden al-Dschasira-Reporter in Jordanien und in Bahrein. Schwierigkeiten gab es auch mit dem Irak.

Allerdings hatte sich al-Dschasira auch bei den USA unbeliebt gemacht, als der Sender während des Krieges aus Afghanistan frei berichtete und Videos von Bin Ladin zeigte (vgl.Sex, Religion und Politik). Vizepräsident Cheney bezeichnete ihn als "Propagandaplattform". "Versehentlich" wurde dann das Büro in Kabul durch eine amerikanische Bombe zerstört. Ähnliches wird auch für das Büro in Bagdad befürchtet. Zuletzt hatte al-Dschasira Aufsehen erregt, als er das Video mit den Forderungen der tschetschenischen Geiselnehmer von Moskau sendete, nachdem diese das Theater besetzt hatten. Zur Zeit brennt ein Streit um die gesendeten Bilder von amerikanischen Kriegsgefangenen in der Hand der irakischen Truppen (vgl. Französische Medienaufsichtsbehörde rügt al-Dschasira).

Seit gestern gibt es "dedicated to special coverage on Iraq" al-Dschasira online auch in englischer Sprache, die Inhalte werden laut Pressemitteilung unabhängig vom arabischsprachigen Schwestermedium produziert. Chefredakteurin Joanne Tucker, eine ehemalige, des Arabischen mächtige BBC-Journalistin, verspricht Artikel, die westliche Standards halten, jedoch eine neue Perspektive einnehmen.

Ob es dem Westen passt oder nicht, der Krieg gegen den Terror hat mindestens zwei Seiten. Wenn man sich auf eine Seite beschränkt, wird man zum Propagandainstrument. Das haben wir nicht vor.

Zu finden sind u. a. Augenzeugenberichte von Korrespondenten aus Bagdad, Basra oder Mosul. Lesenswert ist die Seite, allerdings stößt man vereinzelt auch auf extrem ärgerliche Artikel wie "Has Israeli lobby influenced this war?".

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14462/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Arabische Medienfreiheit bislang nur in der Zone

Alle Sender werden sich al-Dschasira zum Vorbild nehmen müssen

Al-Dschasira: Propaganda-Maschine oder Pionier arabischer Medienfreiheit?

Über die Zahlen der getöteten Zivilisten in Afghanistan wird erst lange nach dem Ende des Krieges Klarheit herrschen. Eines der Opfer ist aber schon namentlich bekannt: die Medienfreiheit.

Konkurrenz für Al-Dschasira

Al-Arabiya: neuer arabischer Fernsehsender startet sein Nachrichtenprogramm

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS