Cut-and-Paste-Journalismus im Dienste der Infoelite

Florian Rötzer 26.03.2003

Bei Focus-Online muss es schnell gehen, weswegen man auch schon mal einen ganzen Artikel von Telepolis kopiert

Im Internet wird bekanntlich geklaut, was nur geht. Das betrifft nicht nur Musik oder Film, sondern natürlich auch Texte. Auch große Nachrichtenmagazine sind da manchmal offenbar nicht heikel. Jetzt hat beispielsweise sich Focus Online einfach einmal einen ganzen Telepolis-Artikel angeeignet und gibt ihn als eigenen Bericht aus.

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Es ist eigentlich noch immer erstaunlich, dass die Websites großer Publikationen meist nur in geringen Maße und oft gar nicht Links zu den Quellen legen, aus denen Informationen stammen. Man gibt zwar - wahrscheinlich auch aus einem konkurrenz- und aufmerksamkeitsgeleiteten Kalkül - gelegentlich an, woher die Informationen stammen, vermeidet aber tunlichst, den oder die Artikel zu verlinken: vielleicht, um den Kollegen die Recherchearbeit zu erschweren, vielleicht aber auch, um weiterhin ein in Internetzeiten eigentlich nicht mehr vorhandenes Informationsmonopol zu erhalten. Überdies will man vermutlich seine Leser nicht verlieren, wenn man sie zur Konkurrenz leitet.

Websites der Medien scheinen eine Art Burggrabenmentalität oder einen Isolationismus zu pflegen: Möglichst keine Verbindung von ihrem "Territorium" nach außen (nur wenn es beispielsweise durch Werbung Einkünfte bringt oder ansonsten "ungefährlich" ist). Wer einmal da ist, sollte auch da bleiben. Und wahrscheinlich will man auch nicht, dass die treuen Leser bemerken, wie dürftig oft die eigenen Artikel aus den benutzten Quellen montiert wurden. Oft genug wird gerne auch weitgehend nur übersetzt, wenn es sich um einen Artikel in einer anderen Sprache handelt. Man kann auf die Trägheit der meisten Leser setzen, die wahrscheinlich eher dem jeweiligen "seriösen" Medium glauben, als den Informationen zu den Quellen nachzugehen, um sie dort zu überprüfen.

Man darf und kann vermutlich noch mehr Mutmaßungen über den seltsamen Umgang von Online-Ausgaben großer Printmedien mit dem Web anstellen. Wie auch immer die eigene Website gehütet wird, so wird natürlich die große weite Welt des Web für eigene Interessen genutzt. Und hier ist die Verführung natürlich groß, schnell einmal mit Cut-and-Paste Inhalte zu übernehmen. Das spart Arbeit und vor allem Zeit, was gerade für die Infoelite wichtig ist.

Gleichwohl und bei allem Verständnis hat der Fakten-Fakten-Fakten-Focus in seiner Online-Ausgabe sich jetzt nach dem Vorbild der britischen Regierung (Geheime Cut-and-Paste-Informationen) die Arbeit schon ein wenig einfach gemacht und gleich einmal einen ganzen Artikel aus Telepolis (Zerstörung der Städte oder Aushungern) unverändert übernommen: Top-Historiker prophezeien US-Niederlage (Screenshot und Kopie des mit dem Focus-Copyright versehenen Telepolis-Artikels). Kreiiert wurden von einem Infoelite-Redakteur der Titel, der zugegeben etwas reißerischer ist, und die zwei ersten Sätze, die so schließen: "... meldete das Online-Magazin "Telepolis" am Mittwoch." Ein Link fehlt leider, was hier zwar wirklich einsichtig ist, weil ansonsten der Restartikel ganz aus Telepolis stammt.

Über ein Aufgreifen des Artikels hätten sich die Telepolis-Redaktion und der Autor selbstverständlich gefreut, auch über eine Zweitveröffentlichung. Doch die Redaktionsarbeit bei Focus bestand eigentlich nur darin, auch die anderen Links aus dem Artikel zu entfernen und den Autor Burkhard Schröder sicherheitshalber weg zu lassen. Es soll ja auch ein Focus-Artikel sein, sollen die Leser denken, sonst hätte man - als seriöse Nachrichtenpublikation - ja das Übernommene als - zugegeben ziemlich langes - Zitat ausweisen sollen/müssen. Ob wir uns demnächst auch bei Focus entsprechend bedienen können: "... meldete Focus-Online"?

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14473/1.html
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