Placebo des guten Gewissens

Krisenzeit, Kettenbriefzeit - Wann immer die Welt in Aufruhr ist, glauben einige Zeitgenossen mit dem ebenso wirkungslosen wie probaten Mittel der Ketten-E-Mail dagegen angehen zu müssen

Und es finden sich immer welche, die mitmachen. Ob es sich um die schlimmen Krankheiten von Unbekannten, oder, ganz aktuell, den Irakkrieg handelt, eine Ketten-E-Mail ist schnell aufgesetzt und versandt.

Selbst der größte denkbare Unfug passt noch in einen Kettenbrief und man muss sich offenbar schon sehr ungeschickt anstellen, um damit keinen "Erfolg" zu haben. In meiner Mailbox sind in den letzten Wochen zwei Kettenbriefe eingetrudelt, die die letzten Zweifel in dieser Hinsicht beseitigt haben. Ein mir bekannter Rechtsanwalt verbreitete die gefälschte UN-Kettenbriefaktion zum damals noch bevorstehenden Irakkrieg, und ein mir ebenfalls bekannter Arzt beteiligte sich an den sattsam bekannten Kettenbriefschwindel zu irgendwelchen angeblich dringend benötigten Knochenmarkspenden, der in vielen verschiedenen Versionen im Netz unterwegs ist.

Beide Versender hätten aus beruflichen Gründen wissen können, dass diese Briefe schwerwiegende sachliche Mängel hatten, beide hielt das nicht davon ab, sie dennoch weiterzuleiten. Die Gründe dafür, dass diese Briefe formuliert werden, mögen vielfältiger Natur sein. Ein ernsthaftes Anliegen, das sich eine unpassende Form sucht, ein simpler Scherz, wenig originelle Versuche zur Ausbreitungsgeschwindigkeit von Gerüchten und Falschmeldungen im Internet, das sind einige der Motive, die den anonymen Autoren zugeschrieben werden.

Warum werden diese Schreiben aber mit so tödlicher Sicherheit weitergeleitet? Sogar von Leuten, die es schon aus beruflichen Gründen besser wissen sollten? Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass diese Kettenbriefaktionen ein dringend benötigtes Ventil bieten, in einer Zeit, in der direkte Intervention, persönliches Engagement, oder sogar schon die bloße Reflexion auf der Basis verlässlicher Informationen unmöglich erscheinen. Gerade diejenigen, die sich für die Welt überhaupt noch interessieren, die ihre Verbesserung noch nicht völlig abgeschrieben haben, finden sich von dieser Ventilfunktion der Kettenmails verführt: Mit einem Mausklick die Welt ein wenig verändern, für Aufmerksamkeit sorgen, der tief empfundenen Pflicht zu Teilnahme und Mitgefühl zu genügen ist eine anscheinend unwiderstehliche Versuchung.

Mit anderen Worten: Die Weiterleitung von Kettenbriefen ersetzt, vor allem in politischer Hinsicht, eigenes Denken und Handeln, der Klick auf den "Send"-Button wirkt wie seinerzeit der sonntägliche Groschen im Klingelbeutel der Kirchengemeinde. Vereinzelt, zurückgeworfen auf die eigene Empörung und Hilflosigkeit, glauben die Forwarder der Kettenbriefe daran, dass sie, ihre Freunde, und alle anderen, die schon vorher unterschrieben haben, durch den Umlauf des betreffenden Briefs zumindest für kurze Zeit eine Gemeinschaft der Guten bilden. Das reicht als Placebo für das gute Gewissen.

Weist man die Kettenbrief-Verschicker darauf hin, dass sie einer Fälschung aufgesessen sind, oder dass sie einem möglicherweise ernsthaften Anliegen eher geschadet als genützt haben, reagieren sie oft mit Schweigen - oder Verleugnung: Es mache doch gar nichts aus, dass die gesammelten Unterschriften nirgendwo ankämen, Hauptsache, ein paar Leute seien für das Thema des Briefs "sensibilisiert" worden. Auch, dass die gutgläubigen Vorgänger in der Stafette, die sich mit voller Adresse und Telefonnummer eintragen, manchmal ernsthafte, nervenzerrüttende Konsequenzen zu tragen haben (von bis zu 50 Anrufen pro Tag ist die Rede), erschüttert den Glauben an die heilsame Wirkung der frohen Botschaft nicht.

Dabei liegt das Gute, wie oft im Internet, so nah. Seit Jahren betreibt Frank Ziemann seinen Hoax-Info Service, der nicht nur kompetent über die Plage der falschen Virenwarnungen aufklärt und über die Machenschaften der Nigeria-Connection (vgl. Amnesty bittet um die Einstellung eines Kettenbriefs im Internet), sondern auch über Kettenbriefe aller Arten.

Die ständig aktualisierte und hervorragend dokumentierte Liste der Hoaxes liefert fast für jeden Kettenbrief-Eingang einen Treffer, und da die Informationen hervorragend recherchiert und mit Verweisen zu noch ausführlicheren Hintergrundberichten versehen sind, eignen sie sich auch sehr gut zur Argumentation in der Auseinandersetzung mit Freunden und Bekannten, die es wieder einmal zu gut gemeint haben.

Wird der Hoax Info-Service die Kettenbriefe zum Verschwinden bringen? Sicher nicht. Aber je mehr Internet-Nutzer von ihm Gebrauch machen, desto nachhaltiger könnte er als Wellenbrecher wirken. Für sein Engagement kann man Frank Ziemann in jedem Fall dankbar sein.

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