Der Krieg in der Stadt

06.04.2003

Ein Streifzug durch militärische Dienstvorschriften weltweit

In der Stadt leben viele Menschen auf kleinstem Raum eng beieinander. Daher ist eine Stadt der denkbar ungeeignetste Ort für die Führung eines Krieges. In früheren Jahrhunderten umgingen die Heerführer die Städte, da ihre Eroberung nur unter großen Verlusten und in langen Kämpfen möglich gewesen wäre. Stattdessen belagerten die Eroberer manchmal jahrelang die Stadtmauern, um sie nach der Kapitulation der eingeschlossenen Bürger kampflos einzunehmen. Mit der Entwicklung der Waffentechnik zu größerer Zerstörungskraft, Reichweite und Geschwindigkeit änderte sich dies im Zweiten Weltkrieg: Hamburg, Berlin und Dresden wurden durch alliierte Bomber zerstört, Stalingrad durch Bodenkämpfe vernichtet. Die angegriffene Stadt wurde häufig zu über 90 Prozent zerstört. Der sowjetische Marschall Wassili Tschuikow, Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee in den Schlachten um Stalingrad und Berlin, resümierte seine Erfahrungen: "In einer Stadt (..) zu kämpfen ist wesentlich komplizierter als Gefechte im offenen Felde zu führen."

Bilder

Der Krieg in der Stadt wird zudem von der Bundeswehr und der früheren Nationalen Volksarmee der DDR als "Ortskampf" verharmlost. Die Amerikaner sprechen von "Military Operations on Urbanized Terrain" (MOUT) und haben dazu u. a. die Militärvorschrift Field Manual 90-10 herausgegeben, die Briten von "Fighting in Built Up Areas" (FIBUA). Durch den hohen Grad der Verstädterung in Industrie- und Entwicklungsländern, die in den Staaten der "Dritten Welt" durch Bevölkerungswachstum und Landflucht noch zunehmen wird, wird es zukünftig immer öfter zur Kriegführung in Städten kommen. Da UNO und NATO in den letzten Jahren in wiederholt in Bürgerkriege militärisch eingriff, sind solche Interventionen geradezu prädestiniert für einen sogenannten "Orts-" bzw. "Straßen-" bzw. "Häuserkampf".

Schließlich finden Bürgerkriege dort statt, wo die Bürger leben. Erinnert sei hier an Sarajewo, Mogadischu, Panama City, Beirut, Grosny und jetzt möglicherweise Bagdad. Noch ist nicht klar, ob Bagdad wie Leningrad belagert, oder wie Stalingrad zerstört werden wird.

Dieser Artikel gibt einen Literaturbericht darüber, wie sich die Taktik eines Krieges in und zwischen den Wohn- und Schlafzimmern der Zivilbevölkerung aus Sicht der Militärs darstellt. Als Anschauungsmaterial dienen dabei militärische Fach- und Lehrbücher sowie Heeresdienstvorschriften aus verschiedenen Ländern. Das genannte Schriftum ist zwar frei verkäuflich, aber nicht für eine große Öffentlichkeit bestimmt und wird von dieser auch nicht wahrgenommen. Trotz ihrer bagatellisierenden Trockenheit können die Texte ihre kalte Menschenverachtung kaum kaschieren, denn gerade bei der Ortskampftaktik zeigt sich die ganze Absurdität der "Kriegskunst". Der einzelne Soldaten wird in einen mörderischen Kampf geschickt, den er nur durch Zufall überleben kann. Zudem ignoriert die militärische Literatur zum Ortskampf die betroffenen Einwohner einer Stadt fast vollständig. Sie tauchen nur am Rande auf, etwa bei den Themen "Razzia", "Flüchtlinge" und "Besatzungsregime". Auch die Zerstörung der städtischen Infrastruktur interessiert die Militärs nur in soweit, als Truppenbewegungen durch Trümmerschutt behindert oder die Versorgung der Soldaten gefährdet werden.

Einer der Militärautoren, der frühere britische Oberst Michael Dewar warnte in seinem Buch "War in the Streets" von 1992 die Soldaten davor, den Ausführungen der militärischen Lehrbücher allzu viel glauben zu schenken:

Die ziemlich klinische Beschreibung der Methoden im Häuserkampf schenkt der schrecklichen Realität einer solchen Operation nur dürftige Beachtung. Häuserkampf im modernen Ortskampf kann physisch erschöpfend, nervenaufreibend, immens stressig und enorm erschütternd sein. Diejenigen, die an solchen Einsätzen teilnehmen, können dies kaum über einen längeren Zeitraum machen.

Kampfbedingungen

Die Stadt ist ein politisches, administratives, ökonomisches und kulturelles Zentrum; ihre Bedeutung als militärisches Angriffsziel ergibt aus ihrer Größe und ihrer Funktion als Verkehrsknotenpunkt. Nach einer Richtlinie des ehemaligen Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR sollen Städte "im Interesse eines hohem Angriffstempos umgangen werden". Nur wenn die Eroberung der Stadt "Voraussetzung für den weiteren Erfolg im Angriff" ist, soll sie eingenommen werden. Die NVA beschreibt in der Richtlinie Nr. 250/8/031 vom 1. September 1984 die Bedingungen eines derartigen Krieges so:

Der Angriff und die Verteidigung in einer Stadt gehören zu den kompliziertesten Gefechtshandlungen. Sie unterscheiden sich wesentlich von den Handlungen im offenen Gelände. (..) Die Besonderheiten des Gefechts in einer Stadt ergeben sich aus ihrer Bebauung mit massiven Gebäuden unterschiedlicher Größe und Höhe auf engem Raum. Breite Straßen, Verkehrslinien, Plätze und Parks sowie unterirdische Anlagen wie Kanalisation und U-Bahn, teilen die Stadt in Häuserviertel und große Gebäudekomplexe.

Die Bebauung "schränkt die Beobachtung und Feuermöglichkeiten der Waffen" ein, "das Gefechtsfeld ist unübersichtlich und erschwert die Führung der Einheiten", "Überraschung dominiert", Kanalisation und Mauerdurchbrüche zwischen Reihenhäusern gestatten ein "gedecktes Manöver in die Flanken und den Rücken des Gegners".

Zwar gibt es in jeder Stadt zahllose Häuser mit noch mehr Zimmern, aber Oberst Dewar fordert dennoch:

Jeder Raum, Keller und Mansarde muß gesäubert, überprüft und wieder überprüft werden. Es ist ein gefährliches und äußerst langsames Geschäft, aber die einzige Möglichkeit den Job zu machen.

< So zeigen Kriegserfahrungen, dass der Stadtdschungel ganze Divisionen verschlingen kann. Für die Kriegsplanung haben diese Kampfbedingungen gravierende Auswirkungen: "Die Ereignisse im Ortskampf entwickeln oft eine Eigendynamik und Brisanz, die anders als im offenen Gelände nicht so leicht begrenzt und beeinflusst werden können. Daher können im Ortskampf nur die einfachsten Operationspläne den Test im Gefecht überstehen", konstatiert Dewar.

An den einzelnen Soldaten werden trotz seiner Todes-, Einkreisungs- und Verlassenheitsängste enorme Anforderungen gestellt. In der amerikanischen Heeresdienstvorschrift "Kampf im bebauten Gelände", die seit 1994 in einer deutschen Übersetzung vorliegt, heißt es:

Die stärksten Belastungen der Soldaten beim Kampf im bebauten Gelände sind die hohe psychologische Belastung und die hohe Verlustrate, Einheiten haben darauf vorbereitet zu sein, isoliert zu kämpfen; neben guter Ausbildung ist eine entsprechende psychologische Vorbereitung wichtig. Ebenso sind die eingesetzten Soldaten für den Nahkampf auszubilden, da dieser ständig zu erwarten ist.

Angriff

Der Angriff auf eine Stadt erfolgt in der Regel mit hohem Tempo von verschiedenen Seiten aus, was die Fluchtmöglichkeiten der zivilen Einwohner zum tödlichen Spießrutenlauf werden lässt. So heißt es in einer NVA-Gefechtsvorschrift DV 325/0/001 von 1984:

Das in Richtung einer Stadt angreifende Bataillon hat den sich verteidigenden Gegner an den Zugängen zur Stadt zu vernichten, aus der Bewegung in die Stadt einzudringen und ohne Halt den Angriff in die Tiefe zu entwickeln. In der Stadt soll das Bataillon gewöhnlich entlang von ein bis zwei Hauptstraßen und den angrenzenden Häuserblöcken auf einer Breite bis zu 1000 m angreifen. (..) Gelang es nicht, die Stadt aus der Bewegung einzunehmen, muss der Sturm auf die Stadt organisiert werden. Die Gefechtsaufgabe des Bataillons beim Sturm einer Stadt beinhaltet im allgemeinen die Vernichtung des Gegners und die Einnahme mehrerer Häuserblöcke, deren Verlust die Standhaftigkeit der Verteidigung des Gegners schwächt und die erfolgreiche Entwicklung des weiteren Angriffs gewährleistet." Dabei werden die Infanterieeinheiten durch die Kanonen und Raketenwerfer der Artillerie sowie Kampf- und Schützenpanzer unterstützt

"Bei der Annäherung des Bataillons zur Einnahme der Stadt aus der Bewegung hat die Artillerie gleichzeitig den Gegner in den Stützpunkten an den Zugängen zur Stadt und am Stadtrand niederzuhalten oder zu vernichten. Erreichen die Einheiten den Stadtrand, muss die Artillerie das Feuer auf Gebäude und Stellungen in der Tiefe der Stützpunkte verlegen und die Heranführung gegnerischer Reserven zu den Angriffsobjekten verhindern.

Der frühere NVA-Oberst Hans Dettmann schrieb 1988 in seinem Buch "Taktik der Artillerie":

Die Handlungen der Artillerieeinheiten beim Angriff in der Stadt werden durch die Schwierigkeiten der Aufklärung des Gegners, die Stabilität der Deckungen der Ziele, viele tote Räume und beschränkte Möglichkeiten für das Manöver mit den Geschützen beeinflusst. Der Verlauf des Gefechts in der Stadt ist schwer zu beobachten. Die eigenen Truppen und der Gegner sind oft nicht zu unterscheiden.

"Friendly fire" nennen es die Amerikaner, wenn im Krieg Soldaten durch die eigenen Truppen irrtümlich umgebracht werden.

Der Einsatzrolle der Panzer widmet die amerikanische Heeresvorschrift über den "Kampf im bebautem Gelände" besondere Aufmerksamkeit:

Beim Kampf im bebauten Gelände werden die Panzer durch die Infanterie geschützt und die Panzer unterstützen wiederum die Infanterie durch ihre Bordkanonen und Maschinengewehre bei der Bekämpfung feindlicher Stellungen und Beobachtungspunkte. Der Panzer ist eine effektive Waffe zum Beschuss massiver Gebäude. Ebenso können Panzer mit Räumschaufeln zum Beseitigen von Schutt eingesetzt werden. Der Panzer ist beim Kampf im bebauten Gelände jedoch sehr verwundbar. (..) Wegen der eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten und auch der eingeschränkten Sicht bei geschlossenen Luken hat die Infanterie den Vormarsch der Panzer zu sichern.

Verteidigung

Der Verteidiger einer Stadt hat bei gleichem Kräfteverhältnis einige Vorteile: So besitzt er die bessere Ortskenntnis, kann die Gebäude vor Gefechtsbeginn militärisch verstärken sowie durch Sperren zusätzlich sichern und kann seine Verteidigungsmaßnahmen längerfristiger planen. Gemäß der NVA-Richtlinie soll ein wahres Trommelfeuer aus allen Rohren und allen Richtungen jeden Angreifer ebenso rücksichtslos wie durchdacht morden:

Das Feuersystem ist so zu organisieren, dass der Gegner an den Zugängen und zwischen den Stützpunkten durch Flanken- und Kreuzfeuer hoher Dichte bekämpft und die Sperren und Hindernisse zuverlässig gesichert werden. Dabei ist eine enge Verbindung des Feuers der Schützenwaffen mit dem Feuer der Geschütze, der Panzer, Schützenpanzer, der Panzerabwehrlenkwaffen und Flammenwerfer zu gewährleisten und ein enges Zusammenwirken mit dem Feuer der Artillerie aus gedeckten Feuerstellungen zu erreichen. (..) Ist ein mehrgeschossiges Gebäude zu verteidigen, muss ein mehrschichtiges Feuer (aus den verschiedenen Etagen, G.P.) organisiert werden, (..).

Auch der Schweizer Taktikexperte Major H. Dachs rät seinen Lesern:

Der Verteidiger ist im Ortskampf im Vorteil. Er verfügt über gute Deckungen hinter Mauern und im Keller. Zudem kann er gut beobachten und genau schießen. Du als Angreifer dagegen sieht nichts oder dann zu spät. Mit dem Gehör feststellen kannst du nichts, die Wände brechen den Schall der Schüsse und das Echo narrt. Du musst erraten, wo der Feind sitzt und gegen diese Stellen dein Feuer richten. Schieße lieber einmal zu viel, als zu wenig.

Führt der Verteidiger einen Krieg in Guerillamanier, kann er sich angeblich zusätzliche Vorteile verschaffen. Der frühere Reservegeneral der Bundeswehr Friedrich Heydte schrieb über den "Modernen Kleinkrieg":

Der Kleinkrieg kennt keine Front und kein begrenztes Gefechtsfeld. Seine Front ist überall. (..) Im Kleinkrieg kann plötzlich überall "vorne" sein. Agiert der Guerillero geschickt und erfolgreich, so wird sein Feind vergeblich versuchen, die Auseinandersetzung zu lokalisieren. Glaubt er an einer Stelle "die Ordnung wiederhergestellt" zu haben, so wird unvermutet diese Ordnung an ganz anderer Stelle durch neue Kleinkriegsaktionen erschüttert. Guerilleros kämpfen überall und nirgends. (..) Oft wird der Gegner der Guerilleros nicht über ausreichende Kräfte verfügen, um den ganzen zum Operationsgebiet gewordenen Raum gleichmäßig zu kontrollieren.

Häuserkampf

Das größte Drama im Ortskampf ist die Erstürmung jedes einzelnen Hauses. Die US Army rät ihren Soldaten:

Die bevorzugte Methode zum Säubern eines Gebäudes ist das Eindringen von oben, wonach der Kampf nach unten geführt wird. Das Säubern eines Gebäudes ist von oben leichter, da die Schwerkraft und die Bauweise den Sturmtrupps das Werfen von Handgranaten und die Bewegung von Etage zu Etage erleichtert.

Da in der Regel der Soldat kaum vom Bürgersteig auf das Dach gelangen kann, ohne das Haus zu betreten, scheint die gegenteilige Darstellung des ostdeutschen Ministeriums für Nationale Verteidigung im "Handbuch für motorisierte Schützen" von 1984 realistischer zu sein:

Das Gebäude wird gewöhnlich von unten nach oben freigekämpft, indem der Sturmtrupp von einem Raum zum anderen und von einem Stockwerk zum nächsten durch Durchbrüche in den Wänden, Decken und Böden vordringt. Flure und Treppenhäuser werden beim Vorgehen möglichst gemieden; ansonsten sind sie vor dem weiteren Vorgehen freizukämpfen.

In seiner Ausgabe von 1966 empfahl das "Handbuch für motorisierte Schützen" bei der Erstürmung eines Gebäudes ein unmöglich einzuhaltendes Maß an Vorsicht:

Türen nicht mit der Hand öffnen, beim Öffnen sofort in Deckung gehen. (..) Nicht auf Schwellen oder lose Dielenbretter treten. Fußbodenbelag vor dem Betreten mit der Waffe oder einem Stock anheben oder abtasten. (..) Gegenstände, Einrichtungen aller Art nicht berühren und benutzen (Gefahr der Auslösung angebrachter Sprengladungen). (..) Auf Bilder und Spiegel usw. besonders achten, da diese Gegenstände zum Tarnen der Schießscharten durch den Gegner ausgenutzt werden. Beim Eintritt vom Hellen ins Dunkle ist der Angreifer im Nachteil. (..) Waffe so halten, dass sie vom Gegner nicht gesehen werden kann.

Noch weiter geht das Pentagon. Es empfiehlt seinen Soldaten, auch in einer verqualmten Ruine noch den architektonischen Durchblick zu bewahren:

Innenliegende tragende Wände bieten guten Schutz. In älteren Gebäuden bieten auch nichttragende Wände Schutz, in neuen Gebäuden bieten nichttragende Wände im allgemeinen keinen ausreichenden Schutz.

Gleichzeitig ist hemmungslose Aggressivität erforderlich, wie Major Dachs feststellt:

Erschieße den Gegner durch Decken, Türen und Zwischenwände hindurch mit Sturmgewehr. Sei großzügig mit dem Einsatz des Flammenwerfers. Er ist neben der Handgranate die wirkungsvollste Waffe im Ortskampf.

Und im "Reibert", dem Standardwerk zur Ausbildung von Bundeswehrrekruten heißt es in Anlehnung an die Zentrale Dienstvorschrift ZDv 3/11:

Der erste Schuß soll treffen! Den Feuerkampf gewinnt, wer schneller schießt und besser trifft!

Dies scheint aber nicht so einfach zu sein, wie die US-Dienstvorschrift weiß:

Ein Fehler wird häufig von Rechtshändern begangen. Sie schießen von der rechten Schulter aus um die linke Ecke eines Gebäudes. Ein Soldat, der linkshändig um die linke Ecke eines Gebäudes schießt, kann die Deckung des Gebäudes besser nutzen.

Die Vorschriften und Fachbücher aus den verschiedenen Ländern stimmen darin überein, dass der Soldat vor Betreten eines jeden Raumes unbedingt erst eine Handgranate hinein werfen soll, selbst ohne vorher einen Blick ins Zimmer riskiert zu haben. Aber Vorsicht: Im allgemeinen muß die entsicherte Handgranate bis zwei Sekunden vor dem Wurf festgehalten werden, um das Aufheben und zurückwerfen durch den Feind zu verhindern. Dabei wird der Tod von Soldaten, die sich ergeben wollen, oder Zivilisten, die sich (zufällig) im Zimmer aufhalten, bewusst in Kauf genommen.

Der Schweizer Major Dachs prophezeit den Verteidigern einer Stadt:

Nach besonders schwerem Vorbereitungsfeuer wird dein Haus weitgehend zerstört sein. Ebenso hat sich das Bild der Umgebung gewandelt. Deine Waffenstellungen sind verschüttet oder haben kein Schussfeld mehr. Trichter, Schutthaufen, Rauch, Qualm, Nebel. Jetzt sind alle deine schönen Pläne und Vorbereitungen hinfällig. Es kommt zur "Begegnung" von Freund und Feind in der Trümmerwüste! Die Formen von Angriff und Verteidigung verwischen sich. Die Beherrschung der elementaren Ortskampftechnik (Einzel- und Trupparbeit) wird nun über Sieg oder Niederlage entscheiden!

So zeigen Kriegserfahrungen, dass häufig das oberste Stockwerk eines Gebäudes in der Hand von "Rot" ist, während sich in einer mittleren Etage Soldaten von "Blau" eingenistet haben. Im Erdgeschoss sitzen wiederum Landser von "Rot", während das Gelände drum herum von "Blau" kontrolliert wird. Jeder umzingelt jeden! Selbst wenn der Angreifer siegreich war, findet er sich in der gleichen Bedrouille wieder, wie vorher der Verteidiger:

Wenn du ein Objekt besetzt hast, kommt der schwächste Moment der ganzen Aktion. Du bist vom Kampf erschöpft, desorganisiert, hast Verluste erlitten und den Großteil der Munition verschossen. In dieser Lage musst du mit einem Gegenstoß des Gegners rechnen. Überwinde diesen Tiefpunkt (..).

Auch alle Bewegungen der Militärs innerhalb einer Stadt werden unter Gefechtsbedingungen zur Tortur, weil der einzelne Soldat ständig riskiert, von einem Scharfschützen aus einem x-beliebigen von hundert verschiedenen Fenstern erschossen zu werden.

Die Stadtlandschaft ist ein unbarmherziges Gelände. Es gibt keine Gräben, (..), wenige Büsche und nur wenig Unterholz in die sich der Soldat verkriechen könnte, wenn er sich bedroht fühlt. (..) Du kannst nicht ungesehen um eine Hausecke schleichen. Du musst dich dazu durchringen, um sie herum in einem mutigen Akt zu stürmen,

stellte Oberst Dewar fest.

In einer amerikanischen Dienstvorschrift heißt es:

Das richtige Vorgehen im bebauten Gelände ist die grundlegendste Fähigkeit, die der Soldat beherrschen muss. Die Fortbewegungsarten sind solange zu üben, bis sie zur zweiten Natur werden. (..) Alle Soldaten müssen eine Mauer taktisch richtig überqueren können. Nachdem der Soldat die feindwärtige Seite gesichert hat, rollt er sich flach und schnell über die Mauer. Seine Geschwindigkeit und die flache Silhouette verhindern, dass er dem Feind ein gut erkennbares Ziel bietet. Gebäudeecken sind gefährlich. (..) Der häufigste Fehler hierbei ist, dass die Waffe über die Ecke hinausragt und so seine Position verrät. Auch schaut der Soldat niemals in Kopfhöhe aus der Deckung. Richtig liegt er dabei flach auf dem Boden, (..) Wenn der Soldat vor einem Fenster steht, kann ihn ein feindlicher Schütze aus dem Gebäudeinneren bekämpfen, ohne sich selbst dem Feuer auszusetzen. Der Soldat verhält sich richtig, wenn er unterhalb des Fensters bleibt und dafür sorgt, dass er sich nicht gegen das Fenster abzeichnet. (..) Der Soldat passiert ein Kellerfenster richtig, indem er sich eng an die Gebäudewand hält und über das Kellerfenster springt, ohne seine Beine zu zeigen.

Was der Soldat machen soll, wenn unter dem Fenster zugleich ein Kellerfenster ist, bleibt ein militärisches Geheimnis von Kunstturnern.

Trotz gegenteiliger Behauptungen der Militärs ist es daher gar nicht möglich, die Soldaten für einen Krieg in der Stadt "realistisch" vorzubereiten. In der Ausbildung der Soldaten für den Ortskampf gibt es erhebliche Defizite. Im "Reibert" für den "einfachen" Soldaten der Bundeswehr wird der Ortskampf erst gar nicht erwähnt. Selbst Grundkenntnisse sind Unteroffizieren oder Offizieren vorbehalten. Die Soldaten lernen das Schießen meist im Liegen oder im Knien. Beim Nahkampf in der Stadt wird aber reflexartig aus der Hüfte geschossen, was aus Kostengründen nur Spezialeinheiten üben.

Die Übungskampfanlage für den Häuserkampf der Bundeswehr, das sogenannte "Bonnland" an der Kampftruppenschule in Hammelburg, ist ständig überbelegt. Hier versuchen Einheiten, für out-of-area-Einsätze zu trainieren. Die Ausbildung scheitert schon daran, dass fast alle gängigen Infanteriewaffen für den Feld-, Wald- und Wieseneinsatz entwickelt wurden. So ist es für jeden Schützen lebensgefährlich, in einem Zimmer eine Panzerfaust oder Panzerabwehrrakete abzufeuern, da er durch den Abgangsstrahl den ganzen Raum und sich selbst in Brand setzen würde. Nach wie vor kommt jeder Ortskampf einem Himmelfahrtskommando gleich. Die "Kriegsspiele" im Pentagon endeten mit einer Verlustquote - Tote und Verletzte - von 30 bis 70 Prozent.

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