Finanziert die Welt das amerikanische Imperium?

09.04.2003

Die USA könnten aus einem gewonnenen Irak-Krieg eine neue, moderne Art des Kolonialismus entwickeln

Die ersten Vorbereitungen seitens der USA für den Nachkriegsirak lassen keinen Zweifel daran, dass der US-Steuerzahler die Zeche für den Krieg und die Vereinten Nationen das Geld für den Aufbau des Landes zahlen sollen. Auch wenn dieser Schachzug nicht von langer Hand geplant war, stellt er eine Weiterentwicklung der kolonialistischen Idee des "Empire" dar, in dem private Firmen die Profite einstrichen, während der Staat für die Verwaltungskosten aufkam.

Lohnen sich Kolonien? Diese Frage stellten sich unter anderem viele Franzosen, als ihr Reich bereits verfallen war. So hat Mitte der 1960er Jahre Raymond Cartier, Herausgeber von Paris-Match, in einer Artikelserie "Attention! La France dilapide son argent" ("Vorsicht: Frankreich vergeudet sein Geld") argumentiert, dass beispielsweise Schweden und die Schweiz ohne Kolonien offenbar besser dran seien als Frankreich und die Briten mit Kolonien. Andere seiner Landsleute folgten dieser Idee konsequent und riefen dazu auf, nicht in Afrika, sondern im französischen Mutterland zu investieren.

Heute dürfte eher die Meinung von Marc Ferro vorherrschend sei: Das Mutterland habe durchaus von seinen Kolonien profitiert. Der französische Historiker, der den Deutschen vor allem durch die Sendung "Die Woche vor 50 Jahren" bei arte bekannt wurde, fasst in seiner fulminanten "Histoire des colonisations" die Haltung der Briten nach 1960 zusammen, die die Wende vom Kolonialismus zur Globalisierung erfolgreich durchmachten:"Die weltweiten Kolonien mussten nicht mehr im alten politischen System unterhalten werden. Die multinationalen Firmen waren nunmehr in der Lage, es zu ersetzen." Noch deutlicher wird er, wenn er auf die französischen Kolonien zu sprechen kommt: "Sie kosteten den Staat, brachten aber Gewinne für private Firmen ein."

Amerikas "Kolonien"

Die USA haben seit Ende des 19. Jahrhunderts eine andere Art entwickelt, die Ressourcen in Übersee für sich zu sichern. Aus den Philippinen wurde keine Kolonie im europäischen Sinne und auch kein US-Bundestaat, doch die Bindungen zwischen dem Land und den USA sind sehr eng. Heute dürfen Philippinos sogar im US-Militär dienen. Im Gegenzug nehmen die USA alles aus dem Land, was sie haben wollen:

"The Philippines is rich in natural gas, oil and geothermal supplies. Mindanao has long been exploited for its natural resources by local and overseas power elites. Creating a stable environment for foreign investment - at any social or environmental cost - has been the aim of successive Philippine governments."

Die USA haben also schon lange erkannt, dass man keinen Staat in Übersee - wie in den französischen und britischen Kolonien - aufbauen muss, um an die Reichtümer eines Landes zu kommen. Eine willige einheimische Regierung, die man schmieren kann, genügt. Der europäische Kolonialismus stellte eine Subventionierung der ersten multinationalen Firmen durch den Staat dar. Die Amerikaner haben vor den Briten und Franzosen erkannt, dass man unter bestimmten Umständen auf den kostspieligen Verwaltungsapparat weitgehend verzichten kann. Wenn diese Ausgaben wegfallen, bleiben nur die Einnahmen der Multis.

Die Geburt einer neuen Form der Subventionierung?

Was aber, wenn die einheimische Regierung dem Mutterland nicht mehr genehm ist? Dann muss der Staat doch noch einschreiten. Neben mehr oder weniger subtilen subversiven Eingriffen, so wie die USA sie seit Jahrzehnten in Lateinamerika praktizieren, hat der Golfkrieg 1991 gezeigt, dass man sich einen Krieg zahlen lassen kann:

"In the first Gulf War, about 90% of the $61 billion tab was picked up by U.S. allies, which included Saudi Arabia, Kuwait, Japan, Germany and South Korea."

Nun könnte es passieren, dass die Welt - vertreten durch die UNO - den Aufbau des Nachkriegsiraks finanzieren wird. Damit würden die einzigen verbliebenen Kosten für imperialistische Eingriffe entfallen, denn es werden weitgehend US-Firmen sein, die die Aufbauarbeit im Nachkriegsirak leisten - und sich zahlen lassen. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Daneben könnten Ölverträge mit russischen und französischen Firmen neu verhandelt werden, nämlich mit US-Firmen. Wer bezweifelt, dass sich das Geschäft lohnen wird, sollte sich diese Zahlen der Weltbank auf der Zunge zergehen lassen:

BIP der BRD (2001) $ 1,9 Billionen
BIP der USA (2001) $ 9,9 Billionen
Ölreserven im Irak (heute) $ 3.4 Billionen323

Dabei muss die Subventionierung von amerikanischen Firmen durch die Welt gar nicht Teil eines Plans gewesen sein. Schließlich hat sich Europa in dieser Frage auch entzweit, ohne dass diese glückliche Wendung das Kind des Pentagons ist.

Nichts aber könnte dem Pentagon gelegener kommen als eine gespaltene EU, die den USA nicht nur vom Angriffskrieg nicht abhalten kann, sondern auch nicht in der Lage ist, diesen Krieg für völkerrechtswidrig zu erklären. Dabei haben manche Experten des internationalen Rechts keine Probleme, den Angriff auf den Irak als völkerrechtswidrig zu verurteilen. So gab der ehemalige General-Sekretär der UNO, Boutros Boutros-Ghali, dem Sender 3Sat am Wochenende in einem Interview bekannt: "Der Krieg gegen den Irak ist illegal. Er widerspricht der Charta der Vereinten Nationen."

Nun kann die Bush-Regierung nicht nur ohne eine einheitliche Opposition auf Regierungsebene schalten und walten, um an kostbare Ressourcen zu kommen, sondern eventuell auch die Kosten ihres militärischen Eifers an die unwillige Welt abwälzen.

While the American people will end up paying for the war, oil companies, weapons manufacturers, arms dealers, and corporations involved in 'reconstruction' work will make direct gains from the war.

Was ist, wenn es den Vereinigten Staaten nicht nur gelingt, Saddam abzusetzen und eine US-freundliche Regierung, die die Interessen von US-Firmen wahrt, einzusetzen (so wie in Afghanistan), sondern es auch schafft, die Kriegsgegner für die Kriegsschäden zahlen zu lassen? Denn es ist bekannt, dass an ersterem bereits gearbeitet wird. Dann dürften militärische Interventionen erst richtig wirtschaftlich sinnvoll erscheinen. Und da die USA allein im Jahre 2002 ein Handeldefizit von 550 Milliarden Dollar hatten (knapp $2000 pro Kopf), wovon das Erdöl allein fast ein Drittel ausmacht, kann man dem französischen Historiker Emmanuel Todd nur beipflichten: "Es ist zunehmend so, dass die Welt produziert, damit Amerika konsumieren kann."

Heute rufen schon die ersten Stimmen, dass man die UNO beim Aufbau des Iraks einschalten muss, anstatt ihn den USA zu überlassen. Denn Colin Powell hat schon klargemacht:

"We didn't take on this huge burden with our coalition partners not to be able to have a significant, dominating control over how it unfolds."

Wie kann dabei verhindert werden, dass die Welt die USA für einen Krieg bezahlt, den sie mit überwältigender Mehrheit nicht wollte? Anscheinend nur dann, wenn der Irakkrieg II zu einem Vietnam II fürs US-Militär wird. Dann bleibt die Baath-Partei an der Macht, und keiner baut den Irak wieder auf. Man wünscht sich weder das eine, noch das andere. Aber wo liegt der dritte Weg?

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