Alle Wege führen nach Bagdad

Harald Neuber 11.04.2003

Zwischen Berufsethik, dem Druck der Redaktionen und Abenteuerlust: Beobachtungen aus dem Alltags der Kriegsberichterstatter in Jordanien

Irakische Botschaft, Amman. Im übervollen Warteraum der Konsularabteilung herrscht eine gespannte Atmosphäre. Mehr noch als Iraker drängen vor den Schaltern der Visa-Abteilung ausländische Pressevertreter. Alle wollen das begehrte Visum für die Einreise in den Irak. Fast alle kommen umsonst. Während ein südkoreanisches Fernsehteam lautstark mit einem der Konsularangestellten hinter der Glasscheibe diskutiert, geht der irische Fotograf Howard Stevenson seine Unterlagen durch. Seit über einer Woche hat er jeden Tag vorgesprochen. Vor zwei Tagen dann wurde Stevenson vor dem Konsulat eine Telefonnummer zugesteckt. Der Kontaktmann "Muhrat" erklärte ihm am Telefon, die Einreise nach Irak organisieren zu können. Für ein "offizielles Visum" und den Transport von der jordanischen Hauptstadt bis nach Bagdad berechne er 2.500 US-Dollar - zuviel für den freien Journalisten. "Deswegen wird sich die Sache heute entscheiden", sagt er. "Entweder Sie geben mir das Visum oder ich fahre zurück". Aber auch an diesem Tag kommt er vergebens: Sein Name steht nicht auf der Liste.

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Presse-Hotel Intercontinental in Amman. Fast 2000 Journalisten berichten von Jordanien aus über den Irak-Krieg.

Fast 2.000 Journalisten berichten derzeit aus Jordanien über den Irak-Krieg. Im Hotel Intercontinental der Hauptstadt Amman organisieren die Vereinten Nationen und die britische Regierung ihre täglichen Pressekonferenzen, die jordanische Regierung vergibt Akkreditierungen. Die großen Geschichten lassen sich hier nicht finden. "Die Journalisten sind wie ein Vogelschwarm", meint Stevenson. Sie kreisen von einer Geschichte zur nächsten, "bis sie wieder bei der ersten ankommen".

Die Informationslage in Amman ist dürftig. Auf den UN-Konferenzen herrscht zwar eine durchaus freundliche Atmosphäre, wichtige oder gar exklusive Informationen sucht der Berichterstatter hier aber vergeblich. Nicht anders sieht das Bild in den Lagezentren der übrigen Anrainerstaaten aus. Von vornhinein zum Scheitern verurteilt ist, wer sich auf die Suche nach irakischen Stellungnahmen macht. Nach mehreren Bombentreffern ist das irakische Staatsfernsehen in der zweiten Kriegswoche endgültig ausgefallen.

Ins Bett oder nach Bagdad

Der Mainzer Publizist Michael Kunczik schreibt, Journalisten im Golfkrieg 1990/ 1991 hätten sich in einem Mediengefängnis befunden. Entgegen den ersten Eindrücken sind die internationalen Berichterstatter im zweiten US-irakischen Krieg keineswegs aus der Informationshaft entlassen worden. Während bei dem Feldzug zu Beginn der neunziger Jahre der Zugang auf das Schlachtfeld offen verwehrt wurde, um der Weltöffentlichkeit grünstichige und inhaltsleere Nachtaufnahmen vorzuspielen, wurde vor dem andauernden Krieg zwar die Taktik geändert, nicht aber die Politik. Das Heer von Tausenden in das anglo-amerikanische Heer "eingebetteten" Journalisten (Fully embedded) soll konforme Berichterstattung in einem solchen Maße nach außen tragen, dass die kritischen Stimmen untergehen. Schon in den ersten Kriegstagen zeigte sich, dass die Wirkung dieses Vorgehens überschätzt wurde. Kaum zufällig wurden Forderungen der US-Heeresführung laut, Ausländer sollten das Land verlassen. Vor allem Journalisten waren gemeint.

Szene aus dem irakischen Staatsfernsehen. Nach mehreren Bombentreffern fiel der Sendebetrieb in der zweiten Kriegswoche endgültig aus

Wie in kaum einem anderen Krieg besteht für unabhängige Berichterstatter im Irak ein Risiko für Leib und Leben. Anders als man nun vermuten könnte, werden sie aber nicht vorsätzlich ins Visier der Kriegsparteien gerückt. Das Novum in diesem andauernden Irak-Krieg ist, dass auf die von internationalen Abkommen geschützten Medienvertreter von Seite der westlichen Armeen schlichtweg keine Rücksicht mehr genommen wird. Journalisten können mit der Truppe "embedded" mitreisen oder sie berichten auf eigene Gefahr. Und die ist erheblich: Seit Beginn des Angriffes auf den Ölstaat Irak vor drei Wochen haben fast ein Dutzend Pressevertreter ihr Leben verloren.

Wie leichtfertig das Leben von Journalisten gefährdet wird, zeigt die Reaktion von führenden US-Militärs, nachdem Mitte der Woche das Bagdader Palestine-Pressehotel mit Granaten beschossen, dabei zwei Journalisten getötet und drei schwer verletzt wurden (Beseitigung und Einschüchterung der Augen der Weltöffentlichlichkeit). Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" schrieb: "Im US-Hauptquartier in Doha bekräftigte General Vincent Brooks, Truppen seien aus der Lobby des Hotels beschossen worden." Die Rechtfertigung hatte einen Haken: Die Lobby des Hotels weist nach Süden, die US-Militärs schossen aus dem Norden. In jedem Einzelfall werden nun Untersuchungen angestellt werden. Eine Botschaft aber ist unmissverständlich: Auf die Presse wird keine Rücksicht mehr genommen.

"Wir fahren gleich- kommst Du mit?

In Amman spielte dieses Risiko indes nur eine untergeordnete Rolle. Anforderungen an sich selbst und der mehr oder minder direkte Druck der Redaktionen treiben Kollegen in den Krieg. Das mag auch für den französischen Fotografen gelten, der sich am späten Abend im Business-Center des Intercontinental auf die Suche nach einen Farbkopierer macht. "Wir sind sechs und haben ein Auto gemietet", erklärt er. Mit kopierten Visa wollen sie über die Grenze kommen. "Wir fahren gleich", ruft er im Gehen, "wenn Du willst, dann komm doch mit".

Für Elisabetta Piqué, die Korrespondentin der argentinischen Tageszeitung "La Nación", ist dieses Verhalten unverständlich. Im Irak zögen sich die regulären Truppen in diesen Tagen zurück, meint sie. Es sei der gefährlichste Moment, in das Land zu reisen, "denn die haben nichts mehr zu verlieren". Tatsächlich waren so im Juni 1999 auch zwei Mitarbeiter des Magazins "Stern" im Kosovo umgekommen. Flüchtende Paramilitärs hatten die Journalisten auf einer abgelegenen Straße erschossen. Sie brauchten das Auto.

Natürlich gehört zur journalistischen Arbeit im Krisengebiet Abenteuerlust, jeder will möglichst nah am Geschehen sein. Dass dafür unverhältnismäßig hohe Risiken eingegangen werden, liegt vor allem an der unbefriedigenden Arbeitssituation in den Nachbarländern. Besonders Mitarbeiter großer Medienunternehmen, die mit mehreren Korrespondenten in der Region vertreten sind, haben hier das Gefühl, aus der zweiten Reihe zu berichten. Auch in dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zur Lage während des letzten Golfkrieges.

Harald Neuber, Amman

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14582/1.html
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