Der schöne und heroische Krieg
Vereinzelt wird in den USA Kritik an den US-Medien laut, die den Menschen nicht die Wirklichkeit des Krieges zeigen
Bislang sind die amerikanischen Zuschauer des nationalen Heldenepos im Irak, das sorgfältig militär- und medientaktisch vorbereitet wurde, offenbar ganz zufrieden mit dem ihnen angebotenen Wartainment - und damit auch mit der Bush-Regierung, zumindest was die Außen- und Kriegspolitik betrifft. Nachdem nun auch das Finale erreicht und offiziell das Hussein-Regimes entmachtet ist - "The regime is gone", verkündete Ari Fleischer - , dürfte das Interesse am weiteren Geschehen im Irak allmählich nachlassen, wenn es darum, das Chaos zu bändigen, das nach dem Sturz einer jahrzehntelangen Diktatur ausgebrochen ist. Aber bislang haben, so kritisiert Eric Boehlert in Salon, die Amerikaner viele Bilder gar nicht gesehen, die zeigen, was Krieg ist und was er anrichtet.
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Versprochen wurde vor allem dem amerikanischen Fernsehpublikum viel. Nachdem im Afghanistan-Krieg der aufgebaute böse Gegenspieler zu US-Präsident Bush geisterhaft von der Bühne verschwunden ist und der eindruckvolle Hightech-Krieg mit dem tödlich-schönen Bombenschauspiel einem sich lange, die knappe Aufmerksamkeitsspanne des Fernsehpublikums schnell erschöpfenden Kleinkrieg und einem nicht recht in die Gänge kommenden "nation building" gewichen ist, holte man mit Saddam Hussein schnell den alten Bösewicht aus der Zeit auf die Bühne, in der die meisten der Regierungsmitglieder und -berater ihre Wurzeln haben.
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Trotz aller Scheinverhandlungen über eine friedliche Lösung tickte schon zu Beginn des letzten Jahres unüberhörbar deutlich der Countdown für den Irak. Zeit brauchte man, wollte man zynisch denken, nicht nur für das Weichkneten der Gehirne und den Truppenaufmarsch, sondern auch für die mediale Vorbereitung. Die Spannung wuchs, immer wieder hörte man, es dauere nicht mehr Monate, sondern nur noch Wochen. Die Zeit wird knapp. Dann entwickelte man zur besseren Kontrolle und zur Steigerung der Erwartung, da ein schneller Sieg über den Irak gar nicht in Frage stand, das Konzept des Live- oder Reality-TV-Krieges mit Hunderten von eingebetteten Reportern, die den Marsch auf Bagdad, den Sturz von Hussein, den Jubel der befreiten Menschen und die glorreiche US-Berufsarmee mit ihren funkelnden Hightech-Waffen direkt, aber unter Aufsicht in die Wohnzimmer senden sollten.
Angekündigt wurden Wunderwaffen, die Mutter aller Bomben, ein Shock-and-Awe-Spektakel, kurz: ein Erlebnis, wie es dies noch nie gegeben hat. Historisch einmalig, unüberboten, ein Thriller, spannend und bewegend, aber mit einem beruhigend sicheren Finale und einem guten Ausgang. Auch wenn nicht alles immer gut lief, so ging der Marsch nach Bagdad doch sehr schnell und das Kartenhaus der Diktatur stürzte vorerst zusammen. Die "embeds" hatte das Pentagon gut im Griff, Schwierigkeiten aber machte die Strategie Hussein, der ebenfalls viele Journalisten nach Bagdad kommen ließ und sie, gut kontrolliert, berichten ließ. So standen die Bilder der Angreifer denen der Opfer gegenüber. Die nicht vom Pentagon kontrollierten Reporter lieferten denn oft auch die Bilder, die man im Pentagon nicht wollte und die auch die "unabhängigen" amerikanischen Fernsehsender den Menschen vorenthielten.
Der angebliche primäre Grund, der von der US-Regierung und der übrigen Koalition der Willigen für den Krieg angegeben wurde, war die Gefahr, die von den im Irak existierenden Massenvernichtungswaffen ausgehen soll. Damit konnte man sagen, man habe nur umgesetzt, wozu die UN nicht in der Lage ist. Bislang wurde allerdings noch nichts gefunden, auch wenn dies natürlich noch möglich wäre. Letztlich wird aber auch das auch niemand kümmern, selbst wenn der gestürzte, aber bislang verschwundene Diktator ein zutiefst amerikanisches Geschöpf ist.
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Bislang jedenfalls zeigten sich die amerikanische Bevölkerung nach Umfragen zufrieden mit dem Krieg und der Berichterstattung. Bei einer Umfrage zwischen dem 2. und 7. April des Pew Research Center sagten zwar 39 Prozent, dass der Krieg andere wichtige Themen aus den Nachrichten zu sehr verdränge, aber 74 Prozent fanden die Berichterstattung "gut" (42%) oder gar "ausgezeichnet" (32%) - womit vor allem das Fernsehen gemeint ist. Über 60 Prozent fanden die Berichterstattung gerade richtig, für 23 Prozent gingen die Medien gar zu kritisch mit dem Militäreinsatz um. 58 Prozent finden das Konzept der "eingebetteten" Journalisten gut. Was die Themen im Einzelnen betrifft, so meinen jeweils über 60 Prozent, dass ausreichend über eigene Verluste und Bombardierungen berichtet wurde. Für 51 Prozent traf das auch für die irakischen Opfer zu, obgleich 28 Prozent sagten, das sei zu wenig geschehen.
US-Präsident Bush gab sich in seiner Rede am Samstag denn auch mit dem Stand der Irak-Dinge sehr zufrieden, die Fernsehbilder eingeschlossen. Die ganze Welt habe während der letzten Tage sehen können, wie das Hussein-Regime zusammengestürzt ist: "Wir werden uns immer an die ersten Bilder von einer Nation erinnern, die von Jahrzehnten der Tyrannei und der Angst erlöst wurde. Der Konflikt im Irak geht weiter und unsere Soldaten müssen vielleicht noch hart kämpfen. Doch die Statuten und alle Produkte seines Terrorregimes verschwinden." Bush wies darauf hin, wie vorsichtig die Soldaten vorgegangen seien, vor allem aber betonte er, wie sehr die Menschen im Irak "den Beginn der Freiheit" feiern. Auf die gegenwärtigen Probleme ging Bush ebenso wenig ein wie auf die Opfer des Krieges.
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| Das von Salon veröffentlichte Bild. Mitleid ist okay ... |
Das stimmt mit dem zusammen, was Eric Boehlert beschreibt, nämlich dass nicht nur die US-Regierung, sondern auch die US-Medien ihre Zuschauer schonen und ihnen die hässliche Seite des Krieges nicht zeigen. Die Medien außerhalb der USA würden weitaus mehr grausame Bilder und Berichte über die Opfer des Krieges gezeigt haben: "Die US-Medien zeigen ihren Zuschauern traditionell keine emotional verstörende visuelle Beweise für die Verletzungen des menschlichen Körpers durch den Krieg."
Auch Ty Burr sagt im Boston Globe, dass die Amerikaner möglicherweise noch Jahre warten müssten, um ein "ungefiltertes Bild von dem zu sehen, was jetzt im Irak passiert". Überall in der Welt hingegen würde die Menschen Bilder sehen und Informationen hören, die von der Regierung und den Mainstreammedien ihren Bürgern und Zuschauern nicht zeigen wollen. Das betreffe Bilder von Opfern auf beiden Seiten, Bilder von verletzten und getöteten Irakern, aber auch Bilder von gefangenen Amerikanern. Das, so Burr, würde "die Grenzen des Geschmacks überschreiten, werden wir belehrt. Aber das macht auch der Krieg, wenn man jemanden daran erinnern muss. Zusagen, dass wir einen Krieg führen sollen, während wir als Volk von dessen Besonderheiten wegsehen, kann nur Scheinheiligkeit sein."
Boehlert und Burr geben beide die URLs von Webseiten an, auf denen Bilder zu sehen sind, die Amerikaner im Fernsehen und vom Pentagon aus nicht sehen sollen. Wenn man hier Bilder von Toten und Verletzten - beispielsweise die Bilder, die al-Dschasira verbreitet hat - sehen wird, die einen verstören, so sollte dies auch so sein, sagt Burr. Schaut man weg, so würde man riskieren, "aktiv und willentlich blind" zu werden.
Boehlert meint, dass die Amerikaner wegen dieser Zensur "kaum eine Vorstellung davon haben, wenn die weltweit stärkste Militärmacht anhaltend, wenn auch gezielte Angriffe auf eine verarmte, von einem Despoten beherrschte Nation ausführt.". Nur in den Printmedien wie dem Time Magazine, der New York Times oder dem New Yorker habe es einige Bilder von Verletzten und Toten gegeben, die betroffen machen, ohne dass sie sentimental eingehüllt worden seien. Er verweist auf das "vielleicht bekannteste Schlachtfeldfoto", das in fast allen Zeitungen auf der Titelseite gezeigt worden sei: ein amerikanischer Arzt, der im Dreck kauert und ein junges irakisches Mädchen in seinen Armen hält, kurz nachdem ihre Mutter in einem Schusswechsel getötet worden ist.
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Aber Bilder, die betroffen machen, seien die Ausnahme. Beispielsweise das Bild des irakischen Jungen, der seine beiden Arme - und seine ganze Familie verloren hat. Normalerweise jedoch würde man nur Soldaten sehen, die kämpfen, Zivilisten helfen oder ihre neuesten Waffentechnologien vorführen. Die Folgen der Gewalt würden ausgeblendet, Tod, Leichen und schwere Verletzungen kaum gezeigt, vor allem nicht im Fall von amerikanischen Soldaten. Möglicherweise hätten die Medien Angst, dass sie bezichtigt werden könnten, Antikriegspropaganda zu machen. Das dient der Regierung, die Krieg führt. Und die hatte, als al-Dschasira Bilder der gefangenen und getöteten US-Soldaten, aber auch schreckliche Bilder der Bombenopfer zeigte, heftig reagiert. Es wurde erstaunlicherweise auf internationale Abkommen zum Umgang mit Kriegsgefangenen hingewiesen, die allerdings in diesem Fall gar nicht zutrafen. Die amerikanischen Medien parierten dennoch. Und ganz zufällig landete wieder wie schon im Afghanistan-Krieg eine Präzisionsbombe auf dem Büro des arabischen Senders. Das ist deutlich.
"Ich bin sicher, es gibt dort eine Menge an Gemetzel, das nur nicht gezeigt wird", sagt Christopher Hanson, der vom ersten Golfkrieg berichtet hat. "Die Berichterstattung gibt den Menschen in Amerika, die eine Tendenz haben, das verleugnen, einen falschen Eindruck vom Krieg." Boehlert meint jedenfalls, es sei Zeit, dass die US-Medien ihre "Kriegskonsumenten" auch mit den Realitäten konfrontieren, die mansche als "unangenehm" bezeichnen könnten. Und tatsächlich müssten diejenigen, die einen Krieg führen, die ihn unterstützen oder die in einer Welt leben, in der es Kriege gibt, zumindest hin und wieder sehen, was Krieg bedeutet. Der Wirklichkeit ins Auge zu schauen, ist keine Propaganda. Und gerade in den Ländern, in denen wie in den USA die Medien überquellen von fiktiver oder virtueller Gewalt, wäre es dringend geboten, die Menschen im angemessen Kontext mit den Aspekten der wirklichen Welt zu konfrontieren, die es gibt und für die sie möglicherweise auch mit verantwortlich sind.
Gleichwohl, auch Salon hatte nicht den Mut, die Bilder zu zeigen, und veröffentlichte nur die Links zu einigen wenigen Seiten, die solche Bilder von der Wirklichkeit veröffentlichen. Man könne schließlich auch nicht garantieren, dass sie authentisch oder korrekt seien: "Also please keep in mind that the images in many cases display a level of gore substantially greater than what the American media typically offers. Many readers may find them disturbing. Click at your own risk." Man überlässt es also dem Einzelnen, ob er sich dem aussetzen will, was im Falle der USA jeder Leser/Zuhörer/Zuschauer mit verantworten muss, der den Krieg befürwortet und hinter der Bush-Regierung steht. Dass Salon meint, dies nur so machen zu können, ist erneut ein Hinweis darauf, wie groß der wirkliche oder eingebildete Druck auf die amerikanischen Medien ist.
Das freilich ist nicht nur in den USA der Fall, sondern auch in Deutschland, wo sich doch die Regierung dem Krieg widersetzt hat. Telepolis wurde beispielsweise mit einer Anzeige von Seiten der "Freiwilligen Selbstkontrolle der Multimedia-Diensteanbieter" gedroht, weil in einem Artikel (Bombenzensur oder "Kollateralschaden"?) eben eines der Bilder von al-Dschasira veröffentlicht wurde, auf das die Links von Salon verweisen. Der Vorwurf ist, offenbar damit eine unschickliche "Verbreitung und Veröffentlichung von Gewaltdarstellungen" zu begehen. Dass die "Darsteller" selbst dagegen keine Beschwerde einlegen können, sondern nur Beschwerdeführer, die so etwas nicht sehen wollen, liegt dummerweise daran, dass der Krieg keine Fiktion ist.
Das Bild des verstümmelten und verbrannten Ali Ismail Abbas, der nicht nur seine Arme, sondern auch seine Eltern durch einen Bombenangriff verloren hat und mittlerweile zum Symbol der irakischen Kriegsopfer wurde, ist immerhin - und zu Recht! - weltweit und auch in deutschen Medien verbreitet worden. Die Freiwillige Selbstkontrolle hätte viel zu tun, um die Medien von den schmutzigen "Gewaltdarstellungen" zu säubern und den Menschen eine saubere Version des Präzisionskriegs zu liefern, der keine Opfer kennt.
http://www.heise.de/tp/artikel/14/14594/1.html- "Pseudo-Erfinder" (18.4.2003 9:31)
- agitation und kein ende . . (17.4.2003 0:28)
- Bon Bon der Terrorist (15.4.2003 21:06)
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