Internationale Friedensaktivisten unter Feuer

Peter Schäfer 13.04.2003

Israels Militär geht rücksichtslos gegen ISM-Aktivisten vor

Tom Hurndall ist klinisch tot. Ein israelischer Scharfschütze traf den 21-jährigen Engländer in Rafah im südlichen Gazastreifen am Freitag in den Kopf, als er ein Kind aus dem Schussfeld dieses Soldaten zu holen versuchte. Hurndall ist Teil der Internationalen Solidaritätsbewegung ISM, die an vielen Orten der palästinensischen Gebiete gewaltfreien Widerstand gegen die israelische Besatzung leistet.

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Tom Hurndall mit einer anderen ISM-Aktivistin kurz bevor auf ihn geschossen wurde

Damit ist Hurndall bereits der dritte lebensgefährlich verletzte ISM-Aktivist innerhalb eines Monats. Am 5. April "warnte" die Besatzung eines israelischen Schützenpanzers Brian Avery mit einer Salve ihres schweren Maschinengewehrs in Dschenin im Norden des Westjordanlandes. Der 24-jährige US-Amerikaner stand mit erhobenen Händen und einer orangefarbenen Reflektorenweste auf der Straße. Im Gegensatz zu den offiziellen Verlautbarungen der Armee waren zu der Zeit in der Gegend keine palästinensischen bewaffneten Kräfte aktiv. Darüber hinaus sind die Soldaten angewiesen, Warnschüsse in die Luft abzugeben. Die Salve aber schlug im Boden vor Avery ein, wodurch er von einem Regen aus Geschosssplittern und Steinen getroffen wurde, die ihm Teile des Gesichts zerrissen. Brian Avery ist mittlerweile wieder bei Bewusstsein, israelische Ärzte versuchen, sein Gesicht zu retten.

Bereits am 16. März wurde die US-Amerikanerin Rachel Corrie (23) in Rafah von einem israelischen Militärbulldozer überrollt und getötet, als sie die Zerstörung eines palästinensischen Hauses verhindern wollte. Auch sie war durch ihre Kleidung klar erkennbar und kommunizierte mit dem Fahrer außerdem über ein Megafon ("Dummheit: Sich vor einen Bulldozer setzen, um Terroristen zu schützen").

Das israelische Militär geht schon seit langem brutal gegen die gewaltlosen ISM-Proteste vor. Viele berichten von Schlägen. Letzten November schossen Soldaten einer irischen Aktivisten in Dschenin ins Bein. Mit den drei lebensgefährlichen Übergriffen der letzten vier Wochen ist nun aber eine neue Stufe der Eskalation erreicht. Ob es sich hier um Zufälle handelt, muss wegen der starken Häufung zumindest stark bezweifelt werden, lässt sich aber bisher nicht klären. Seit dem Tod von Rachel Corrie schweigt das israelische Militär zu den Vorfällen. Ihr Tod wurde noch als Versehen bezeichnet.

Internationale menschliche Schutzschilde

ISM wurde zwar schon kurz nach Beginn des jetzigen, seit fast 31 Monaten andauernden Aufstandes gegen die israelische Besatzung gegründet, ist aber erst seit April 2002 einem größeren internationalen Publikum bekannt. Eine Gruppe von Aktivisten auch aus Deutschland überwand damals den militärischen Belagerungsring um das Hauptquartier Jassir Arafats und verbrachte dort mehrere Wochen unter heftigem Beschuss. In Betlehem hatten sich zu der Zeit Zivilisten und Militante in der Geburtskirche verschanzt. ISM schaffte es auch hier, die Soldaten auszutricksen und Lebensmittel und Medikamente zu den Eingeschlossenen zu bringen.

Schon über zwei Jahre kommen vor allem junge Leute in die besetzten Palästinensergebiete, um sich friedlich für den Abzug der israelischen Armee zu engagieren. Das ISM-Büro in Betlehem organisiert die Aufenthalte für die vorwiegend aus den USA und Europa stammenden Aktivisten, zu denen auch Gruppen wie die "Juden für einen gerechten Frieden" gehören. Nach einem Training können sich die Teilnehmer für verschiedene Arten des Engagements entscheiden.

Friedliche Demonstrationen gegen israelische Soldaten und Siedler zählen zu den gemäßigten Protestformen, an denen sich auch Palästinenser beteiligen können. Aufgeteilt auf verschiedene Orte begleiten derzeit etwa 30 internationale Aktivisten während der Ausgangssperre Kinder zur Schule oder verteilen Medikamente. Gefährlichere Maßnahmen schließen die Beseitigung von Straßensperren oder das Wohnen in zur Zerstörung bestimmter Häuser ein.

Nach April 2002 wurden die Kontrollen an den israelischen Grenzen verstärkt. "Hunderte" von wirklichen und vermeintlichen Aktivisten wurden erst gar nicht ins Land gelassen. Israelische Polizei verhaftete Aktivisten aber auch schon in den besetzten Gebieten.

Auch blonde Haare sind jetzt kein Schutz mehr

Im Vergleich zu palästinensischen Demonstranten wurden Ausländer vom israelischen Militär bis vor kurzem aber noch mit Samthandschuhen angefasst. "Das einzige, was mir hilft, sind meine blonden Haare", erklärte die US-Amerikanerin Chivvis Moore im April 2002. Nachdem palästinensische Krankenwagenfahrer von den Soldaten nicht durchgelassen und teilweise verhaftet wurden, übernahm die heute 58-Jährige, die eigentlich als Englischlehrerin gekommen war, das Steuer. "Ich profitiere zwar vom israelischen Rassismus, aber es ist ja für einen guten Zweck. Alle Palästinenser sollten sich die Haare blond färben", scherzte sie.

Blond war auch Rachel Corrie. Helle Haare sind jetzt kein Garant mehr auf körperliche Unversehrtheit.

ISM-Aktion in Ramallah im Dezember 2001. Vor dem Panzer sitzt Neta Golan, eine israelische Teilnehmerin. Hinter ihr steht die ISM-Mitbegründerin Huweida Arraf.

"Die Art der Gewalt, die wir verhindern wollten, wird nun gegen uns gerichtet", kommentiert Huweida Arraf, ISM-Aktivistin der ersten Stunde den Schuss auf Tom Hurdall. Sie ist mittlerweile wieder in die USA zurückgekehrt und engagiert sich von dort aus gegen die israelische Besatzung. Arraf weist darauf hin, dass das Neue an der Gewalt nur die Zielgruppe ist. "Wir wissen, dass wir uns innerhalb eines rassistischen Systems bewegen, nicht nur in Bezug auf das israelische Militär, sondern auch auf die internationale Gemeinschaft. Wir wissen, dass Palästinenser geschlagen, willkürlich verhaftet und erschossen werden, und niemand beachtet das."

So führt die internationale Aufmerksamkeit für die drei ISM-Opfer wenigstens dazu, dass die Vorgehensweise der israelischen Armee wieder auf den Prüfstand kommt. Lokalen Beobachtern ist es nichts Neues, dass Soldaten willkürlich auf Teilnehmer einer palästinensischen Demonstration schießen, um diese aufzulösen. Auch unbeteiligte Zivilisten werden nicht verschont. Die Vermittlung dieser Tatsache wird von Dritten immer wieder mit dem Argument gekontert, dass "Israel die einzige Demokratie des Nahen Ostens" sei, als ob diese Missinformation den israelischen Kolonialismus in den 1967 besetzten Gebieten rechtfertigte.

ISM jedenfalls will weitermachen. Angesichts der Gefahr für Leib und Leben mit weniger Teilnehmern, müsste man annehmen. "Das habe ich auch gedacht", wundert sich der Australier Michael Brown im ISM-Büro in Betlehem. "Aber ganz im Gegenteil, die Anmeldungen nehmen zu. Es sind sogar wieder Israelis dabei." Wie erklärt er sich das? "Viele haben kritisiert, dass wir aus Abenteuerlust kommen und nicht wissen, worauf wir uns einlassen. Vielleicht ist das bei wenigen der Fall, aber die meisten wissen sehr gut, was sie hier wollen. Die meisten haben das Klug-daher-Reden satt und wollen sich aktiv einmischen. Ich denke, dass es eine besondere Art von Menschen sind, die sich der Brutalität der Soldaten und auch den sonstigen Eindrücken in den besetzten Gebieten stellen. Viele würden das nicht aushalten."

Trotzdem muss sich ISM jetzt überlegen, ob ein kurzes Training für überzeugte, aber sonst unerfahrene Aktivisten als Vorbereitung auf eine Konfrontation mit dem israelischen Militär - hochgerüstet und "trigger-happy" - ausreicht. Der Spielraum ist nun kleiner.

Peter Schäfer, Ramallah

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14595/1.html
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